Göttingen. Verwirrende Anordnung hier auf dem Rasenplatz. Wir gruppieren uns an den Seiten eines abgesteckten Quadrats, dann gilt es für alle, auf Zuruf gemeinsam mit den Nebenmännern rückwärts zu Quadrat zwei und drei zu sprinten. Irgendwo ist auch immer der Ball, der wird nach dem erneuten Vorwärtssprint an die nächste Gruppe abgegeben. Die anderen 17 kennen das schon, ich nicht. Zum ersten Mal beim Rugby-Training des SCW Göttingen dabei, verliere ich schon jetzt fast die Orientierung.
„Auf die Drei!!“ Aha, immerhin, eine vertraute Stimme. Mein Bruder ist hier Kapitän und Trainer und ruft von irgendwoher zu uns herüber. Also nach hinten, Rückwärtssprint mit drei durchtrainierten Spielern, jetzt bloß nicht im Tempo zurückfallen. Da, endlich die Markierung, wohl die Drei. Oder auch nicht. „Zurück!“, schreit mein Nebenmann, das war wohl erst die Zwei. Kaum hinten angekommen, natürlich: „Die Eins.“ Jetzt noch Ballwechsel, Pässe entlang der Vierergruppe. „Hier“, „links“, rufen sich die Männer zu, ich soll auch rufen. Wenn ich noch sprechen könnte. Die Pässe gehen einigermaßen gut, aber der Vorwärtspass, klar, ist nicht erlaubt. Das weiß ich auch, spiele aber trotzdem instinktiv nach vorn und laufe nach vorn, wenn der Ball zu mir gespielt wird: im Rugby ganz verkehrt, der Profi baut den Angriff über Rückpässe auf.
Dann üben wir, wie man einen Angriff des Gegners ohne Ballverlust übersteht. Zwei Spieler bekommen einen Schaumstoff-Schutzschild in die Hand (zum Schutz für sich – für uns?), wir anderen stellen uns in zwei Reihen an. Mein Bruder ruft: „Ruhig mal ein bisschen Aggression reinbringen!“ Und jetzt gilt es, den Ball mit dem einen Arm an sich zu drücken, mit der gegenüberliegenden Schulter in das sogenannte „pad“ (den Gegenspieler) hineinzulaufen, zu schieben, sich dann fallen zu lassen und noch im Sturz den Ball möglichst weit vom Gegner abzulegen. Idealerweise also in Richtung der eigenen Mannschaft. „Falsche Richtung!“, ruft aber der Trainer, als ich mich bäuchlings auf dem Boden wiederfinde. Beim nächsten Versuch klappt es schon besser. Ich verdiene mir ein „perfekt“ und komme für einen kurzen Moment auf den Gedanken, das Talent zum Rugby könnte allgemein in der Familie liegen.
Nun soll es aber zusätzliche Spielzüge, neue Positionen, wieder Pässe und für mich leider weder eine Pause noch Koffein geben. Normalerweise trainierenauch die Rugby-Damen unter Kapitänin und Bundesliga-Spielerin Anka Kirschner mit. Weil sie aber heute ein Turnier bestreiten, muss ich die Frauen allein vertreten. Wir laufen jetzt zu fünft an. Der Erste „geht auf den Mann“ und lässt sich fallen, der Zweite „macht sauber“, drängelt also, weniger euphemistisch gesagt, den Gegner weg (to clean out), der Dritte „sichert“, der Vierte nimmt den Ball auf, passt nach hinten zum Fünften, der stürmt für einen „Versuch“ (try) nach vorn. Weil er also den Ball am anderen Ende des Felds ablegen will, was der Mannschaft im Spiel fünf Punkte brächte. Soweit verstanden. Nach jedem Durchgang soll eine andere Position gewählt werden, es geht zügig voran. Wo stehe ich nochmal, wann soll ich abspielen? Die anderen dirigieren mich netterweise über den Platz. „Du kommst mit mir, du sicherst.“ „Jetzt wechseln wir mal. “ „Du spielst dahinten!“ Bälle, die mir zugespielt werden, sehe ich trotzdem immer häufiger nur noch im Vorbeiflug. Bis es für alle heißt: „Und jetzt nochmal Trinkpause!“
Für viel mehr reicht der Zwischenstopp am Rand des Felds auch nicht, schon geht es weiter. Gegenseitiges „Tacklen“ kommt an die Reihe. Das verspricht zumindest größere Übersichtlichkeit. „To tackle“ meint: „tiefhalten“ oder „zu Boden bringen“. Dem gegnerischen Spieler, der in Besitz des Balls ist, sollen die Beine weggezogen werden. Mein Bruder zeigt nochmal, wie es geht. Ähm, ja. Hhm. Ich bekomme Einzelunterricht und breche mir zum Glück nichts.
Es bedeckt sich und dämmert, während auf dem Platz um Punkte gerungen wird. Die Männer haben fürs Trainingsspiel zwei Mannschaften gewählt und manche die Hochschultrikots zur Unterscheidung übergestreift. Ein Spieler kann sich absetzen, sprintet bis zur anderen Seite. Für den Stürmer gibt es Applaus, natürlich nur von der eigenen Mannschaft. Ich wundere mich über die Kondition der anderen und ahne, warum sie bei der Hochschulmeisterschaft bis zum Halbfinale ungeschlagen blieben. Meine Sachen sind gepackt, die Hose sieht besorgniserregend aus, aber mein Bruder hatte gesagt: „Einmal auf 60 Grad waschen, dann ist der Matsch draußen.“ Zuhause schließe ich die Waschmaschine und hoffe, dass er recht hat.
In der nächsten Folge lässt sich Joscha Kuczorra „aufs Kreuz legen“. Er besucht eine Übungsstunde beim Ju-Jutsu-Club Nesselröden.
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