Navigation:
eShop Online-ServiceCenter
Basketball-Fotos in luftiger Höhe

Suche nach neuer Perspektive führt unters Dach


Gameday – viertel nach elf morgens. Heute steht unter anderem die Basketballpartie der BG Göttingen gegen den Deutschen Meister EWE Baskets aus Oldenburg im entscheidenden Viertelfinalspiel des Beko-BBL-Pokals auf meinem Foto-Terminplan.

Ungewohnte Perspektive: Aufnahme vom Pokalspiel der BG gegen Oldenburg. Aus 13 Metern Höhe wird der Kampf um den Rebound eingefangen.

© Pförtner

Mal wieder überlege ich, welche anderen Perspektiven es gibt, um den Lesern des Göttinger Tageblattes spektakuläre Fotos zu präsentieren. Ich schaue in meinen Foto-Rucksack und entdecke einen kleinen schwarzen Beutel mit meinem Funkauslöser – so groß wie eine Computer-Maus. Mir kommt eine Idee, und ich rufe sofort den Projektmanager des Lokhallen-Teams an, um nachzufragen, ob ich kurzfristig einen Hubsteiger, eine Art Hebebühne, bekommen könnte. „Wann brauchst du ihn“, fragt er nur. „Gegen vier.“ „Klar, komm vorbei“, sagt er.

Es ist kurz nach vier. Dreieinhalb Stunden vor Spielbeginn. Der Dieselmotor des Hubsteigers ist nicht zu überhören. Vorwärts, rückwärts, vorwärts, rückwärts – es wird rangiert. Ein Mitarbeiter der Lokhallen-Technik ist bereits bestens über mein Vorhaben informiert. Ich will meine Fotokamera unter dem Hallendach installieren und aus der Vogelperspektive die BG-Profis aus 13 Metern Höhe ablichten. Dazu benötige ich den Auslöser aus dem kleinen schwarzen Beutel.

Ich steige in die gefühlt 75 mal 150 Zentimeter kleine Kabine des Hubsteigers, überprüfe noch einmal, ob ich alles dabei habe: Kamera? Das richtige Objektiv? Geladener Akku? Funkauslöser? Batterie für den Funkauslöser? Stative? Alles dabei – los geht’s. Es wackelt, ruckelt und stottert. „Keine Panik“, sagt der Fahrer, „wir sind gleich da“.

Es ist hoch, verdammt hoch. Ich bitte den Lokhallen-Mitarbeiter, die Stative an der Deckenkonstruktion zu befestigen. Furchtlos hängt sich der Mann mit den vielen Nasen- und Ohrringen über das Geländer der Kabine und befestigt lächelnd die Stative. Meine Blicke richten sich nur nach oben – keinesfalls nach unten. „Furchtlos“ befestige ich anschließend meine Kamera an den Stativen, lege den Schärfebereich fest und stelle die Belichtungszeit nach Erfahrung ein. Ich weiß: Wenn die Kamera erst einmal hängt, dann hängt sie, Veränderungen sind ausgeschlossen. Es geht wieder runter. Habe ich den Funkauslöser eingeschaltet? Die Kamera? Ach, alles wird gut.

Kurz vor fünf. Der „Hallenchef“ muss die Installation unter dem Dach noch abnehmen. Wir stehen zusammen auf dem Parkett und überlegen, was eventuell mit meiner Konstruktion unter der Hallendecke passieren könnte. Er sagt, ohne darüber nachzudenken: „Es könnte ein Ball dagegen fliegen, das müssen wir absichern.“ Sicherheit geht vor, denke ich. Gut so. Meine Kamera wird neben den beiden sehr stabilen Stativen nochmals mit einem Drahtseil festgebunden. Und ich denke mir, wenn ich so viel Sicherheit bei Handballspielen hätte, müsste ich mir niemals Gedanken mehr um mich und meine Kamera machen. Es ist halb sechs – zwei Stunden vor dem Tip-off. Bis zum Spielbeginn kehrt für mich nun ein wenig Ruhe ein.

Ich sitze am Spielfeldrand an meinem Arbeitsplatz und überprüfe dennoch alle paar Minuten, ob der Funkauslöser noch funktioniert. Er funktioniert. „Es ist Dienstag, 11. Februar – herzlich willkommen in der Lokhalle“, grölt Hallensprecher Andreas Lindemeier vor begeisterten 2517 Fans ins Mikrofon. Gameday!
Ich sitze mit einer anderen Kamera am Spielfeldrand. Mit der linken Hand löse ich per Funkauslöser die „Dachkamera“ aus, wenn es unter dem Korb spannend wird. Gewöhnungsbedürftig, aber alles kein Problem. Hauptsache, der Empfänger da oben macht nicht schlapp, und die Verbindung unterbricht nicht. Halbzeit. Ich überprüfe mal wieder die Funkverbindung. Beim Auslösen leuchtet stets eine blaue Lampe, die mir Ruhe verleiht.

