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Selbstversuch

Christian Roeben spielt auf der Anlage des MGC Göttingen Minigolf


Weg vom Schreibtisch, rein in die Sportsachen, ab in die Turnhallen und hinaus auf die Sportplätze – in unserer Artikelserie „Sport treiben und darüber schreiben“ testen Sportredakteure und freie Mitarbeiter des Tageblatts verschiedene Sportarten im Selbstversuch und berichten über ihre Erfahrungen. In der heutigen Folge hat Christian Roeben beim Minigolf gegen Pyramiden und ein Labyrinth gekämpft.

Auf dem Weg ins Netz: Gleich beim ersten Schlag findet mein Ball über die Sprungschanze hinweg den Weg ins Ziel.

© Pförtner

Göttingen. Minigolf liegt mir. Das habe ich sogar schwarz auf weiß. Zugegeben, die Siegerurkunde vom Turnier aus dem letzten Familienurlaub ist schon ziemlich verstaubt, aber was heißt das schon? Fahrradfahren verlernt man ja auch nicht. Und so begebe ich mich an diesem schönen Herbstnachmittag gut gelaunt und optimistisch auf die Anlage des 1. Miniatur-Golfsport-Clubs (MGC) Göttingen, um mich in die Feinheiten dieser Sportart, die nicht jeder gleich als solche erkennt, einweisen zu lassen.

„Bei Minigolf denken die meisten an ein lustiges Zusammensein mit ein paar Kumpeln und ein paar Bier oder an einen Überraschungsausflug bei einem Kindergeburtstag“, sagt Sascha Albrecht, der mir heute beim Golfen auf den Bahnen unter die Arme greifen wird. Dass beim Minigolf auf Leistungsebene – der MGC ist mit seinen Mannschaften von der Bezirksklasse über die Landes- und Regionalliga bis in die 2. und 1. Bundesliga vertreten – akribische Vorbereitung, physikalisch-mathematisches Verständnis sowie Ruhe und Konzentration gefragt seien, übersähen die meisten, erklärt Albrecht.

Ein Handtuch gehört für die Profis zur Grundausstattung, „denn auf dreckigen Bahnen verspringt der Ball“. Wobei der Singular in diesem Fall nicht ganz korrekt ist, denn die Profis haben für gewöhnlich eine ganze Thermobox voller Bälle dabei, die sich in der Größe, der Sprunghöhe, der Härte oder ihrer Oberflächenbeschaffenheit unterscheiden. „Für fast jede Bahn ist ein eigener Ball möglich“, sagt Albrecht. Um das Spielgerät beispielsweise über eine kleine Schanze in ein Netz zu befördern, sei ein harter Ball, der schnell über die Schanze rutscht, ideal. „Ein weicher Ball würde zu sehr springen“, erläutert Experte Albrecht.

Die Thermobox garantiert konstante Temperaturen, so dass sich die Gummi-Mischung der Bälle nicht verändert. Profispieler merken das sofort, versichert mein Trainer, und das sei nicht ideal, „wir wollen schließlich jede Bahn mit einem Schlag schaffen“. Schnell werfe ich einen Rundum-Blick auf die 18-Loch-Anlage und überschlage, wie viele Versuche ich benötigen würde – so genau, beschließe ich, will ich das lieber gar nicht wissen.

Bevor ich mich an der ersten Bahn versuche, auf der gemeinerweise drei Pyramiden den Weg zum Loch versperren, gibt’s noch einen Crash-Kurs in Sachen Körper- und Schlägerhaltung: Als Rechtshänder ist die rechte Hand weiter unten, die Knie sind leicht gebeugt, der Griff wird fest umfasst, um nicht zu wackeln und den Schlag damit seitlich zu verziehen. Ich fühle mich wie damals beim Urlaubsturnier: Der erste Schlag zischt an den Pyramiden vorbei, der zweite findet sogleich den Weg ins Loch – ich kann es noch, wer sagt’s denn! Doch statt mir umgehend einen Mitgliedsvertrag in die Hand zu drücken, grinst Sascha Albrecht nur und sagt: „Und jetzt versuchen wir, die Bahn mit nur einem Schlag zu schaffen.“

