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Niedersachsen Ist das neue Schulgesetz ein Sparprogramm, Herr Tonne?
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00:28 22.02.2018
Kultursministerium: Gespraech mit dem neuen Kultusminister Grant Hendrik Tonne. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

 Der Kultusausschuss des Landtages hat am Freitag das neue Schulgesetz abschließend beraten. Doch es gibt weiter viele offene Fragen zur Umsetzung. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) stellt sich im Interview den Fragen der HAZ. 

Herr Tonne, warum wird die Novellierung des Schulgesetzes nicht einfach um ein Jahr verschoben, wenn es noch so viele Fragen zur Umsetzung offen sind?

Die Option der Verschiebung gab es nicht. Das zeigen die vielen Abordnungen, die eine Belastung für alle Beteiligten sind. Das hat die Situation im vergangenen Sommer und jetzt noch einmal zum Start ins zweite Halbjahr gezeigt. Den Schulen hätten wir dies nicht noch einmal zumuten können. Wir brauchen die Pädagogen, die in der vorschulischen Sprachförderung eingebunden sind – rund 500 Vollzeitstellen – dringend zur Sicherung des Unterrichts an den Grundschulen. 

Also doch ein Sparprogramm, wie die Kritiker immer gesagt haben?

Nein. Das hat auch starke inhaltliche Gründe. In der Praxis funktioniert das jetzige System nur so mittelprächtig, es mag Ausnahmen geben, aber es gibt hohe Reibungsverluste. Wann kommen die Lehrer in die Kita? Wann kann man die Kinder aus den Gruppen herausholen? Die Sprachförderung in den Kitas zu machen, liegt nahe. Denn das ist ohnehin die tägliche Aufgabe der Erzieher, seit 2011 ist  das auch es auch in den Handlungsempfehlungen Sprachbildung und Sprachförderung festgelegt. . Es ist also keine Übertragung einer völlig neuen Aufgabe, wie die Kommunalverbände gesagt haben. Aber natürlich kompensieren wir das vom Land, zukünftig sind 26,5 Millionen Euro zusätzlich für die Sprachförderung in den Kitas vorgesehen, insgesamt gibt das Land dann ab 2019 32,5 Millionen Euro für die Sprachförderung in den Kitas. 

Künftig werden dann also nicht mehr Lehrer, sondern Erzieher feststellen, ob angehende Erstklässler Sprachförderung nötig haben oder nicht?

Ja, ist es nicht viel sinnvoller, wenn das eine vertraute Erzieherin macht anstatt dass das Kind mit einer wildfremden Person redet? Manche Kinder sagen da lieber gar nichts.

 Sie hatten in der Debatte um die Abordnung von Gymnasial- und Gesamtschullehrern an die Grundschulen immer darauf verwiesen, dass die Bewerberlage in diesem Sommer viel besser sein werde, weil mehr als 1000 Referendare dann mit ihrer Ausbildung  fertig seien. Dann werde sich alles entspannen. Gilt das nicht mehr?

Doch, aber das hilft nicht allein. Wenn wir die vorschulische Sprachförderung nicht in die Kita geben, wird die Unterrichtsversorgung an den Grundschulen voraussichtlich unter 100 Prozent liegen. Und das können wir nicht hinnehmen.

Und was ist den Kindern, die keine Kita besuchen?

Die werden weiterhin in der Grundschule auch ihre Sprachfähigkeit getestet und gegebenenfalls auch dort gefördert. Kein Kind darf durchs Raster fallen. Dafür gibt es dann ein kostenfreies Sprachförderangebot durch die beitragsfreie Kita.

Wie soll denn die Sprachförderung in der Kita konkret aussehen? Eine Stunde pro Woche oder permanent nebenbei, Einzelförderung oder Gruppenunterricht?

Das wollen wir nicht vorschreiben, wir wollen den Einrichtungen möglichst viel Freiheit lassen. Aber gefördert werden muss, alltagsintegrierte Sprachförderung ist das Stichwort. 

Mehr Freiheit bekommen ja auch die Eltern. Sie können jetzt selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder, die erst im Juli, August und September sechs Jahre alt werden, einschulen lasen oder nicht. Ist diese Frage wirklich so dringend?

Oh ja, dazu erreichen mich beinahe täglich Anfragen, das ist für Eltern im hohen Maße relevant. Familien müssen sich nicht mehr verkämpfen, Rückstellungen im laufenden Schuljahr muss es nicht mehr geben.

Rund 2800 Eltern könnten ihr Kind zurückstellen lassen. Fehlen dafür nicht die Kitaplätze?

Nein, wir haben rechnerisch eine fünfstellige Zahl von freien Plätze im Land. Es kann sein, dass es in Einzelfällen zu Problemen kommt, aber kein Kind wird im Regen stehengelassen.

Bei Bedarf können die Kommunen ab August auch wieder Förderschulen für Kinder mit Lernproblemen einrichten. Ist das ein Verrat an der Inklusion?

Nein, das ist ein Beitrag zur Entspannung in einer Debatte, die in den vergangenen Jahren hoch emotional geführt worden ist. Nun können wir diskutieren, wie Inklusion wirklich gelingen kann. Wir können die Menschen einsammeln, die sich in der Vergangenheit nicht mitgenommen fühlten. Und gleichzeitig bleiben alle Möglichkeiten einer inklusiven Beschulung. Wenn sich jemand vom Tempo überfordert fühlt, mit dem wir die Inklusion eingeführt haben, muss man darauf reagieren. Man muss doch Geschwindigkeit rausnehmen, wenn vor Ort die Basis noch nicht reicht. Genau das machen wir.

Von Saskia Döhner

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