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00:17 16.10.2017
Von Matthias Koch
Bernd Althusmann und Stephan Weil dicht an dicht. Quelle: Silas Stein
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Hannover

Wann ist ein Sturm ein Sturm? Manche Niedersachsen verweisen gern auf ihre Gelassenheit an dieser Stelle. Ganz oben im Nordwesten, im Land der Deiche und Inseln, hört man bei Bier und Köm den schönsten Schnack: „Solange die Schafe Locken haben, ist noch kein Sturm.“

Als jüngst das Orkantief „Xavier“ aufzog, war Ministerpräsident Stephan Weil in dieser Gegend unterwegs - und blieb ebenfalls betont locker. Er vertraute sich der Crew eines Kleinflugzeugs des Ostfriesischen Flugdienstes an, die ihm erläuterte, dass es Turbulenzen geben könne. Weil nahm das in Kauf, er wollte schnell von Emden nach Cuxhaven, wo eine SPD-Kundgebung mit Martin Schulz anstand. 30 Minuten lang wurden der Ministerpräsident und seine Begleiter dann in dem zweimotorigen Achtsitzer zwischen Böen und Wolken hin und her geworfen, ein Mitarbeiter sah nach der Landung ganz grün aus. Weil aber schritt pünktlich und gut gelaunt in die Halle: Er freue sich, in Cuxhaven zu sein - und er meinte das diesmal wohl noch ernster als sonst.

„Sturmfest und stark“ steht als Slogan auf Weils Großflächenplakaten. Wenn die jüngsten Umfragen stimmen, gilt dies nicht nur für ihn und seine Partei, sondern für das komplette Bundesland. Alles deutet auf eine lebendige, starke demokratische Mitte in Niedersachsen - begleitet von verhältnismäßig schlappen Prozentzahlen für AfD und Linkspartei.

SPD zeigt sich quicklebendig

Nach der Bundestagswahl hatten Kommentatoren aller Couleur schon den Untergang der Berliner Republik an die Wand gemalt. Nun beginne die unaufhaltsame Radikalisierung der Ränder rechts und links, das Ende der Volksparteien sei gekommen. In Niedersachsen jedoch, dem nach Bayern flächenmäßig zweitgrößten Bundesland in Deutschland, dürfte sich am Sonntag ein ganz anderes Bild bieten.

Die SPD, eben noch totgesagt, zeigt sich quicklebendig. Die Umfragewerte für Weils Sozialdemokraten liegen um verblüffende 14 Prozentpunkte über dem bundesweiten SPD-Ergebnis vom 24. September.

AfD muss sich auf bescheidenes Ergebnis einstellen

Die AfD, hier und da hochgejazzt zur möglichen neuen Volkspartei von rechts, die eines Tages wie Le Pen in Frankreich nach der Macht in ganz Deutschland greifen werde, muss sich in Niedersachsen auf ein bescheidenes Ergebnis einstellen. Zumal sie hier noch zerstrittener ist als anderswo.

Auch die Linkspartei ist zwischen Ems und Elbe schwächer als im Bund - während CDU, Grüne und FDP mit ähnlichen Resultaten wie bei der Bundestagswahl rechnen können.

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Woher kommt diese offenkundige Resistenz? Niedersachsen war stets ein „swing state“, wie die Amerikaner sagen würden. Rote und Schwarze wechselten sich nach längeren Phasen immer wieder ab. Doch alle Schwingungen schienen sich um eine gefühlt stets gleichbleibende Mitte zu bewegen: Die SPD war in Niedersachsen immer etwas wirtschaftsfreundlicher als anderswo, die CDU in Teilen etwas liberaler.

Der Sozialdemokrat Gerhard Schröder dachte sich in Hannover eine Reformpolitik für ganz Deutschland aus, der Christdemokrat Ernst Albrecht ersann hier eine spektakuläre Hilfsaktion für vietnamesische Flüchtlinge. Dass die Regierungschefs jeweils ein bisschen quer zur Linie ihrer Bundespartei segelten, gefiel den Niedersachsen.

Wenn Niedersachsen jemanden über Jahre kennengelernt haben und schätzen, geben sie ihn nicht auf, nur weil ein ungünstiger Wind bläst. Sigmar Gabriel holte in seinem Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel bei der Bundestagswahl vor drei Wochen 42,8 Prozent - als gäbe es gar keine SPD-Krise. Zur Erinnerung: Am gleichen Tag kam seine Partei im Bund auf 20,5 Prozent.

Je ländlicher die Regionen in Niedersachsen sind, umso geringer ist ihr Wankelmut. In Cloppenburg und Vechta geraten die Christdemokraten schon ins Grübeln, wenn ihre Ergebnisse unter 60 Prozent rutschen. Hier machen die Leute übrigens auch die demografische Krise nicht mit, sie bekommen viele Kinder und schicken sie zum katholischen Kindergarten. Auf ihre eigene Art bodenständig sind aber auch die Leute im benachbarten Ostfriesland, in Aurich und Emden etwa, wo evangelische Kirche, Arbeiterwohlfahrt und Gewerkschaften viel zu sagen haben und wo am Sonntag wie zu allen Zeiten die SPD wieder vorn liegen wird.

