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Nachrichten Wirtschaft Göttinger entwickelt App „DEMOCRACY“
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00:19 11.10.2018
Marius Krueger will mit der App "DEMOCRACY" für mehr Transparenz in der Politik sorgen. Quelle: Böger
Göttingen

Von der Gesetzesinitiative über die Lesungen bis zur Unterzeichnung: Der Weg eines Gesetzes kann schwierig zu verfolgen sein. Marius Krüger möchte das ändern. Der gebürtige Göttinger hat gemeinsam mit zwei Entwicklern die App „DEMOCRACY“ entworfen. Mit ihr sollen Nutzer in Echtzeit die Entscheidungsfindung im Bundestag beobachten und selbst an einer simulierten Abstimmung über Gesetzesvorlagen teilnehmen können.

Auf rund 800 Gesetzgebungsverfahren und 1500 Anträge pro Legislaturperiode können Nutzer direkt zugreifen, um sie zu diskutieren, mehr Informationen einzubringen oder Likes zu geben. Dann können sie über die Gesetzesvorlagen abstimmen und das Ergebnis mit dem offiziellen Bundestagsvotum vergleichen. „Dadurch werde ich mich ganz anders informieren, weil der Akt des Abstimmens etwas mit mir zu tun hat. Ich möchte nach bestem Wissen und Gewissen abstimmen“, sagt Krüger: „Woran es nicht mangelt, sind Informationen. Aber die Barrieren sind sehr hoch, die Seiten überhaupt zu finden. Ich hatte zwar Politik als Leistungskurs in der Schule, habe den Gesetzgebungsprozess aber nicht richtig verstanden. Die Informationen sind nicht zugänglich und nicht präsent genug.“

Konzept innerhalb eines Jahres entworfen

Der 24-Jährige hat sein Abitur am Theodor-Heuß-Gymnasium im Ostviertel gemacht und Betriebswirtschaftslehre in Mannheim studiert. Als sein Vater vor vier Jahren krank wurde, kam er zurück. Apps zu designen und Programmiersprache zu lesen, waren nicht Teil seines Studiums. „Ich habe mich einfach in mein Zimmer gesetzt und es ausprobiert“, sagt er. Innerhalb eines Jahres hat er das Konzept entworfen. Angetrieben habe ihn seine Vision. „Ich hatte plötzlich einen Sinn und etwas, das ich jeden Tag tun möchte. Wie soll unsere Gesellschaft aussehen? Das ist für mich eine partizipative Gesellschaft, in der jeder regelmäßig für seine Interessen einstehen kann. Das war der Punkt, bei dem ich mit leuchtenden Augen dasaß und dachte: Genau dafür tue ich es.“ Er gründete den Verein DEMOCRACY e.V. und fand in Manuel Ruck und Ulf Gebhardt zwei Mitstreiter. Dann bewarb er seinen Entwurf für ein Crowdfunding. Als 35 000 Euro Startkapital zusammengekommen waren, wurde der Prototyp getestet. Krüger ist Stipendiat der Hertie-Stiftung, die seinen Verein unterstützt. Ab 2019 soll sich die App über Patenschaften finanzieren.

„Ich glaube, viele Bürger haben im Moment so ein Gefühl, dass sich, egal, wen sie wählen, die politische Lage nicht verbessert, oder dass Gesetze durchgewinkt werden, mit denen sie nicht im Einklang sind“, sagt Krüger. Die Bürger hätten laut Studien zwar immer weniger Vertrauen in die Politik, würden aber eigentlich gern mehr teilhaben. „Es ist ja nicht so, dass wir alle keine Meinung haben. Wir würden gern gefragt werden. Da ist das Spannungsverhältnis. Um das zu lösen, ist eine App perfekt.“ Auch Politiker sollen davon profitieren. Sie können noch vor dem Bundestagsvotum ein anonymisiertes Stimmungsbild aus der App ziehen. „Es kann ein Tool sein, um mit dem Wahlkreis zu interagieren. Der Politiker kann, um das Vertrauen zu stärken, klar kommunizieren: Ich habe euch gesehen, aber ich habe mich anders entschieden.“ Das müsse er begründen können. „Dann ist, glaube ich, auch kein Bürger unzufrieden damit. Es fehlt nur an dieser Kommunikation.“

Stiftung fördert Projekte

Das Hertie-Innovationskolleg (HIK) ist ein Programm der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung mit Sitz in Berlin. Es fördert junge Denker und Experten, die Ideen und praxisorientierte Projekte für gesellschaftliche Innovationen entwickeln und umsetzen möchten. Die unternehmerischen Initiativen sollen einen hohen gesellschaftlichen Nutzen für das Gemeinwohl haben. Das HIK setzt dabei am Stiftungsbereich „Demokratie stärken“ der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung an. Ziel ist es nach eigenen Angaben, das Zusammenleben in Europa durch die Projekte mitzugestalten. Das HIK unterstützt die so genannten Kollegiate dabei durch finanzielle Mittel, Beratung, ein Netzwerk und Kooperationsmöglichkeiten sowie durch Öffentlichkeitsarbeit. Zudem bietet es einen „Co-Working-Raum“ und einen Workshopraum. Der erste Jahrgang am HIK startete im Jahr 2016

Für Krüger ist die Vermarktung der App jetzt mit vielen Terminen und Pendeln nach Berlin verbunden. Aber er hätte sie nur in Göttingen entwickeln können. Hier fühlt er sich geborgen. „Zu Schulzeiten war Göttingen der kleine Teich, aus dem man herauswollte. Jetzt ist es der kleine Teich, in dem man schwimmen darf. Für mich ist die App eine große soziale Innovation, die aus einer Stadt kommt, aus der man es nicht vermuten würde. Es ist nur möglich gewesen, weil ich in Göttingen so viele Leute kenne, die mir geholfen haben.“ Doch durch die App hat er sich auch verändert – vom Träumer zum Macher. „Ich bin viel strategischer geworden. Das Ziel habe ich vor Augen. Nun versuche ich, mein Herz und meinen Verstand dafür einzusetzen, es zu erreichen.“

Die App „DEMOCRACY“ ist ab sofort kostenlos für Android und Apple erhältlich.

Von Norma Jean Böger

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