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Bei Contigo weiß jeder über alles Bescheid

Interview Bei Contigo weiß jeder über alles Bescheid

Die Tageszeitung TAZ und Verdi-Gewerkschafter üben Kritik an dem Geschäfts- und Entlohnungsmodell der Contigo-Läden. Hanne-Dore Schumacher sprach in der Göttinger Zentrale mit Ingo Herbst, dem Gründer der Fair-Trade-Läden.

Können Sie sich erklären, warum die linke Tageszeitung TAZ ausgerechnet Ihr Geschäftsmodell attackiert?
Ingo Herbst: Da können wir nur raten: Vorsätzlicher Racheakt von gekündigten Bremer Mitarbeitern? Ein naiver Redakteur, der solche Absichten nicht durchblickt? Ein heißer Journalist aus dem links-alternativen Spektrum, der es einem Kapitalisten und Ausbeuter mal zeigen will?
Sie selbst bezeichnen Ihr Entlohnungsmodell als innovativ. Was ist besonders daran?
Grundsätzlich haben alle Mitarbeiter bei uns überdurchschnittliche Möglichkeiten, sich einzubringen, mitzuentscheiden und am Konzept teilzuhaben. Innovativ ist, dass wir auch Teilzeitkräften in vollem Umfang diese Möglichkeiten bieten.
Der Verdi-Sekretär Eberhard Buschbom spricht von Scheinselbstständigkeiten.
 Komplette Falschaussage. Scheinselbstständigkeit hat es in den Contigo-Filialen noch nie gegeben und wird es auch nie geben. Alle Mitarbeiter sind ohne Ausnahme sozialversicherungsrechtlich angemeldet. Vielleicht hat er etwas missverstanden: Ein angestellter Mitarbeiter kann einen Contigo Laden in eigener Regie eröffnen. So geschehen in Oldenburg. Aber dann ist er Unternehmer und ist richtig selbstständig.

Ein weiterer Vorwurf: Contigo-Mitarbeiter müssen Renten- und Krankenversicherung selbst zahlen.
Falsch. Bei den Minijobs (400 Euro) trägt das Unternehmen die Sozialbeiträge in voller Höhe. Der Mitarbeiter zahlt nichts. Bei Teilzeitmitarbeitern über 401 Euro verhält es sich wie bei Vollzeitverhältnissen: Die sozialversicherungspflichtigen Beiträge werden anteilig vom Unternehmen und vom Mitarbeiter gezahlt.

Warum wollen Sie 400-Euro-Jobs abschaffen?
Die Minijobs (400 Euro) degradieren die Mitarbeiter zu „Aushilfen“. Die zulässige Obergrenze, die nicht überschritten werden darf, ist auf 400 Euro festgelegt. Wenn das Unternehmen jetzt seinem 400-Euro-Mitarbeiter einen Zuschlag zahlen oder ihn am Gewinn beteiligen möchte, kann und darf dieser trotzdem nicht mehr als 400 Euro verdienen. Er könnte höchstens für das gleiche Geld einige Stunden mehr zu Hause bleiben. Wir aber wollen erreichen, dass die Mitarbeiter sich mehr, öfter und besser einbringen können. Dafür sollen sie auch mehr verdienen können. Deswegen sind Minijobs bei uns out.

Warum ist es schwierig, Ihr Modell zu vermitteln?
Das liegt wohl an Deutschland, wo der Gesetzgeber und die Öffentlichkeit immer nur „Unternehmer“ und auf der anderen Seite nur „Arbeitnehmer“ als Gegensätze kennt. Dazwischen kennt man nichts. Zwar gibt es auch bei Contigo den Unternehmer, der letztlich die Gesamtverantwortung und das alleinige Haftungsrisiko für einen Laden trägt. Aber unsere Mitarbeiter sind in einer Art und Weise an der Entwicklung und Mitgestaltung „ihres Ladens“ eingebunden, dass sie – trotz Teilzeit unternehmerisch handeln können.

Sie sind weder im Arbeitgeberverband, noch tarifgebunden. Wäre das nicht der beste Weg für gerechte Löhne?
Nein, unsere Mitarbeiter leisten mehr und wären mit Tariflöhnen unterbezahlt. Die Flächentarifverträge sind für unser modernes Mitarbeiter-Beteiligungsmodell zu starr und nicht für unsere Unternehmensgröße und –ziele gemacht.

Wie sieht es im Krankheitsfall aus. Haben Sie den gelben Zettel abgeschafft?
Natürlich nicht. Die Lohnfortzahlung im Erkrankungsfall gilt ab dem ersten Tag der eingereichten Krankmeldung. Vertretungs- und Arbeitsplanfragen klären die Teams unter sich.

Kann man in Zahlen ausdrücken, wieviel ein Contigo-Beschäftigter bei gleicher Stundenzahl im Vergleich zum Tarif erhält?
Im neuen Midijob-Modell verdienen die Mitarbeiter 30 Prozent über dem letzten vergleichbaren Tariflohn.

Die Bremer Contigo-Filiale war der Auslöser für den TAZ-Bericht. Was ist da passiert?
Drei Mitarbeiterinnen ließen die dort neu eingestellte Teamleiterin ins Leere laufen und blockierten ihre Arbeit. Deswegen mussten wir diesen Dreien kündigen, fristgerecht mit Auszahlung aller ausstehenden Urlaubsansprüche.

Sie beteiligen die Mitarbeiter am Gewinn. Wie sieht das in der Praxis aus?
Mit jeder Filiale wird zu Beginn eines Jahres eine Zielvereinbarung für jeden Monat vereinbart. Wenn das Ziel erreicht wird, steht ein Bonus von 300 Euro zur Verfügung, der auf die Mitarbeiter verteilt wird. Diese Summe kann bis zu 10 Prozent des Monatsverdienstes ausmachen – zusätzlich zu der 30-prozentigen Zulage, die wir ohnehin gewähren. Zum Nachvollziehen dieser Bonuszahlungen muss eine komplette Transparenz über Umsätze, Kosten, Ergebnisse herrschen.

Wie reagierten Kunden und Mitarbeiter?
Unsere Mitarbeiter waren von den falschen Veröffentlichungen schon sehr getroffen und zeigten sich empört. Kunden, die uns schon lange kennen, reagierten mit Unverständnis auf den TAZ-Artikel und die Falschaussagen des zitierten Verdi-Sekretärs. Sie ließen sich von unseren Mitarbeitern in Bremen, Göttingen und Tübingen unmittelbar informieren. Es gab ganz wenige Kunden, die uns ihre Kaffeetüte auf denTresen knallten.

Bleibt das Konzept so?
Ja. Das Konzept wurde in den letzten 15 Jahren ständig verbessert und ist bei den Mitarbeitern beliebt. Im übrigen wird Contigo regelmäßig vom Weltladen-Dachverband geprüft und in die beste Kategorie eingestuft.

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