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Berlin

Missbrauch an Jesuitenschulen - Stück für Stück ans Licht


Zwei Jesuiten-Patres sollen sich am Berliner Canisius-Gymnasium an Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Neben mehr als 20 Missbrauchsfällen in den 70er und 80er Jahren in Berlin habe es auch Fälle in Hamburg, St. Blasien, Göttingen, Hildesheim, Chile und Spanien gegeben, berichtete der deutsche Ordenschef, Provinzial Stefan Dartmann.
Der Missbrauchsskandal an einer Berliner Jesuiten-Schule weitet sich auf Hamburg aus.

Der Missbrauchsskandal an einer Berliner Jesuiten-Schule weitet sich auf Hamburg aus.

© dpa

Abweisend liegt das Canisius-Kolleg am Montagvormittag im Berliner Diplomatenviertel. In der Schneelandschaft am Rande des Tiergartens wirkt die grau gestrichene Fassade bedrückend. Zur Stimmung passen die grauen Wolken und die krächzenden Krähen in den kahlen Baumwipfeln. Die Fensterläden sind teilweise zugeklappt, in den Klassenräumen ist es dunkel. Was sich in den 70er und 80er Jahren hinter den Mauern abspielte, kam auch am Montag in weiteren Einzelheiten ans Licht und betrifft inzwischen nicht mehr nur Berlin. Zwei Jesuiten-Patres sollen sich seinerzeit an dem katholischen Gymnasium und weiteren Schulen und Einrichtungen des Ordens an Kindern und Jugendlichen vergangen haben.

Statt der etwa 800 Schüler, die derzeit Winterferien haben, stürmten am Montag erneut Journalisten das Gebäude. Sie wollten bei einer Pressekonferenz Antworten auf die Fragen, die sich seit Bekanntwerden der sexuellen Vergehen an rund 20 Kindern und Jugendlichen angesammelt hatten. Aus zahlreichen Akten und Papieren zitiert der deutsche Ordenschef, Provinzial Stefan Dartmann, im Canisius-Kolleg. Nach 30 Jahren will der Jesuitenorden sein Schweigen auf öffentlichen Druck hin endlich brechen. „Als Provinzial will ich nichts verdunkeln oder unterschlagen.“

Dartmann berichtet über die zahlreichen Stationen der beiden beschuldigten Lehrer Peter R. und Wolfgang S., einen Mordanschlag auf einen der beiden Pater und die E-Mails verängstigter Opfer. „Man hat in den 70er, 80er und auch 90er Jahren viele Dinge noch ganz anders gesehen“, kritisierte Dartmann den damals rein internen Umgang des Ordens mit den Fällen. Heute würde man Polizei und Staatsanwaltschaft informieren. Damals wurden Peter R. und Wolfgang S. lediglich an andere Orte versetzt, der gesamte Orden schwieg über die bekannten Vergehen. Die beiden Pater führten ihr Treiben ungehindert fort. Heute sind die Taten laut Staatsanwaltschaft höchstwahrscheinlich längst verjährt.

Neben mehr als 20 Missbrauchsfällen in den 70er und 80er Jahren am Berliner Canisius-Gymnasium habe es auch Fälle in Hamburg, St. Blasien, Göttingen, Hildesheim, Chile und Spanien gegeben, berichtete Dartmann. Dann wandte er sich an die Opfer, Eltern und Lehrer: „Ich bitte um Entschuldigung für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigem und genauen Hinschauen und angemessenem Reagieren unterlassen wurde.“

Auf dem verschneiten Schulhof sollen in einer Woche wieder Kinder toben, im Unterricht stehen Mathematik, Deutsch, Griechisch oder Japanisch auf dem Stundenplan. Doch ein normaler, unbelasteter Schulalltag scheint vorläufig nicht in Sicht. Auf die Frage, ob er mit dem Bekanntwerden weiterer Opfer rechne, antwortete Dartmann: „Ich schließe nichts aus.“

dpa

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