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19:00 13.04.2017
Der gelernte Dachdecker Jonas Kuckuk übt sein Handwerk ohne Meisterbrief aus. Quelle: r
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Göttingen

„Reisende Handwerker, die ihre Dienstleistungen an der Haustür anbieten, hat es in Deutschland schon im Mittelalter gegeben – noch vor Gründung der Städte“, betont Kuckuk. Rechtlich geregelt sei das in der Gewerbeordnung von 1871. Wer ein Reisegewerbe ausüben wolle, benötige ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamts. Einträge im Gewerberegister würden geprüft.

„Der Nachweis einer Qualifikation ist nur bei Gesundheitsberufen, etwa bei den Orthopädieschuhmachern, erforderlich“, führt Kuckuk aus. An der Haustür wiesen die Reisenden ihre Qualifikation mittels Referenzen nach. Sie unterlägen dabei den gleichen Gewährleistungspflichten wie Meisterbetriebe. Dass reisenden Handwerkern oft von niedergelassenen Kollegen die Qualifikation abgesprochen wird, ärgert den Klein-Lengdener Zimmerer Martin Lüth. Jahrelang war er selbst im Reisegewerbe tätig. Pfusch gebe es auch bei Meisterbetrieben, sagt er.

Meisterprüfung hätte keinen Sinn gemacht

„Auf den Baustellen arbeiten in der Regel die Gesellen“, stellt Lüth klar. Der Meister sitze dagegen meistens im Büro, schreibe Angebote und Rechnungen. Viele Gesellen würden sich aus finanziellen Gründen gerne selbstständig machen. In Deutschland gebe es aber den Meisterzwang. Demnach dürfe sich nur der mit einem eigenen Betrieb niederlassen, der an der – in der Regel – teuren und zeitintensiven Meisterschule seinen Meister gemacht habe.

„Ich habe schon als Geselle auf der Walz auf eigene Rechnung im Reisegewerbe gearbeitet“, erzählt Zimmerer Lüth. Wieder zuhause habe er damit weitergemacht, um seine junge Familie zu ernähren und sein Haus zu finanzieren. „Vor zehn Jahren meldete ich dann gemeinsam mit einem Bauingenieur ein stehendes Gewerbe an“, sagt er. Seither sei er Zwangsmitglied in der Handwerkskammer. Diese biete auch Vorteile, räumt er ein. So kümmere sie sich um die Lehrlinge.

Kuckuk hat drei Jahre in einem Dachdeckerbetrieb gearbeitet, bevor er sich als Stroh- und Reetdachdecker im Reisegewerbe selbstständig machte. „Eine Meisterprüfung machte für mich keinen Sinn, da ich sie im normalen Dachdeckerhandwerk hätte ablegen müssen“, sagt er. Das Stroh- und Reetdachdecken wäre dort nicht vorgekommen.

Geldstrafen bei Vortäuschung eines Reisegewerbes

Im Gewerberegister der Stadt Göttingen sind 98, beim Landkreis weitere 574 aktive Reisegewerbetreibende eingetragen – deutlich mehr als der Verband unabhängiger Handwerker und Handwerkerinnen schätzt. Das haben die beiden Verwaltungen auf Tageblatt-Anfrage mitgeteilt. Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um Handwerker, sondern auch um andere Dienstleister. Die Reisegewerbekarte kostet in der Stadt 230 Euro, im Landkreis 150 bis 200 Euro. Die Daten aller reisenden Unternehmer übermittelt der Landkreis bei der gewerberechtlichen Prüfung der Zuverlässigkeit an die Handwerkskammer, die Stadt gemäß Gewerbeordnung.

Unerhebliche Fälle nach Handwerksordnung geahndet

Die Stadt macht darauf aufmerksam, „dass einige Handwerker den Umweg über das Reisegewerbe bewusst wählen, um der Meister- oder Eintragungspflicht durch die Handwerkskammern zu entgehen.“ Die Verwaltung warne die Betroffenen davor, die Bestimmungen der Gewerbeordnung zu verletzen. Kunden dürften die Dienstleistung nicht bestellen. Es dürfe keine Werbung und keine Terminabsprachen geben. Die Leistungen seien an Ort und Stelle zu erbringen. Gegen Handwerker, die nur vorgäben, im Reisegewerbe tätig zu sein, tatsächlich aber ein stehendes Gewerbe ausübten, ginge die Stadt vor. Handele es sich um „unerhebliche Fälle“, werde das nach der Handwerksordnung geahndet (maximale Geldbuße 10.000 Euro). Fälle „von erheblichem Umfang“ würden nach dem Schwarzarbeitergesetz geahndet (maximale Geldbuße 50.000 Euro). Das erledige der Landkreis aufgrund einer interkommunalen Vereinbarung für die Stadt mit. mic

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