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Regional In 150 Jahren vom Millimeter zum Nanometer
Nachrichten Wirtschaft Regional In 150 Jahren vom Millimeter zum Nanometer
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17:11 16.09.2011
1888 im Esslinger Werk, dem ehemaligen Firmensitz: der Firmengründer Carl Mahr im Kreise seiner Gesellen. Quelle: EF
Göttingen

Im Jubiläumsjahr 2011 „boomt das Geschäft“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung und Ur-Ur-Enkel des Firmengründers. Die Auftragslage liege zweistellig über dem Vorjahr: „Im Juli haben wir die 200 Millionen Euro geknackt.“ Auch mit dem Umsatz ist Gais zufrieden. Es gehe deutlich voran. 2010 betrug der Umsatz 146 Mio. Euro, 2011 rechnet der Firmenchef mit 180 Mio. Euro.

Global will das Unternehmen, das in seinem Segement Platz drei der Weltrangliste belegt, wachsen. Asien, Lateinamerika, Osteuropa sind die Märkte, die die Göttinger Messtechniker im Auge haben. 70 Prozent gehen bei Mahr in den Export. Tendenz steigend. „Verhalten-optimistisch“ blickt Gais ins nächste Jahr. Bei aller Diskussion um Wachstumsbremsen weiß er aus dem Maschinenbau jedoch: „Bei keinem ist erkennbar, dass es zurückgeht.“

60 Prozent des Umsatzes macht Mahr mit der Automobilindustrie. „Die Kunden investieren massiv.“ Der wichtige Abnehmer von Mahr-Messtechnik Volkswagen baue derzeit in China drei große Werke. In diesem Jahr habe der Auftragseingang in der Systemmesstechnik um satte 60 Prozent zugelegt, verrät Gais. Die Automobilindustrie ist für ihn auch weiterhin ein Wachstumsmarkt, wenngleich sich der Hype um Elektroautos relativiere. Gais sieht die Zukunft bei Zwei- bis Drei-Liter-Autos. Für die dafür immer größer werdenden Toleranzanforderungen benötige die Branche Messtechnik von Mahr. „Da wird uns die Arbeit nicht ausgehen“, ist sich der Geschäftsführende Gesellschafter sicher. Auch im Bereich Spinnpumpen können sich die Göttinger vor Aufträgen nicht retten. „Bis Oktober 2012 sind wir ausverkauft“, sagt Gais. 15 Prozent des Umsatzes mache Mahr heute schon mit dem Pumpengeschäft. In China entstünden riesige Fabriken, in denen Synthetikfasern, Nylon und Perlon produziert und verarbeitet werden. 125 Mitarbeiter in Göttingen arbeiten rund um die Uhr, um die Aufträge zu erfüllen. Den Standort Göttingen betrachtet Gais als ideal. Die Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft funktioniere gut, die Fachhochschule sei ein Spitzenthema, die Lage in der Mitte Deutschlands perfekt.

Mahr-Produkte

Die Mahr-Gruppe belegt weltweit Platz drei der Hersteller von Fertigungsmesstechnik mit einem kompletten Angebot: Vom Mess-Schieber bis zu Oberflächenmessgeräten, Längen- und Wellenmessgeräten sowie optisch-taktilen Formmessgeräten im Nanobereich reicht die Produktpalette der Göttinger. Sie finden ihren Einsatz in der Automobil-Industrie, im Maschinenbau, in feinwerk-technischen und in optischen Betrieben, in Wissenschaft und Forschung. Mahr-Messtechnik wird für kleinste Längen-, Form- und Oberflächenabweichungen an Werkstücken benötigt. In fast allen Bereichen der Investitions- und Produktionsgüterindustrie sind messtechnische Lösungen des Göttinger Unternehmens wegbereitend für den weiteren technischen und wirtschaftlichen Fortschritt, sagt die Geschäftsführung. Zum Produkt-Portfolio von Mahr gehören seit 1946 auch Spinn- oder Dosierpumpen. Sie ermöglichen präzise und gleichmäßige Dosierung von Flüssigkeiten. Abnehmer sind unter anderem die Nahrungsmittelindustrie, die Medizintechnik und die Pharmazie-Branche. Dosierpumpen von Mahr werden weltweit eingesetzt. Für die Textilindustrie stellt Mahr Spinnpumpen her, die es ermöglichen, kilometerlange Fäden mit einer auf den tausendstel Millimeter exakt gleichen Stärke zu produzieren. Die Mahr GmbH beschäftigt weltweit 1500 Menschen, davon 700 am Hauptsitz Göttingen.

Familienbetrieb Mahr von 1861 bis 2011

Am 22. Februar 1830 wird Carl Mahr in Mainz geboren. In Darmstadt absolviert er nach der Schulzeit eine Schlosser-Lehre, ab 1856 ist er als Meister in der Maschinenfabrik Esslingen (Lokomotivenbau) tätig. Mit 31 Jahren eröffnet er seine eigene Werkstatt in der Esslinger Geißelgasse. 1882 steigt Sohn Oskar ins Geschäft ein, das er nach dem Tod des Vaters (1899) weiterführt. Oscar Mahr (1866-1937), Kaufmann und Mechaniker, wird unternehmerische Weitsicht nachgesagt. Er hat früh enge Geschäftsbeziehungen zu Russland geknüpft. 1937 stirbt er, sein Sohn Carl ist bereits in der Firma. Wie sein Vater, ist der Ingenieur Carl Mahr (1894-1967) morgens der Erste im Betrieb und abends der Letzte. Er vergrößert das Unternehmen und gründet unter anderem 1936 ein Werk in Göttingen. Es folgen Standorte in Schmalkalden und Berlin.

Als Mahr 1967 stirbt, ist Messtechnik von Mahr weltweit gefragt. 1936 bereits hat Mahrs 13 Jahre jüngerer Bruder, der Ingenieur Oscar Mahr (1907-1968), die Leitung des Göttinger Werks Feinprüf übernommen. Er baut es nach dem Krieg zu einem Musterbetrieb aus. Messgeräte von höchster Präzision werden im Brauweg für den Kraftfahrzeugbau und die Rüstung produziert. In Spitzenzeiten arbeiten in Göttingen bis zu 600 Mitarbeiter.

1966 übergibt er seine Firmenanteile an Bruder Carl Fritz Mahr (1925-1992). Der Maschinenbau-Ingenieur ist seit 1952 in der Firma. Er initiiert die ersten Auslandsvertretungen in Italien, Japan und der Schweiz. Eigene Tochtergesellschaften werden in Paris und den USA gegründet. In Hannover erwirbt er die Firma Perthen.

Ende der 1980er Jahre zieht sich Mahr aus dem Tagesgeschäft zurück, Neffe Thomas Keidel wird sein Nachfolger. Der Maschinenbau-Ingenieur (Jahrgang 1947) kommt nach Studien in den USA und Stationen bei Mercedes Benz 1984 ins Unternehmen zurück. Unter Keidels Regie expandiert Mahr weltweit, und der Hauptsitz wird nach Göttingen verlegt. 2010 übergibt er den Vorsitz der Geschäftsführung an seinen Cousin Stephan Gais (Jahrgang 1956). Der Banker und Diplom-Kaufmann kam 1994 als Geschäftsführer der Feinprüf-Perthen GmbH nach Göttingen.

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