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Wirtschaft Immer mehr Flüchtlinge in Jobs vermittelt
Nachrichten Wirtschaft Immer mehr Flüchtlinge in Jobs vermittelt
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07:00 06.10.2018
Immer mehr Flüchtlinge, die aus den acht wichtigsten Herkunftsländern kommen, finden Arbeit – auch in der Region Göttingen (Symbolbild). Quelle: Foto: d
Göttingen / Landkreis

1085 Asylbewerber im Landkreis Göttingen waren Ende 2017 mit einem Arbeitsvertrag ausgestattet. Dies teilte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) jetzt mit – und berief sich auf eine neue Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Danach sei die Zahl der berufstätigen Flüchtlinge aus den acht wichtigsten Herkunftsländern, darunter Syrien, Afghanistan und der Irak, stark angestiegen. Vor drei Jahren habe die Arbeitsagentur im Kreis Göttingen noch 322 Asylsuchende mit einem Arbeitsvertrag gezählt.

„Die Zahlen zeigen, dass ein großer Teil der Menschen, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, im Berufsleben Fuß fassen konnte. Und zwar trotz Sprachbarrieren und teils enormer bürokratischer Hürden“, findet NGG-Regionalchef Manfred Tessmann. Positiv wertet der Gewerkschafter den steigenden Anteil regulärer Jobs. Laut Statistik waren demnach kreisweit 63 Prozent der erwerbstätigen Flüchtlinge sozialversicherungspflichtig beschäftigt. „Diese Menschen verdienen ihr eigenes Geld, sie zahlen Steuern und Sozialbeiträge“, so Tessmann.

Dabei könne Zuwanderung ein Beitrag gegen den Fachkräftemangel sein. Gerade das Ernährungsgewerbe suche händeringend Nachwuchs, betont Tessmann: „Hotels, Gaststätten, aber auch Bäckereien, Brauereien und die Lebensmittelverarbeitung haben jahrzehntelange Erfahrungen mit Zuwanderern.“ Die Wirtschaft könne, wie schon in den 60er- und 70er-Jahren, ein „Integrationsmotor“ sein. Die Botschaft des Gewerkschafters an die Adresse der Betriebe ist dabei eindeutig: „Unternehmer dürfen die Geflüchteten nicht als billige Arbeitskräfte ausnutzen.“

Zahlen „leicht überzeichnet“

Christine Gudd, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Göttingen, ordnet die von der NGG genannten Daten als „leicht überzeichnet“ ein. Die Zahlen für die Integration in Arbeit, die von der Bundesagentur veröffentlicht wurden, seien von der Gewerkschaft aufaddiert worden – und zwar aus den Kategorien sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, geringfügige Beschäftigung im Nebenjob und ausschließlich geringfügige Beschäftigung. Geringfügig entlohnte Beschäftigungen seien im Wesentlichen sogenannte „Minijobs“, und zahlreiche dieser Minijobs würden neben einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ausgeübt. Die Addition führe deshalb zu einer Überzeichnung der Beschäftigungsverhältnisse, da die „geringfügig Beschäftigten im Nebenjob“ bereits in der Kategorie „sozialversicherungspflichtig Beschäftigte“ enthalten seien.

Laut Gudd waren im Dezember 687 Menschen mit Fluchtmigrationshintergrund aus den acht wichtigsten Herkunftsländern sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 314 waren ausschließlich geringfügig beschäftigt – das ergebe insgesamt 1001 Menschen und somit 84 weniger als von der NGG angegeben. Im Dezember 2015 seien in diesem Kontext 277 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen, 135 ausschließlich geringfügig.

„Der Vergleich verdeutlicht, dass es in der Zeit von Dezember 2015 bis Dezember 2017 eine deutliche Steigerung der Erwerbspartizipation von Menschen aus den genannten acht Herkunftsländern in unserer Region gegeben hat“, bestätigt Gudd. Es sei jedoch zu beachten, dass nicht jeder Afghane oder jede Syrerin tatsächlich erst kürzlich in die Region gekommen sei, auch wenn der überwiegende Teil „sicherlich im Rahmen der großen Fluchtbewegungen hier angekommen ist“. Die Beschäftigungszahlen aus dem Dezember 2015 würden zeigen, dass es schon vor der großen Fluchtbewegung Beschäftigte aus den nichteuropäischen Drittstaaten gab. „Die Aussage, dass alle Beschäftigten Geflüchtete seien, ist somit nicht richtig“, erläutert Gudd.

Frühzeitig an Ausländerbehörde wenden

Unabhängig vom Zahlenwerk stellt sich für Firmen, die Flüchtlingen eine Ausbildung ermöglichen wollen, die Frage, welche Risiken damit verbunden sein könnten. „Interessierten Unternehmen empfehlen wir, mit den betroffenen Personen, die für eine Ausbildung in Betracht kommen, frühzeitig auf die Ausländerbehörde zuzukommen, um im Einzelfall die Modalitäten zu klären und dadurch schnell eine rechtssichere Lösung herbeizuführen“, sagt Nina Winter, stellvertretende Pressesprecherin der Stadt Göttingen. „Personen, die eine Asyl- oder Flüchtlingsanerkennung und damit einen befristeten Aufenthaltstitel erhalten haben, erhalten mit dem Titel auch eine Arbeitserlaubnis und können damit arbeiten beziehungsweise eine Ausbildung beginnen“, so Winter weiter.

Flüchtlingen die „Teilhabe an Bildung“ ermöglichen

Mehrere Hundert Arbeitssuchende mit einem Fluchtmigrationshintergrund haben in den vergangenen Monaten an Integrations- und Sprachkursen teilgenommen, wie die Agentur für Arbeit mitteilt. Geförderte Kurse bietet beispielsweise auch die Bildungsvereinigung „Arbeit und Leben“ an. Laut Regionalleiterin Petra Köster finden diese in Göttingen statt, aber auch an anderen Standorten wie Uslar, Herzberg oder Bad Lauterberg, „um möglichst vielen Geflüchteten Teilhabe an Bildung zu ermöglichen“. Köster hält eine Betreuung über den normalen Unterricht hinaus für nötig: „In vielen Fällen besteht keine oder kaum schulische Vorbildung, manche Teilnehmer sind durch ihre Fluchterfahrungen traumatisiert, oder vorhandene Abschlüsse können aufgrund fehlender Dokumente nicht nachgewiesen werden. Häufig ist die Bleibeperspektive ungewiss, sodass neben den hohen Lernanforderungen auch juristische Klärungsbedarfe mit den damit verbundenen Sorgen und Nöten belasten.“ Umso bemerkenswerter sei das Durchhaltevermögen, mit dem viele Geflüchtete die Chance wahrnehmen, Sprachkenntnisse und Abschlüsse zu erwerben. Seit 2015 hätten zum Beispiel bereits 40 Geflüchtete in den Kursen von „Arbeit und Leben“ in Herzberg ihren Hauptschulabschluss erworben.

Von Markus Riese

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