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Niedersachsen Pädagogen arbeiten 1 Stunde und 40 Minuten pro Woche zuviel
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00:17 01.02.2018
Fordern Entlastung für Lehrer: Laura Pooth (li), niedersächsische Landesvorsitzende, und Marlis Tepe, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Quelle: dpa
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Hannover

 Deutsche Lehrer arbeiten zuviel, und sie arbeiten deutlich länger als vergleichbare andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Zu dieser Erkenntnis kommen Göttinger Sozialwissenschaftler, die im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) 20 Arbeitszeitsstudien aus den vergangenen 50 Jahren vergleichen haben. Danach arbeiten Pädagogen an Grund- und Gesamtschulen sowie Gymnasien im Schnitt 1 Stunde und 40 Minuten in der Schulzeit pro Woche mehr als die erforderlichen 46 Stunden und 38 Minuten.

Diese Stundenzahl ergibt sich, wenn man die 40-Stunden-Woche der Verwaltungsbeamten auf die Schulwochen umrechnet. Im Jahr gibt es 39 Schulwochen und 13 Wochen unterrichtsfreie Zeit. Wie alle Beamte haben Lehrer aber eigentlich nur sechs Wochen Urlaub. In den Schulwochen liegt ihre Arbeitsbelastung meist ungleich höher als 40 Wochenstunden. Zwischen 14 und 19 Prozent der Lehrer kämen sogar auf überlange Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden in den Schulwochen, sagte Sozialwissenschaft Frank Mußmann am Montag vor Journalisten in Hannover. „Es fehlen Erholungsmöglichkeiten in den Schulpausen, die Sieben-Tage-Woche ist üblich, und die Entgrenzung der Arbeitszeit  ist fast die Regel.“

Nicht nur Überstunden seien ein Problem, sagte die GEW-Bundesvorsitzende Marlis Tepe, sondern auch das überbordende Arbeitspensum. Die Lehrer hätten immer neue Aufgaben aufgebürdet bekommen, die Pflichtstunden seien aber nicht gesenkt, sondern sogar noch erhöht worden. „Das ist ein bundesweites Phänomen, die Gesundheit der Lehrer ist gefährdet.“ Den Lehrern bleibe keine Zeit mehr für guten Unterricht.

Lehrer müssen zwischen 23,5 und 28 Stunden pro Woche unterrichten

In Niedersachsen müssen Grundschullehrer 28 Stunden in der Woche unterrichten, am Gymnasium liegt die Pflichtstundenzahl bei 23,5.  Elterngespräche, Gutachten, Konferenzen – das Betätigungsfeld der Lehrer wird immer größer, der reine Unterricht verliert laut Mußmann an Bedeutung: Bei den Gymnasiallehrern mache dies derzeit nur noch 30 Prozent der  Tätigkeit aus, an der Grundschule seien es noch 40 Prozent. 

Die Bestimmung der Pflichtstundenzahl und die Einteilung in der niedere und höhere Lehramt seien noch ein Relikt aus der Kaiserzeit, sagte die niedersächsische GEW-Landesvorsitzende Laura Pooth. Andererseits werde der außerunterrichtliche Aufwand auch durch die Zahl der Pflichtstunden bestimmt. Deshalb müsse die Unterrichtsverpflichtung gesenkt werden, wenn auch nicht sofort angesichts des Lehrermangels, so müsse die Landesregierung aber entsprechende Signale senden. Auch die Entlastungsstunden müssten erhöht werden. Wer beispielsweise das Amt des Klassenlehrers übernehme, sollte eine Stunde weniger unterrichten müssen. 

Wer will den Job an der Schule noch?

Schon jetzt fehle der Nachwuchs, vor allem an den Grundschulen, warnte Tepe. Weil Gymnasiallehrer im Schnitt 8000 Euro pro Jahr mehr verdienten als Pädagogen an Grundschulen, sei dies nicht verwunderlich. Ob die höhere Unterrichtsverpflichtung von 28 Wochenstunden auch Interessenten abschrecke, sei unklar, sagte Tepe: „Das müssten wir mal wissenschaftlich unterrsuchen lassen.“

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sagte, Überlastungen bei der Arbeitszeit müssen behoben und Entlastungen im Schulalltag umgesetzt werden. Es sei ihm ein großes Anliegen, hier gemeinsam mit den Lehrerverbänden konsensfähige Lösungen im Dialog zu entwickeln. Vonseiten der SPD hieß es, die Lehrer müssten weiter von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, die Regierung habe schon wichtige Schritte  dazu unternommen. Auch CDU-Bildungsexpertin mareike Wulf sagte, Lehrer sollten sich wieder auf den Unterricht konzentrieren können. Julia Willie Hamburg (Grüne) sagte, es sei besorgniserregend, dass sich die Alarmmeldungen an den Schulen häuften.  Björn Försterling (FDP) forderte, endlich  für alle Schulformen das Gehalt auf A 13 anzuheben.

 

 

 

Von Saskia Döhner

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