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Regional Big Data wird zur Herausforderung
Nachrichten Wirtschaft Regional Big Data wird zur Herausforderung
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00:29 25.05.2015
Dr. Karsten Eichmann in der Göttinger Gothaer Niederlassung. Quelle: Hinzmann
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Wie wirkt sich die anhaltende Niedrigzinsphase auf die Versicherungsbranche aus?
Sie ist eine massive Bedrohung für jeden, der für das Alter vorsorgt oder Geld anlegt. Die Altersvorsorge und Vermögensbildung von Otto Normalverbraucher, die über Zinsen funktioniert, wird ausgehebelt, während Substanzwerte stark an Wert gewonnen haben. Zur Zeit zahlt also der kleine Mann die Zeche für die Niedrigzinspolitik der EZB. Wer hingegen über Aktien, Immobilien- oder Unternehmensbesitz verfügt, hat kurzfristig stark profitiert. Die Lebensversicherer dürfen und können allerdings nur in beschränktem Maße in Aktien und Sachwerte investieren. Geht das so weiter, bedeutet das konkret für die Lebensversicherung, dass wir unsere Kosten noch weiter reduzieren müssen. Im Moment gibt es noch keinen Grund für Alarm, da wir aus dem Bestand eine gute Verzinsung haben. Aber mit jedem Jahr laufen mehr dieser Anlagen aus. In der aktuellen Neuanlage können aber derzeit nur unter zwei Prozent erwirtschaftet werden. Bestehende Verträge der Versicherungskunden werden im Moment im Branchenschnitt jedoch mit rund 3,1 Prozent verzinst. Davon müssen 1,1 Prozent für Verwaltung und Vertrieb aufgewendet werden. Da ist klar, dass das auf lange Sicht nicht mehr profitabel ist.  

 
Ist absehbar, wann sich diese Entwicklung zu einem echten Problem ausweitet?
Die  Lebensversicherer in Deutschland müssen schon heute in Summe Milliardenbeträge für die gesetzlich geforderten Reserven zurücklegen, um ihre Garantieverpflichtungen für die kommenden Jahrzehnte abzusichern. Die Stellung dieser Reserve wird die Marktteilnehmer in den nächsten Jahren sehr fordern. Bei langanhaltenden Niedrigzinsen und den regulatorischen Anforderungen bedarf es dann gegen Ende des Jahrzehnts gewaltiger Anstrengungen, um nicht in die roten Zahlen zu geraten. Wir sind bei der Gothaer Leben aber auch auf ein solches Szenario vorbereitet und werden unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden erfüllen. 

 
Spielen personalisierte Risikoeinschätzungen und Prämien eine zunehmende Rolle, Stichwort Big Data?
Wir sehen die Ansätze, beispielsweise dem gesünderen Kunden günstigere Tarife anzubieten, kritisch. Das ist die Auflösung des Solidarprinzips.Wir sind jedoch damit konfrontiert, dass die Googles und Facebooks dieser Welt in einem unglaublichen Umfang Erkenntnisse über Einzelpersonen sammeln und sie uns mittlerweile für teures Geld anbieten. Wir wollen aber mit einem hohen ethischen und moralischen Anspruch unterwegs sein, das heißt: der Kunde muss immer die Hoheit über die Nutzung seiner Daten haben. 

 
Irgendwer wird vermutlich anfangen, diese Daten zu nutzen und dadurch eventuell Erfolge einfahren. Kommen Sie also mittel- bis langfristig überhaupt um Google-Daten herum?
Natürlich beobachten wir die Entwicklung intensiv. Aber im Moment erarbeitet sich die Branche insgesamt einen gewissen ethischen Standard. Es wäre aber auch wichtig, dass die Verfügbarkeit von Daten einer gewissen Offenheit und Transparenz unterliegt. Beispiel Fahrzeugdaten: Zukünftig wird in jeden Neuwagen Telematik eingebaut, die Daten direkt an die Automobilhersteller sendet. Das wird sie in die Lage versetzten, dieses Datenmonopol auch Versicherungen anzubieten. Deswegen ist es wichtig, dass wir in der politischen Meinungsbildung zu einer Datenoffenheit kommen, in der Markteilnehmer in einem gewissen Umfang Zugriff auf diese Daten haben können, aber immer gesteuert durch den Kunden. Sprich der Kunde verfügt damit selbst über die Daten, die anderswo über ihn abgelegt sind – und diese kann er dann auch auf den Markt geben. Zur Zeit läuft der Hase bei den großen amerikanischen Datensammlern aber in eine andere Richtung. Ob wir uns also mit unseren Vorstellungen durchsetzen und mit diesen am Markt halten, ist eine gute und offene Frage.

 
 Interview: Sven Grünewald
 

Zur Person

Dr. Karsten Eichmann, Jahrgang 1961, ist seit 1. Januar 2014 Mitglied des Vorstands der Gothaer Versicherungs­bank VVaG und seit 4. Juli Vorstandsvorsitzender.

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