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Regional Digitalisierung droht Arbeitszeit zu sprengen
Nachrichten Wirtschaft Regional Digitalisierung droht Arbeitszeit zu sprengen
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00:27 01.03.2018
„Allzeit bereit“ – Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt massiv. Quelle: Getty Images/iStockphoto
Göttingen

Die Belastung der Arbeitnehmer in Unternehmen mit hohem Digitalisierungsgrad, führte Schwarzbach aus, sei erheblich, habe eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ergeben. Knapp die Hälfte der Befragten habe geantwortet, die Belastung sei größer geworden. Unter anderem würden die größeren Möglichkeiten zur Personalkontrolle und zu Vergleichen der Leistung der Arbeitnehmer untereinander als Belastung empfunden. Aber auch die Möglichkeit, über das sogenannte „Cloudworking“ und über Smartphone oder Tablets jederzeit und überall arbeiten zu können, werde als Druck empfunden, weil Arbeitgeber dies implizit oder auch explizit von ihren Mitarbeitern verlangten. 27 Prozent aller Arbeitnehmer, hat der DGB ermittelt, müssten nach offiziellem Arbeitsschluss häufig oder sehr häufig für ihren Arbeitgeber erreichbar sein.

Einen besonders hohen Digitalisierungsgrad, führte Schwarzbach weiter aus, gebe es im Gesundheitswesen und vor allem im Bereich Finanzdienstleistungen. Im Gesundheitswesen hätten die Arbeitnehmer unter anderem über enorme Arbeitszeitverluste durch komplizierte Eingaben in IT-Systeme geklagt. Sein Fazit: „Niemand kommt um dieses Thema herum.“ Und: „Die Arbeitnehmer in dieser Situation sind derzeit ziemlich in der Defensive.“

Burnout-Symptome

Zu ähnlichen Ergebnissen, sagte Schwarzbach, sei eine Studie der Universität St. Gallen gekommen, die etwa 8000 Arbeitnehmer aus Deutschland befragt habe. Jeder dritte von ihnen habe angegeben, sich am Ende des Arbeitstages „verbraucht“ zu fühlen. Bei 23 Prozent der Befragten seien sogenannte Burnout-Symptome aufgetreten.

Als aktuelle Entwicklung führte Schwarzbach das Modell von Firmen an, ihren Mitarbeitern mobile Geräte wie Smartphones oder Tablets zur Verfügung zu stellen, um deren Möglichkeiten dann für das Unternehmen nutzen zu können. Der Gewerkschaftssekretär berichtete von einer Firma, die allen Angestellten kostenlos ein Smartphone überließ, das auch privat genutzt werden konnte. Anfangs sei die Begeisterung groß gewesen – aber nur bis zu dem Moment, als der Arbeitgeber die Anmeldung bei dem Mitteilungsdienst Whatsapp verpflichten gemacht hatte, um darüber seinen Personaleinsatz zu organisieren. Die Folge für die Belegschaft, bei der die Freude über das vermeintliche Geschenk schnell schwand: obligatorische Smartphone-Beobachtung auch in der Freizeit. In solchen wie auch anderen Fällen, erläuterte Schwarzbach, bleibe eine Frage im Regelfall ungeklärt: Wem gehören eigentlich die durch die Benutzung solcher Geräte entstandenen Daten?

Klare Regeln

Völlig hilflos, sagte Schwarzbach, seien die Arbeitnehmer diesen Folgen der Digitalisierung der Arbeitswelt allerdings nicht ausgeliefert. So habe Ingrid Schmidt, Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts, kürzlich auf „die sehr klaren Regeln“ des Arbeitszeitgesetzes hingewiesen, die zudem den Vorteil hätten, „sehr einfach kontrollierbar“ zu sein. Zum Beispiel unterlägen auch die Zeit für Cloud-Working diesen Regelungen, denen sich kein Arbeitgeber entziehen könne. Eine Regel, die oftmals nicht eingehalten werde: Nach Arbeitsschluss muss der Arbeitnehmer eine mindestens elfstündige Ruhephase einlegen. Aber auch der Arbeitnehmer stehe in der Verantwortung, diese Regeln zu befolgen: Bei einem Unfall nach einer Arbeitszeitüberschreitung riskiere der Arbeitnehmer den Verlust der Lohnfortzahlung.

Kaum überraschend, sieht die Arbeitgeberseite die Rolle des Arbeitszeitgesetzes ganz anders. „Internationale Vernetzung und die rasant zunehmende Digitalisierung von Produktions- und Geschäftsprozessen erfordern mittlerweile eine hohe Flexibilität im Umgang mit der Arbeitszeit“, sagt Martin Rudolph, Leiter der Göttinger Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK). „Das unbestritten arg verstaubte Arbeitszeitgesetz muss dringend modernisiert werden. Unternehmen und Beschäftigte brauchen einen zeitgemäßen rechtlichen Rahmen, der Möglichkeiten schafft, die digitale Arbeitswelt im betrieblichen Alltag flexibel gestalten zu können.“

Von Matthias Heinzel

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