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Niedersachsen Pflegenotstand: Ambulante Dienste lehnen Patienten ab
Nachrichten Politik Niedersachsen Pflegenotstand: Ambulante Dienste lehnen Patienten ab
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18:34 27.05.2018
Wenn die Hilfe ausbleibt: Viele Pflegebedürftigen in Niedersachsen finden keine Betreuungskraft mehr. Quelle: dpa
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Hannover

Der Fachkräftemangel in der Altenpflege verschärft sich dramatisch. So nehmen viele ambulante Pflegedienste derzeit keine neuen Patienten mehr an und kündigen sogar bestehende Verträge. Dies geht aus einer aktuellen Umfrage der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände hervor, über die der NDR berichtet. Danach sind in gut 1700 Fällen Anfragen von Pflegebedürftigen abgelehnt worden, in 63 Fällen mussten sogar bestehende Verträge gekündigt werden. In Niedersachsen werden etwa 80.000 Menschen ambulant gepflegt.

Hannover stark betroffen

Die Umfrage war in den Monaten Februar bis April dieses Jahres an 400 ambulante Dienste gegangen, von denen gut ein Viertel antworteten. 1742 Ablehnungen in drei Monaten seien schon ein deutliches Signal, sagte Birgit Eckhardt, Landeschefin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, der HAZ. „Es kommt tatsächlich vor, dass wir einige Verträge kündigen mussten“, bestätigte sie.

In Hannover seien 196 Anfragen von Pflegebedürftigen abschlägig beschieden worden, in Holzminden nur eine einzige – für Eckhardt auch ein Hinweis auf die vielen Single-Haushalte in der Landeshauptstadt. „Die Umfrage zeigt aber klar, dass der viel beschworene demografische Wandel schon da ist“, sagte die Chefin des Wohlfahrtsverbandes, der 26 ambulante Dienste mit knapp 1000 Mitarbeitern in Niedersachsen hat. Dreh- und Angelpunkt des gesamten Pflegethemas sei, dass gelernte Fachkräfte aus ihrem Beruf geradezu herausgedrängt würden, „weil nicht die Zeit mit dem Patienten berechnet wird, sondern die Leistung“. Weniger Druck auf die Pflegekräfte, bessere Arbeitszeiten würden schon helfen, so Eckhardt.

„Das ist bitter“ – sagt die Ministerin

„Wir sehen die Entwicklung, die sich in dieser Umfrage dokumentiert, mit großer Sorge“, sagte auch Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD). Die ambulante Pflege sei häufig nicht so sehr im Fokus, dabei sei sie angesichts des Wunsches vieler alter Menschen, im eigenen Heim zu bleiben, eminent wichtig. „Gut 70 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zuhause gepflegt, wenn Pflegebedürftige abgelehnt werden, ist das schon bitter.“ Sie selbst erwäge, einen noch genaueren Situationsbericht erstellen zu lassen, sagte Reimann. Das Land habe die Verbesserung des ambulanten Pflegebereichs mit einem Sonderprogramm in Angriff genommen, der auf die Verbesserung im ländlichen Raum abzielt. Hierfür seien im vergangenen Jahr sechs Millionen Euro zur Verfügung gestellt worden, die etwa 300 ganz konkrete Maßnahmen ausgelöst hätten - etwa zur digitalen Aufrüstung der Pflegedienste, um sie von bürokratischem Aufwand zu befreien.

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag, Jörg Hillmer, wies darauf hin, dass die Union am Dienstag eine große Anhörung zum Thema Pflege durchführe. „So oder so: Bei diesem Thema gibt es keine Lösungen per Knopfdruck.“

Von Michael B. Berger

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