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14:15 04.11.2018
Dachdecker bei der Arbeit: Laut Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer haben sich die technischen Arbeitsbedingungen in vielen Gewerken verbessert. Quelle: dpa
Göttingen / Landkreise

Laut Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer haben Handwerksberufe nach wie vor mit veralteten Klischees zu kämpfen. Diese Vorurteile würden zum vorhandenen Mangel an Fachkräften beitragen – obwohl sich viele Handwerksberufe in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt hätten.

Laut Wollseifer gibt es eine „Fülle von Innovationen“ im Handwerk, die die Arbeit attraktiver machten. So müsse der Dachdecker zur Schadenskontrolle nicht mehr selbst auf den First. „Er schickt heutzutage die Drohne hoch, die gestochen scharfe Bilder macht", betont der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. „Insbesondere in den Bau- und Ausbaugewerken gibt es zahlreiche technische Hilfsmittel, die eine große Arbeitserleichterung darstellen“, bestätigt Stefan Pietsch, Pressereferent der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen. Beispielsweise gebe es bei den Maurern und Betonbauern Hebe- oder Maurerbühnen, die ergonomische Vorteile böten. Niemand in diesem Beruf müsse heute noch gebückt oder in einer anderweitig unvorteilhaften Körperhaltung arbeiten. Dennoch halte sich im Handwerk das Klischee von der „harten und schlecht bezahlten Arbeit“.

Große Veränderungen durch Innovationen

„Es hat in allen handwerklichen Berufen in den letzten Jahren große Veränderungen der Arbeitsabläufe durch technologischen Innovationen gegeben“, betont Christian Frölich, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen und Obermeister der Bau-Innung Südniedersachsen. Als Beispiele nennt er aus seinem eigenen Gewerk das Versetzen von großformatigen Steinen mit Minikränen und den Einsatz diverser Techniken zum Schutz der Mitarbeiter, etwa im Hinblick auf Staub- und Lärmvermeidung. Zudem gebe es beispielsweise vollautomatische Abbundmaschinen bei Zimmerleuten. „Allgemein gibt es eine große körperliche Entlastung durch moderne Arbeitsmittel“, findet auch Bäcker-Meisterin Katja Thiele-Hann, selbst einst Kreishandwerksmeisterin. In einer Bäckerei gebe es heute zum Beispiel moderne Verwiegetechnik, sodass das schwere Tragen und Heben von Rohstoffen nicht mehr händisch erledigt werden müsse.

Wollseifer wirbt auch mit Blick auf die hohe Beschäftigungsquote für eine berufliche Ausbildung im Handwerk: „Der Meisterbrief ist geradezu eine Jobversicherung“, so der Handwerkspräsident. Zudem verdiene ein Meister mindestens so viel wie ein Bachelor. „Ein fitter Handwerksunternehmer kann einen Master finanziell locker überflügeln. Und der Lehrling bekommt während der Ausbildung eine Vergütung, ein Student dagegen nichts“, unterstreicht der Präsident. Auch in diesem Punkt erhält Wollseifer Zustimmung aus der Region. So sprich Frölich von „fantastischen beruflichen Perspektiven“ in den Handwerksberufen. „In den nächsten Jahren stehen viele Betriebsübergaben im Handwerk an – in puncto Karriere können Meisterinnen und Meister sich als künftige Chefs verwirklichen“, ergänzt Pietsch. Allerdings fehle es seiner Meinung nach weiterhin an einer allgemeinen Wertschätzung für Ausbildungsberufe. Auch Thiele-Hann beklagt das Klischee, dass man angeblich im Handwerk keine Karriere machen könne und dass Abiturienten sogar von einer Ausbildung im Handwerk abgeraten werde. Frölich ergänzt, dass Abiturienten „viel zu stark auf die akademische Ausbildung fokussiert sind“. Er vermutet, dass dies auch an der Ausbildung der Lehrer liegt, die während ihrer Studiums möglicherweise zu wenig über die Gleichwertigkeit von dualer und akademischer Ausbildung erfahren.

Zahl der Lehrverhältnisse stabil

Auszubildende fehlen nach Angaben der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen vor allem in den Lebensmittelhandwerken, aber auch in den Bereichen Elektro, Sanitär-Heizung-Klima sowie in den Bau- und Ausbauberufen. Allerdings, so Pietsch, sei die Zahl der eingetragenen Lehrverhältnisse im Kammerbezirk „trotz demografischer Faktoren und starker Studierneigung nahezu stabil“ (2017: 1387, 2018: 1285).

Eben weil sich aber immer noch die meisten Gymnasiasten nach dem Abitur für ein Studium entscheiden, passen die regionalen Player im Handwerk ihre Aufklärungsarbeit immer wieder an, zeigen sich auf Berufsmessen, bieten Infoveranstaltungen in Schulen und sogar Kindergärten an – und sie entwickeln neue Ideen. Frölich: „Die Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen hat aktuell eine Kooperation mit dem Felix-Klein-Gymnasium geschlossen, um handwerkliche Berufsorientierung in das Gymnasium zu tragen. Es ist geplant, im Rahmen dieser Kooperation die Durchführung des Zukunftstages 2019 am FKG komplett im Handwerk stattfinden zu lassen.“

Von Markus Riese (mit epd)

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