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Regional Dramatischer Insektenrückgang
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00:19 04.09.2017
Immer weniger Bienen und andere Insekten sind unterwegs. Quelle: dpa
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Göttingen

„Wer heute mit dem Auto übers Land fährt, findet danach kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe“, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) dem RedationsNetzwerk Deutschland (RND). Hauptursache sieht Hendricks in der Intensivierung der Landwirtschaft. Ein wichtiger Grund für den Insektenschwund sei der „übertriebene Einsatz“ von Insektiziden und Totalherbiziden wie Glyphosat, so die Ministerin.

Ihr Landeskollege aus Niedersachsen, Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne), hat schon die Konsequenzen im Auge: „Mit dem Sterben der Insekten könnte auch das Ende der industriellen Landwirtschaft eingeläutet werden. Wenn sich der maßgebliche Einfluss von Insektiziden, Totalherbiziden und anderen Pestiziden belastbar nachweisen lässt, was ich erwarte, wird die Agrarindustrie ihr Waterloo erleben.“ Eine erhebliche Rolle dürften seiner Auffassung nach die Änderungen in der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen spielen. Zu nennen seien hier der Rückgang des Grünlandes, die Intensivierung der Acker- und Grünlandnutzung seit den 1950er Jahren, beispielsweise in Bezug auf Düngerauftrag, Einsatz von Pestiziden, Drainagen von Feuchtstandorten, Umfang von Pflegemaßnahmen im Grünland. Dazu kämen indirekte Effekte wie der Verlust von Randstrukturen durch wachsende Schlaggrößen. „Wenn sich bestätigt, dass insbesondere auch die Anwendung von Pestiziden anderer Chemikalien das Insektensterben beschleunigen, muss es schärfere Auflagen in den Genehmigungsverfahren geben oder es müssen auch schon erteilte Zulassungen zurückgenommen werden“, sagt Wenzel und weist auch auf den möglichen wirtschaftlichen Verlust hin: „Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 30 Prozent der Nahrungsmittelproduktion von der Bestäubungsleistung der Insekten beeinflusst wird. Ein dauerhafter Verlust könnte Folgen für den Menschen haben.“

„Richtig ist, dass durch den Einsatz von modernen Techniken sowohl im Bereich der mechanischen Systeme durch eingesetzte Technik und Verfahren, wie auch im Bereich des chemischen Pflanzenschutzes eine Intensivierung stattgefunden hat, von der wir alle letztendlich profitieren“, betont Achim Hübner, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes. „Betrachtet man den Einsatz von Produktionsmitteln je Einheit – beispielsweise je Tonne Getreide – sind wir deutlich effektiver und „verbrauchen“ oder nutzen viel weniger Fläche für die gleiche Produktionsmenge. Das ist gerade aus ökologischer Sicht ein gewaltiger Vorteil.“

Der Faktor Ertragsniveau allein könne sicher nicht ausreichend sein, vielmehr wäre das Verhältnis Aufwand zu Ertrag besser geeignet. Die Bodenbearbeitung selbst durch Pflug, Grubber, Hacke und Striegel beeinträchtigte das Bodenleben erheblich. Früher sei die Bodenbearbeitung deutlich intensiver gewesen, eben nur bei schlechteren Erträgen. Der Pflanzenschutz verringere die Intensität der Bodenbearbeitung und sichere Erträge, sagt Hübner. Selbstverständlich habe die Landwirtschaft die Natur im Blick. „Ohne eine funktionierende Natur fehlt uns unsere Lebensgrundlage. Soweit es in unseren Möglichkeiten steht, machen wir das, aber die Realität der Märkte zwingt, wie in allen anderen Branchen, zur Wirtschaftlichkeit. Denn auch ein Landwirt will seine Familie ernähren“, sagt Hübner.

Ohne Bestäuber ginge bei allen Fremdbestäubern die Fruchtbildung natürlich deutlich zurück. „Das kann unser aller Interesse nicht sein“, sagt Hübner. Die Landwirtschaft sei grundsätzlich bemüht, Pestizide und andere Chemikalien immer so wenig wie notwendig einzusetzen. „Alles was wir machen, hat Auswirkungen auf die Umwelt. Unsere Behörden überwachen, welche Auswirkungen zu erwarten sind und wägen Vor- und Nachteile ab, um dann unter Anwendungsauflagen Pflanzenschutzmittel zuzulassen oder eben nicht. Wir vertrauen darauf, dass dies in ‚unserem Bereich‘ ebenso funktioniert wie in allen anderen Bereichen.“ „Somit glauben wir, dass wir Landwirte zum einen dazu aufgefordert sind, grundsätzlich wenig einzusetzen und zum anderen darauf vertrauen, dass unsere Behörden sachgerecht arbeiten.“

Hübner sieht einen Verlust der Landwirtschaft durch fehlende Bestäubungsleistung als rein spekulativ an und verweist darauf, dass Kartoffeln, Mais und Getreide Windbestäuber seien. Diese Kulturen sicherten aber 70 Prozent der Ernährung.

Von Frank Beckenbach

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