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Regional Legales Handwerk gibt es nicht zum Nulltarif
Nachrichten Wirtschaft Regional Legales Handwerk gibt es nicht zum Nulltarif
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18:20 29.10.2009
reishandwerksmeisterin: Katja Thiele-Hann. Quelle: Mischke
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Schwarzarbeit, das ist kein neues Thema. Warum ist die Problematik so schwer in den Griff zu bekommen?
Katja Thiele-Hann: Das Schwarzarbeitsthema ist natürlich kein Neues. Es beschäftigt das Handwerk und unsere gesamte Nation vermutlich seit Jahrhunderten. Immer dann, wenn Arbeit Geld kostet und mittelbar hiervon auch Dritte, nämlich der Staat und die Sozialkassen, profitieren, wird es wahrscheinlich Versuche geben, Abgabepflichten zu umgehen. Dies hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass legal zu beschaffende Handwerksarbeit nicht unentgeltlich zu bekommen ist.

Die meisten Kritiker des Handwerks stöhnen über die hohen Stundenlöhne.
Andreas Gliem: Die Kosten einer Handwerkerstunde – gehen wir mal von einem Stundenverrechnungssatz von 40 Euro aus – sind zwar völlig wirtschaftlich kalkuliert. Der Unternehmer steckt sich diesen Betrag aber nicht als Gewinn in die Tasche. Am Ende bleiben ihm bei Berücksichtigung aller Lohnzusatzkosten vielleicht 1,50 Euro für das eigene Portemonnaie.
Was nutzt dem Kunden die Kostenaufstellung? Er muss doch zahlen, egal wo das Geld danach hinfließt.
Thiele-Hann: Es ist nachvollziehbar, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Verbraucher schlicht nicht in der Lage ist, unter diesen Bedingungen handwerkliche Arbeit einzukaufen. Sie weichen entweder auf Dumpingangebote der Konkurrenz oder eben auf Schwarzarbeit aus. Unsere Forderung richtet sich daher primär auf eine drastische Entlastung des Lohnzusatzkostenbereichs. Dies ist eine politische Aufgabe, die die neue Regierung hoffentlich mutig angehen wird.

Sie haben sich für die Schwarzarbeit-Kampagne entschieden. Wäre ein Appell an die Politik nicht sinnvoller?
Gliem: Wir sind uns bewusst, dass wir die Schwarzarbeit durch diese Kampagne auch im Landkreis Göttingen nicht eliminieren. Wir wollen in erster Linie zum Nachdenken anregen und die Menschen motivieren einmal über den Tellerrand hinaus zu schauen. Vielleicht gelingt es doch, den einen oder anderen davon zu überzeugen, dass nur legale Arbeit auch Arbeits- und Ausbildungsplätze erhält, Gewährleistungsansprüche bestehen bleiben und damit ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung von Infrastrukturen vor Ort gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen geleistet wird.

Es gibt die Forderung, den Meister abzuschaffen, um damit Schwarzarbeit vorzubeugen.
Gliem: Es überrascht uns nicht, dass Sie dieses Thema ansprechen. Die Berichterstattung Ihres Hauses in den letzten Wochen lässt ja unschwer vermuten, dass man das bei Ihnen so sieht. Wir hätten uns eine ausgewogenere, vor allem bedachtere Berichterstattung gewünscht, die sich mehr den Fakten und Hintergründen und weniger den Behauptungen und Klischees gewidmet hätte. Hierzu ließe sich vieles sagen, was wir während der letzten Wochen auch getan haben, aber leider keine Berücksichtigung fand. Deshalb an dieser Stelle vielleicht nur soviel: Ich habe Verständnis dafür, dass es einen bestimmt nicht unwesentlichen Teil Ihrer Leserschaft empört, wenn er erfährt, dass man sich für Haareschneiden ohne Meisterbrief „strafbar“ macht. Schade ist nur, dass diese Behauptung, die in Ihre Wochenumfrage gekleidet war, schlicht falsch ist. Denn erstens ist Haareschneiden ohne Meisterbrief keine Straftat, für die man ins Gefängnis kommt. Zweitens bietet das geltende Handwerksordnungsrecht eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Selbstständigkeit im Handwerk auch ohne Meisterprüfung. Deshalb ist es einfach falsch vom „Meisterzwang“ zu sprechen.

Haben Sie versucht, mit Herrn Arnold Kontakt aufzunehmen?
Thiele-Hann: Die Friseur-Innung Südniedersachsen hat dem Betroffenen konkrete Vorschläge unterbreitet. Unter anderem hat sie ihm einen Ausbildungsplatz in einem Göttinger Unternehmen angeboten, um im Anschluss an die Lehre gegebenenfalls von der sogenannten Altgesellenregelung Gebrauch machen zu können, die seine Selbstständigkeit legalisiert hätte. Leider hat es eine Reaktion auf diese Vorschläge nie gegeben.

Was ist das Problem? Die fachliche Qualifikation, der wirtschaftliche Faktor?
Gliem: Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass Schwarzarbeit ein sehr breitfächeriges Phänomen ist. Steuerhinterziehung, illegale Arbeitnehmerüberlassung und Leistungsmissbrauch zu Lasten der Sozialkassen würden durch die Abschaffung von Berufszugangsvoraussetzungen, etwa in Form der Meisterprüfung, natürlich nicht verhindert. Was verhindert werden könnte, wäre die unrechtmäßige Handwerksausübung durch Unqualifizierte. Die Frage ist, ob man das will. Bekanntlich gibt es auch nach der letzten großen Reform der Handwerksordnung zum 1. Januar 2004 noch 41 sogenannte zulassungspflichtige Handwerke, die nur der betreiben darf, der entsprechende Qualifikationen, in der Regel durch besagte Meisterprüfung, unter Beweis gestellt hat.

