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Niedersachsen Die Chefin sitzt selbst gern zu Gericht
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00:18 28.10.2018
Fühlt sich im Oberlandesgericht Celle schon zu Hause: Die neue Präsidentin Stefanie Otte. Quelle: Michael B. Berger
Celle

Sie fühlt sich schon wie zu Hause. Dabei ist sie noch keine drei Monate im Amt. Sie fühlt sich so wohl, dass sie Besucher gern persönlich durch das altehrwürdige Oberlandesgericht in Celle führt, das voll von antiken Möbeln ist und auf dessen Fluren die Bilder der Gerichtspräsidenten hängen. Stefanie Otte, vor Kurzem 51 geworden, ist nach Helga Oltrogge die zweite Frau an der Spitze des wichtigsten niedersächsischen Gerichts. Und freut sich, dass sie mit dieser Stelle auch wieder selbst zu Gericht sitzen darf, als Vorsitzende eines Zivilsenats. „Das hat mir im Ministerium richtig gefehlt“, sagt die fröhliche Juristin, die bis zum Regierungswechsel 2017 Staatssekretärin im Justizministerium war.

Konkurrentenklage abgewehrt

Ihr Wechsel ans OLG hat vor einem Jahr Schlagzeilen gemacht. Weil es die letzte Personalentscheidung der abgewählten, aber formell noch im Amt befindlichen rot-grünen Landesregierung war. Und weil zwei nicht minder prominente Konkurrenten gegen die Berufung Ottes klagten, der Celler Generalstaatsanwalt Frank Lüttig und der hannoversche Landgerichtspräsident Ralph Guise-Rübe.

Der Hannoveraner zog wegen der vermeintlichen Bevorzugung der früheren Staatssekretärin sogar vors Bundesverfassungsgericht – und scheiterte. Wie geht sie jetzt mit ihren früheren Konkurrenten um? „Alles gut“, sagt Stefanie Otte und lächelt. „Wir haben alle die nötige Professionalität.“ Im Übrigen seien Konkurrentenklagen im öffentlichen Dienst nichts Ungewöhnliches – ganz im Gegensatz zur privaten Wirtschaft, wo man derlei nicht gewohnt sei.

Acht Monate Wartezeit

Acht Monate hat Stefanie Otte vor ihrer Berufung zu Hause gesessen beziehungsweise ist durch ihre Wahlheimatstadt Celle getrabt. Denn sie ist Marathonläuferin. „Wenn ich anfange zu laufen, dann geraten meine Gedanken in Fluss.“ Am liebsten würde sie, deren Grundstrecke die Zehn-Kilometer-Distanz ist, einmal am Two-Oceans-Marathon in Südafrika teilnehmen, der wegen der Landschaft zu den schönsten Läufen der Welt zählen soll: 56 Kilometer vom Atlantischen zum Indischen Ozean. „Wenn ich die Zeit dafür hätte­...“ Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Die mehrmonatige Auszeit nach den Jahren im Justizministerium war auch deshalb etwas Besonderes, weil zwei ihrer drei Kinder noch im Haus sind und Stefanie Otte ein ausgesprochener Familienmensch ist.

Familie, sagt sie, habe für sie Priorität. „Ich habe einen wunderbaren Mann, drei wunderbare Kinder – und weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.“ 31 Jahre lebt sie jetzt mit ihrem Mann zusammen und ist darüber sichtlich froh. Letztlich habe ihr auch die Familienkonstellation jene Karriere ermöglicht, die sie jetzt wieder an das Gericht zurückgeführt hat, an dem sie zwischen 2007 und 2013 schon gearbeitet hatte. Zwei Drittel der knapp 300 in Celle direkt Beschäftigten kenne sie namentlich.

Erste Juristin in der Familie

In ihrer Familie ist Stefanie Otte die erste Juristin. Der Vater war Lokführer, ihre Mutter versorgte die drei Kinder – ein Klassiker in den Sechzigerjahren Westdeutschlands. In der Nachbarschaft lebte ein Rechtspfleger. Warum nicht Rechtspflegerin werden, dachte sich die Uelzener Abiturientin Otte und nahm eine Ausbildung zur Rechtspflegerin auf, was ihr schon früh eine gewisse Bodenhaftung bescherte – und die Bekanntschaft mit ihrem späteren Mann, der heute als Oberamtsanwalt arbeitet und als engster Berater der neuen OLG-Chefin gelten dürfte. Ein Jahr hat sie als Rechtspflegerin in Diepholz gearbeitet und sich mit Erbschaftsangelegenheiten und Zwangsvollstreckungen befasst.

Doch die Vorstellung, weitere 40 Jahre in einem System zu arbeiten, das ihr damals „viel zu hierarchisch und sehr männlich“ erschien, behagte ihr auch nicht. Deshalb hat sie in jungen Jahren die Entlassung aus dem Justizdienst beantragt und ein Studium in Osnabrück aufgenommen. Später, die Kinder waren schon da, hat sie sich auch gesellschaftlich engagieren wollen und ist den Grünen beigetreten. Auch als ein Zeichen gegen Politikverdrossenheit. Auch als ein Zeichen an die Kinder, dass man sich in einer Demokratie auch engagieren sollte.

Nun ist sie also Präsidentin des Oberlandesgerichts in Celle, in dessen Einzugsbereich mehr als die Hälfte der Niedersachsen lebt und das sechs Landgerichtsbezirke sowie 41 Amtsgerichtsbezirke umfasst – von Hannover bis hoch nach Stade. Was will sie verändern? Sie will, dass die Justiz noch transparenter werde, noch besser erkläre, warum sie so oder so urteile. „Juristische Urteile sind kompliziert, weil wir komplizierte Prozesse haben. Aber wir müssen noch stärker deutlich machen, nach welchen Spielregeln wir entscheiden.“ Deshalb werde sie auch die Öffentlichkeitsarbeit des OLG verstärken – auf allen Kanälen. Und sie will dafür sorgen, dass die Arbeitszufriedenheit der Justizmitarbeiter wächst, denn die Arbeitszufriedenheit sei der Schlüssel, wenn man geeigneten Nachwuchs gewinnen wolle.

Liebeserklärung an ein Gericht

Als Zeichen des Neuanfangs hat sie auch ihr Büro modernisiert und die antiken Stühle ausgetauscht: Die stehen jetzt im Besprechungsraum, dessen modernes Mobiliar in Ottes Präsidentenzimmer gewandert ist. Ein paar abstrakte Gemälde hat sie an die Wand gehängt. „Heimat“ heißt das Bild des Künstlers Rüdiger Stanko, auf dem sich unterschiedlich breite Streifen befinden. „Die Besucher des Kunstmuseums wurden gefragt, welche Farbe für sie Heimat bedeute. Unter 20 Farben konnten sie aussuchen“, erklärt die Präsidentin. Der grüne dürfte der breiteste Streifen sein. Aber das dürfte in der Wald- und Heidestadt Celle auch nicht überraschen. „Ich bezeichne das OLG als meine Heimat“, sagt Otte. Das ist wohl nur unter Juristen möglich – eine Liebeserklärung an ein Gericht.

Von Michael B. Berger

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