Das versetzt meiner Euphorie einen kleinen Dämpfer, weckt jedoch auch meinen Ehrgeiz. „Dazu musst du das erste Hindernis anspielen“, rät mir der Profi. Meinen naiven ersten Gedanken „aber dann kommt der Ball doch zurück“ traue ich mich gar nicht auszusprechen, sondern handele, wie mir geraten wurde. Mehrere Versuche (im Wettkampf bekommt man nach sechs Schlägen einen Strafpunkt hinzuaddiert) sind nötig, doch plötzlich prallt mein Ball vom ersten Hindernis gegen die Bande, beschreibt eine langgezogene Kurve vorbei an den Pyramiden zwei und drei und plumpst ins Loch. Ich kann es selbst kaum fassen.

„So tüfteln wir jede einzelne Bahn ganz genau aus“, grinst Albrecht und zeigt bereits auf meine nächste Aufgabe: das Labyrinth. Dort befinden sich am Ende einer langen Schräge mehrere Eingänge. Die verschiedenen Routen führen entweder zum Ziel, mal auch über Umwege, oder lediglich zu einem versperrten Teilstück, das den Ball wieder zurückprallen lässt. Die mittleren Eingänge sehen erfolgversprechend aus, sind aber auch schwer zu treffen, denn dazu ist ein kerzengerader Schlag nötig, der mir partout nicht gelingen will. Erst als Albrecht mir den Tipp gibt, den Schläger vor dem Treffen des Balles nicht über die Bahn schleifen zu lassen und den Schlägergriff fester zu umfassen, klappt es. Der Ball des Vereinsvorsitzenden findet dagegen beim ersten Mal seelenruhig sein Ziel. „Momentan bin ich nicht so im Training, deshalb würde ich für die 18 Bahnen jetzt wohl so um die 25 Schläge brauchen. Sonst sind es eher 21“, erklärt er mir wie selbstverständlich. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und zucke mit den Schultern – wer kann, der kann.

Nächstes Ziel ist das Netz, bei dem der Ball zunächst über eine Sprungschanze gespielt werden muss. „Dazu muss man mit mehr Kraft schlagen, aber nicht mit soviel, wie man denkt“, rät Bundesliga-Spieler Albrecht. Tageblatt-Fotograf Swen Pförtner beult beim ersten Versuch das Netz aus, nur leider das Falsche – sein Ball fliegt mit viel zu viel Schwung über das Ziel hinweg und landet mit voller Wucht im dahinter gespannten Fangzaun. „Eine Urkunde hat der wohl nicht zu Hause“, denke ich mir hämisch – etwas Schadenfreude muss schließlich erlaubt sein.

Als ich an der Reihe bin, visiere ich das Ziel genau an, hole aus, treffe mit Schwung und sehe, wie mein Ball von der Schanze abhebt. Es ist fast so, als verlangsame sich die Zeit, so gebannt schauen Albrecht, Pförtner und ich der orangefarbenen Kugel nach, die kurze Zeit später ebenfalls das Netz ausbeult, und diesmal das richtige. Ich drehe mich zum Fotografen um und recke triumphierend einen Daumen in die Höhe: „Ich hoffe, du hast das gefilmt“, sage ich. Pförtner grinst schief. Die folgenden fünf Versuche hätten filmisch nicht festgehalten werden müssen: Entweder hoppelt mein Schlag harmlos über die Schanze oder fliegt weit über das Netz – der erste Schlag war wohl doch etwas Glück….

Nach einer guten Stunde Minigolf kehre ich mit vielen neuen Erfahrungen und immer noch bester Laune in meine Wohnung zurück. Dort fällt mein Blick sogleich auf die alte Siegerurkunde aus dem Urlaub. Allzu groß, das weiß ich jetzt mit Gewissheit, kann die Konkurrenz damals wahrlich nicht gewesen sein.

  Kontakt
  Der MGC Göttingen betreibt sowohl eine Anlage in der Grätzelstraße als auch in den Schillerwiesen, die noch bis Ende Oktober geöffnet ist. Nähere Informationen gibt es unter www.mgc-goettingen.de.
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