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Niedersachsen Bernd Althusmann: Ein bisschen Basta, aber kein Panzer
Nachrichten Politik Niedersachsen Bernd Althusmann: Ein bisschen Basta, aber kein Panzer
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00:16 02.10.2017
Von Michael B. Berger
„Wir haben Großes vor“: Mit diesem Slogan tritt CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann gegen Ministerpräsident Stephan Weil an. Quelle: Julian Stratenschulte
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Hannover

Das hat ihm ohne Zweifel imponiert, diese pointierte Art. „Ich war neulich in Wolfenbüttel“, sagt Bernd Althusmann. „Der Stadt Lessings.“ Und dann zitiert er einen Satz des Geistesgelehrten, der in einer geradezu frappierenden Kürze vorgibt, was der CDU-Politiker Bernd Althusmann auch in Niedersachsen darstellen will: „Entschluss ist Vorsatz. Tat“, zitiert Althusmann aus dem Klassiker „Nathan der Weise“. Und fügt zweimal das Wörtchen Punkt hinzu.

Mehr als 2000 CDU-Fans jubeln dem Spitzenkandidaten und Herausforderer des Ministerpräsidenten Stephan Weil da zu bei der Eröffnung des Landtagswahlkampfes in Hildesheim. Ein bisschen Basta in der Politik ist immer noch populär. Und wird mit dem Aphorismus von Lessing geadelt.

Ein Porträt von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil finden Sie hier. 

Dabei haben sie ihn doch „Panzer“ genannt, weil er nach dem Abitur eine Offizierslaufbahn bei der Panzertruppe der Bundeswehr eingeschlagen und später noch Pädagogik studiert hat. „Panzer“ passte damals zu gut zu Althusmann, der als Parlamentarischer Geschäftsführer die Geschicke der Landtagsfraktion lenkte. Christian Wulff war damals Ministerpräsident und Althusmann eine Art Bergungspanzer des Regierungschefs Wulff und seines alerten Fraktionschefs David McAllister. Der gab den charming Boy, während Althusmann die Truppen zusammenhalten musste.

Er ist gar kein Panzer

Dabei ist der 50-jährige Christdemokrat überhaupt kein Panzer, auch wenn er in den letzten Jahren an Gewicht zugelegt hat, sondern ein ziemlich nachdenklicher Mann. Sensibel ohne Frage. Einer, der zuhört, wenn man mit ihm redet. Keiner, der den anderen vollquatscht. Aber wenn es nottut, kann er auch den Panzer geben, sich in Vorwärtsverteidigung üben. Auch zu Pathos greifen. „Wir haben Großes vor“, lautet sein Slogan.

Seit gut einem Jahr ist Althusmann - offiziell auf der zweiten Silbe betont - der Spitzenkandidat der CDU. Und ihr Landesvorsitzender. Seit einigen Monaten macht er Wahlkampf und muss sich, vor allem von CDU-nahen Leuten, anhören, er komme zu wenig vor. Er habe den Wahlkampf verstolpert. Zumindest hat Althusmann mit der bisherigen Auswahl seines Kompetenzteams Mut bewiesen und nicht immer auf die erste, naheliegende Lösung zurückgegriffen. Dass er in Zeiten, in denen die AfD an Boden zu gewinnen scheint, einen dunkelhäutigen Sänger aus Hamburg seinen Wahlsong trällern lässt, ist auch ein Statement - für eine weltoffene CDU.

Althusmann war nach dem Verlust des Kultusministeramtes 2013 einige Jahre in Namibia. Für die Adenauer-Stiftung hat er dort gearbeitet. Das prägt und hat dem Christdemokraten die Fähigkeit verliehen, über den Tellerrand zu schauen. Die drei Jahre weg von der Landespolitik hätten ihm sehr gutgetan, sie hätten seinen Horizont erweitert, sagt er selbst. Und: „Der beste Marschallplan für die Verbesserung von Verhältnissen ist Bildung.“

Auch sein Vater war in der Dritten Welt, als Pastor und Missionar in Brasilien. Überhaupt scheint der Vater, der nach dem Zweiten Weltkrieg lange in Kriegsgefangenschaft in Russland gewesen ist, einen sehr prägenden Einfluss auf den jungen Althusmann genommen zu haben. Man kann lange mit ihm über den Vater reden, einen Wertkonservativen und Pastor an der Lüneburger Michaeliskirche, um etwas über jenen Althusmann zu erfahren, der kein Panzer ist. Und wenn Althusmann in großen Parteiversammlungen wie zum Wahlkampfauftakt in Hildesheim über die Notwendigkeit spricht, die Verhältnisse in der Altenpflege zu verbessern, und auf seinen vor dem Tod ziemlich dementen Vater zu sprechen kommt, dann wird es leise im Saal. Und auch der Kandidat wird leise.

Bernd Althusmann sagt, er sei relativ spät politisiert worden. Lange nach der Schulzeit. Er sei erst nach der Wiedervereinigung in die CDU eingetreten. Wegen der Wiedervereinigung. Mit den Eltern sei er, als die DDR noch existierte, von Lüneburg „an die mörderische Grenze“ gefahren. Auch das habe ihn geprägt. Wie auch ein Frühstück beim damaligen Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl. „Ich habe dessen rasche Auffassungsgabe nur noch bewundert.“

Althusmann ist persönlich aus dem strengen Korsett ausgebrochen, das die CDU noch in den Achtziger- und Neunzigerjahren für die Gesellschaft schlechthin verkörperte. Der Lüneburger hat sich irgendwann in seine Nachbarin verliebt und von der ersten Frau scheiden lassen. Eine Zeit lang war der Christdemokrat Alleinerziehender, als sein Sohn nicht zur Mutter, sondern zu ihm ziehen wollte. Jetzt lebt er in einer Patchworkfamilie mit mehreren Kindern. Zwei hat er aus seiner ersten Ehe, eines mit der neuen Frau, die auch noch zwei Kinder aus der ersten Ehe mitgebracht hat. Er sei, sagt Bernd Althusmann, eigentlich ein Familientier.

Aber er kann sich in Rage reden

Althusmann hat großen Respekt vor dem Amt eines Ministerpräsidenten, das möglicherweise auf ihn zurollen könnte. Er möchte im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger vieles anders machen, für klarere Konturen sorgen - in der Bildungspolitik, in der Frage der Inneren Sicherheit, in der Wirtschaftspolitik. Er kann, obwohl er eher ein ruhiger Typ ist, sich dann in Rage reden.

Auch über seinen Gegner, Ministerpräsident Stephan Weil, dem vor der Wahl nicht mehr einfalle, als Wahlgeschenke zu verteilen. „Da verspricht er kurz vor Toresschluss den Niedersachsen noch den Reformationstag - obwohl er einen entsprechenden Vorschlag von uns vor zwei Jahren im Landtag abgelehnt hat.“ Das findet Althusmann zu billig.

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