„Es geht mir nicht um Bekanntheit und Schlagzeilen“

Berliner Journalisten nervten Weil in diesem Sommer mit vielen kritischen Fragen: Warum tut er nicht mehr, um seine Bekanntheit zu steigern? Warum geht er nicht mal zu Anne Will oder Maybrit Illner?

„Es geht mir nicht um Bekanntheit und um Schlagzeilen“, entgegnete Weil. Das war ein wenig kokett, aber nicht ganz falsch. Er habe diese ganz eigene Art des Herangehens an Politik schon sehr früh für sich entschieden. „Der auf Dauer in der Politik entscheidende Faktor heißt Glaubwürdigkeit.“ Mitunter provozierte Weil auf diese Art Augenrollen, auch in der eigenen Partei. „Der Stephan“, hieß es seufzend bei den Sozialdemokraten, sei ja schon immer ein bisschen anders als die anderen in der Partei gewesen.

Doch gerade darin könnte an diesem Wahlsonntag Weils Chance liegen. Als „Oberbürgermeister von Niedersachsen“ haben manche ihn verspottet, es war ihm egal. Weil hat über Jahre hinweg Pathos und allzu präzise Festlegungen vermieden und damit, ähnlich wie Angela Merkel im Bund, gefährliche Fallhöhen gar nicht erst entstehen lassen. Es ist ein Stil, der erst mal niemanden positiv elektrisiert - der aber auf lange Sicht als Gegenmittel gegen Populismus taugen könnte.

Als ihn der Fraktionswechsel einer Grünen-Abgeordneten zur CDU in vorgezogene Neuwahlen zwang, ahnte Weil: Als Erstes muss er jetzt die eigenen Reihen schließen. Das gelang, mit einer kämpferischen Wutrede gegen die CDU. Bald folgten aber, typisch Weil, viele eher zurückgenommene Auftritte, Wahlkampftermine, bei denen es mehr ums Zuhören ging als ums Redenhalten. In der Schlussphase, nach der von Schulz versemmelten Bundestagswahl, präsentierte sich Weil abermals in einer neuen Rolle, als feiner Kerl, der den angeschlagenen Chef der Bundespartei noch immer in Niedersachsen auftreten lässt. Es gab parteiintern Stimmen, die davon abgeraten hatten. Weil, der Kämpfer, Weil, der große Integrator: Wenn er jetzt noch tatsächlich vorn liegt am Sonntag, ist er der neue Star in der SPD. Doch all diese Fantasien könnten sich am Sonntagabend nach 18 Uhr auch schnell erledigen.

Bei den drei letzten Wahlen in Niedersachsen, das wird oft vergessen, lag die SPD stets hinter der CDU. Und diesmal deutet keine einzige Umfrage auf eine Möglichkeit für Rot-Grün. So bliebe nur eine Ampel – was die Liberalen ablehnen. Oder ein rot-rot-grünes Bündnis – was daran scheitern könnte, dass die Linkspartei es vielleicht gar nicht in den Landtag schafft. Mitregieren in einer Großen Koalition unter einem CDU-Ministerpräsidenten Bernd Althusmann kommt für Weil jedenfalls nicht infrage.

Sein Konkurrent sieht die Dinge etwas entspannter. Wenn einer zum ersten Mal antritt, noch dazu unter den holprigen Umständen einer vorgezogenen Neuwahl, muss er nicht gleich gewinnen. Der Kanzlerin scheint der Neue aus Niedersachsen zu gefallen, jüngst sprach sie eine Stunde lang mit ihm unter vier Augen über Gott und die Welt. Auch von seinen neuen Freunden im CDU-Präsidium wird „der Bernd“ sehr nett behandelt. Drei dieser Freunde halfen ihm im Wahlkampf: Annegret Kramp-Karrenbauer (Saarland), Volker Bouffier (Hessen) und Armin Laschet (Nordrhein-Westfalen) warnten am Mittwoch in einem Festzelt in Hannover bei Bier und Bratwurst vor Rot-Rot-Grün.

Althusmann ist wie Weil ein bedächtiger Typ. Er ist ebenfalls bodenständig, aufs Zuhören gepolt, auch ein Mann mit Sensus fürs Soziale; sein Vater war evangelischer Pastor und Leiter einer Obdachloseninitiative. Drei Auslandsjahre mit Frau und Kindern in Namibia haben bei Althusmann die Gelassenheit gegenüber den Problemen in Deutschland wachsen lassen. Manche verdächtigen ihn, er plane insgeheim eine Große Koalition. Tatsächlich kennt er viele „Sozis“ noch von früher, aus seiner Zeit als Kultusminister. Der heutige Innenminister Boris Pistorius arbeitete mal in seiner Schulbehörde als Jurist, mit dem SPD-Wirtschaftsminister Olaf Lies duzt er sich. Den Ministerpräsidenten aber griff Althusmann in diesen Tagen hart an, da ist er ein Wahlkämpfer alter Schule.

Wer am Sonntag gewinnt, erscheint offen – aber folgt man den Demoskopen, dann haben Althusmann und Weil einen Sieg schon errungen: Ihr Kopf-an-Kopf-Rennen hat die Aufmerksamkeit des Publikums in die Mitte gelenkt.

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