Es ist zwanzig vor zehn. Die BG gewinnt 79:69 und steht im Final-Four des Pokals. Ich freue mich, bin aber völlig nervös. Hoffentlich hat die Kamera immer dann ausgelöst, wenn ich in der Ferne auf den Knopf gedrückt habe. Hoffentlich habe ich die richtige Belichtungszeit und Brennweite des Objektivs gewählt und den Schärfebereich richtig eingeschätzt. Ich muss warten, obwohl die Zeit für mich unerbittlich verstreicht. Es wird eng. Ich muss bis spätestens 23 Uhr die Bilder an die Redaktion des Göttinger Tageblattes geliefert haben, damit sie morgen erscheinen. Doch die Jungs von der Lokhalle können erst mit dem Hubsteiger losfahren, wenn die Zuschauer den „Gefahrenbereich“ verlassen haben.

Es ist mittlerweile 15 Minuten vor elf. Endlich höre ich den Dieselmotor. Der Techniker hat wahrscheinlich meine zeitlichen Probleme gespürt und ist mit dem Hubsteiger direkt unter das Hallendach gefahren und hat meine Kamera samt Stativen in sichere Gefilde zurückgeholt. Sofort durchblättere ich das Bildmaterial und habe das eine oder andere ungewöhnliche Motiv gesichtet. Super, denke ich.
Schnell schreibe ich mir die Bildnummern auf einen Zettel, um die Bilder direkt auf meinem Laptop in einem Bildbearbeitungsprogramm zu öffnen. Noch fünf Minuten. Ich schneide das Bild digital auf die richtige Größe, optimiere Helligkeit und Kontrast. Jetzt noch Scharfzeichnen und speichern. Anschließend kopiere ich die Datei in den elektronischen Terminkalender der Redaktion. Nun hat die Produktion Zugriff auf die Daten und kann sie entsprechend weiterverarbeiten. Es ist drei Minuten vor elf, als die Bestätigung aus dem Druckhaus kommt: „Alles da, danke, schönen Abend!“

Es ist viertel nach elf. Kameras und Laptop sind wieder in ihren Taschen verstaut. Zufrieden, aber auch völlig erschöpft mache ich jetzt Feierabend. Doch im Hinausgehen aus der Lokhalle ertappe ich mich dabei, wie mir andere ungewöhnliche Perspektiven durch den Kopf gehen.
Von Swen Pförtner

Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel
  • Arbeit des Kameramannes Else Kling – 18.03.10
    WOW, diese Geschichte ist an Dramatik und Spannung nicht zu überbieten. Ich konnte die Aufregung des Autors förmlich spüren. Funktoniert der Sender und Empfänger? Ist alles richtig an der Kamera eingstellt? Wann sind nur endlich die Zuschauer verschwunden? Hoffentlich geht dem Hubsteiger auf den letzten Metern nicht der Diesel aus? und,und,und...gerade noch vor 23 Uhr die Bilder losgeschickt! Puhh,wie gesagt an Spannung und Dramatik nicht zu überbieten, da braucht man keinen Krimi mehr. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
  • Perspektive! Michael F. – 17.03.10
    Tolle Ansicht! Habe sowas schon mal in der NBA in gesehen..... ;-) Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
  • Respekt! H.J. – 17.03.10
    Respekt! Toller Einsatz. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
  • :) WW – 17.03.10
    toller artikel und danke für die vergangenen/kommenden fotos unserer basketballer ! Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet sein!

Anzeige
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Röttgen nach seiner Wahlniederlage in NRW entlassen. Wie finden Sie das?
Anzeige

Branchenführer - Handwerk Regional

Sie suchen qualifizierte Handwerker aus Südniedersachsen? Dann testen Sie unseren neuen regionalen Handwerkerführer: Hier finden Sie schnell und einfach den passenden Handwerksbetrieb für Ihr Vorhaben!

Lokales Videos

Das Unternehmen im Überblick

Die Göttinger Tageblatt Mediengruppe ist das führende Medienhaus in Südniedersachsen – ein moderner Dienstleister für Kommunikation, Nachrichten, Werbung und Druck.

E-Shop

Ganz vorne mit dabei

Egal ob regionale Veranstaltung oder internationaler Top-Show-Act. In unserem Tageblatt-Ticketshop können Sie bequem am Bildschirm die gewünschten Eintrittskarten kaufen.

Tipps rund um die Uhr

Haben Sie Lust auf Nachtleben oder Oper? Darf eine Lesung sein oder eine Ausstellung? Hier finden Sie alle Termine.

Prämien-Shop

Werben Sie einen neuen Abonnenten, und wählen Sie Ihre Wunsch-Prämie aus über 2.500 Top-Prämien.



Top