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Niedersachsen Ungewöhnliche Einblicke in das Politikerleben
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00:18 28.05.2018
Buchhandlung Decius: CDU-Fraktionschef Toepffer stellt das Buch des EX-OB von Braunschweig, Gert Hoffmann Von Irrwegen in die Verantwortung Foto: Samantha Franson Quelle: Samantha Franson
Hannover

Viele Autobiografien sind schlicht entbehrlich. Die Erinnerungen des langjährigen Braunschweiger Oberbürgermeister Gert Hoffmann zählen nicht dazu, denn sie gewähren Einblicke in politische Verirrungen und werfen ein ungewöhnliches Schlaglicht auf mehr als dreißig Jahre niedersächsische Landespolitik. Am Donnerstagabend hat der Christdemokrat, der von 2001 bis 2014 Oberbürgermeister von Braunschweig war, sein Buch (“Von Irrwegen in die Verantwortung“, Klartext-Verlag) gemeinsam mit CDU-Landtagsfraktionschef Dirk Toepffer vorgestellt. Toepffer lobte die markige, zuweilen schroffe, dabei aber auch humorige Art des Parteifreundes. „Das Buch ist lesenswert und von einer Hoffmann-artigen Offenheit geprägt, der Mann ist einfach Kult.“ Sein Buch, das einen scharfen, nicht immer schmeichelhaften Blick auf die Hintergründe politischer Entscheidungen werfe, sei eine „Blaupause für angewandte Politik“.

Blaupause für den Umgang mit der AfD?

In der Tat beschreibt Hoffmann in einer frappierenden Offenheit, wie er in die kleine und ganz große Politik geraten ist. Wie er als gebürtiger Berliner, dessen Großeltern sich kurz vor Kriegesende aus Angst vor den nahenden Russen umgebracht haben, in den Sog rechtsradikaler Parolen und des ehemaligen NPD-Vorsitzenden Adolf von Thadden gerät. Vor allem seine antikommunistische Haltung habe ihn damals zu den Rechtsradikalen gebracht, schildert Hoffmann, der nach zwei Jahren aber die NPD wieder verließ, um als Christdemokrat zu einem der schillerndsten deutschen Kommunalpolitiker aufzusteigen. Toepffer lobte auf der Veranstaltung in der Buchhandlung Decius in Hannover das Stehvermögen des Kommunalpolitikers, der auch bei Entscheidungen, die er später vielleicht selbst bereute, nie vor der öffentlichen Meinung einknickte. Hoffmanns Schilderungen der eigenen Irrwege, die er gegangen sei, könnten heute auch eine „Blaupause“ für den Umgang mit der AfD sein, meinte der CDU-Landtagsfraktionschef.

Beistelltische auf Bugatti-Felgen

Hoffmann selbst konterte derartige Sätze mit der ihm eigenen Ironie. Er sei „aus der Zeit gefallen“, wolle nur die Vergangenheit beschreiben. Vielleicht könne der eine oder andere aber etwas aus seinen Beobachtungen mitnehmen. Die sind gut zu lesen und gewähren Einblicke in das Gebaren von Politikern, die Niedersachsen und Deutschland über Jahre geprägt haben – von Helmut Kohl über Gerhard Schröder zu Ernst Albrecht, Christian Wulff und Sigmar Gabriel und Stephan Weil. Hoffmann berichtet von Treffen mit Kohl, der nach seinem erzwungenen Abgang mit einer ungewöhnlichen Schärfe über Parteifreunde und -feinde herzieht. Kennengelernt hat der Kommunalpolitiker Hoffmann den Kanzler, als er Regierungspräsident in Sachsen-Anhalt war und verhindern wollte, dass sich die Chemieindustrie ganz aus dem geplagten Bitterfeld zurückzieht. Seit seiner Zeit in der Nachwende-DDR hat Hoffmann Tagebuch geführt, was die Erinnerungen besonders plastisch geraten lässt. So erfährt man etwa, dass im Hause des VW-Patriarchen Ferdinand Piech die Beistelltischchen auf Bugatti-Felgen stehen. Wenig schmeichelhaft ist, was der frühere CDU-Landesvorsitzende Wilfried Hasselmann Hoffmann über den Zustand der hannoverschen CDU offenbarte.„Ein schrecklicher Verein“ sei das und letztlich nicht siegesfähig, sagte Hasselmann, als er Hoffmann überreden wollte, doch als OB-Kandidat in Hannover anzutreten. Doch Hoffmann lehnte ab und wurde wenig später in Braunschweig zum direkt gewählten Oberbürgermeister, der den Haushalt sanierte und das Braunschweiger Schloss rekonstruieren ließ.

Von Michael B. Berger

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