Nicht alle Gewerbe benötigen den großen Befähigungsnachweis?
Thiele-Hann: 110 Gewerbe dürfen als sogenannte zulassungsfreie Handwerke oder handwerksähnliche Gewerbe ohne jeglichen Qualifikationsnachweis ausgeübt werden. Der Gesetzgeber hat sich völlig zu Recht dazu entschieden, einen entscheidenden Teil der handwerklichen Berufe als zulassungspflichtig zu belassen.

Welche Begründungen liegen der Auswahl zugrunde?
Thiele-Hann: Zwei Motive spielten hier die entscheidende Rolle: Zum einen handelt es sich um Berufe, die gefahrgeneigt sind, also vor allem für den Verbraucher das Risiko mit sich bringen, dass, wenn sie nicht ordnungsgemäß ausgeübt werden, Schäden unter anderem für Leib und Leben verursacht werden können. Zum anderen beinhaltet diese Berufsgruppe Handwerke, in denen überproportional ausgebildet wird, wie es vor allem bei den Friseuren der Fall ist. 


Fazit: Ohne Meister weniger Ausbildung?
Thiele-Hann: Aus eigener Wahrnehmung wissen wir, dass in Handwerken, in denen die Meisterpflicht abgeschafft wurde, von heute auf morgen die Ausbildungsaktivitäten schlicht eingestellt wurden. Zur Begründung hören wir stets dasselbe. Keiner will sich seine eigene Konkurrenz heranziehen, die ihm vielleicht nach Erhalt der „Grundausbildung“, womöglich noch vor der Gesellenprüfung, schon übermorgen mit Billigpreisen unliebsame Konkurrenz vor der Haustür macht. Versucht man sich in einer objektiven Betrachtung, wird man einsehen, dass das ein nachvollziehbares Argument ist.

Hat die Reform der Handwerksordnung ihr Ziel also nicht erreicht?
Thiele-Hann: Aus unserer Sicht nein. Wäre es das Motiv des Gesetzgebers gewesen, möglichst vielen Menschen in Kleinstbetrieben, nämlich als Alleinselbstständige, den Markt zu überlassen, so wäre die Reform der Handwerksordnung zwar nachvollziehbar, wenn auch nicht optimal. Man meinte aber, durch diese Reform und die damit verbundene Liberalisierung im Wesentlichen zum Erhalt und zur Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen beizutragen. Dies ist so nicht gelungen. Zwar hat es gerade zu Beginn des Jahres 2004 einen unverhältnismäßigen Anstieg von Zulassungszahlen in den Handwerksrollen der Kammern gegeben. Viele derjenigen, die sich damals selbstständig gemacht haben, sind aber längst wieder vom Markt verschwunden. Mit in den Abgrund gerissen haben sie viele derer, die sich schon vorher seit Jahrzehnten erfolgreich betätigt hatten, den Konkurrenzdruck aber nicht mehr aushalten konnten. Mit ihnen gingen auch viele Arbeits- und Ausbildungsplätze verloren.

Können Sie das mit Zahlen belegen?
Gliem: Richten wir den Blick dabei beispielhaft auf drei Handwerksberufe, die bis Ende 2003 noch „meisterpflichtig“ waren und vergleichen wir deren Situation bezüglich der Betriebs- und Ausbildungszahlen mit der, die wir fünf Jahre später, also zum Ende 2008 in Niedersachsen beobachten. Ich spreche von den Fliesenlegern, den Raumausstattern und den Fotografen. Folgendes Bild ergibt sich per 31. Dezember 2003: 885 Fliesenlegermeisterbetriebe mit 319 Auszubildenden – entspricht einer Ausbildungsquote von 36 Prozent. 721 Raumausstattermeisterbetriebe mit 304 Auszubildenden – entspricht einer Ausbildungsquote von 42,2 Prozent. 337 Fotografenmeisterbetriebe mit 220 Auszubildenden – entspricht einer Ausbildungsquote von 65,3 Prozent. Zum 31. Dezember 2008 stellt sich die Situation wie folgt dar: 4255 Fliesenlegerbetriebe mit 169 Auszubildenden – entspricht einer Ausbildungsquote von 4,0 Prozent. 1981 Raumausstatterbetriebe mit 226 Auszubildenden – entspricht einer Ausbildungsquote von 12,9 Prozent. 866 Fotografenbetriebe mit 232 Auszubildenden – entspricht einer Ausbildungsquote von 26,8 Prozent.

Finden Existenzgründungen im Handwerk also auf Kosten von Ausbildung statt?
Gliem: Die Zahl der (in der Regel Einmann-)„Betriebe“ ist im Vergleichszeitraum exorbitant gestiegen, und zwar von 1943 auf insgesamt 7102. „Hurra“ schreit da der Meistergegner. 5000 neue Existenzen im Handwerk – was will man mehr. Vergleicht man aber die Zahl der Auszubildenden (843 in 2003 gegenüber 627 in 2008) wird die Dramatik deutlich. Eine nahezu Vervierfachung der Betriebszahlen steht einem gleichzeitigen Rückgang der Ausbildungszahlen um circa ein Viertel gegenüber. Das ist schlicht eine Katastrophe und sollte auch bei dem letzten Ungläubigen die Alarmglocken läuten lassen. Hinzu kommt, dass es sich bei den 5000 neuen „Selbstständigen“ in der Regel um Menschen handelt, die nicht vom Himmel gefallen sind und die zuvor bereits in einem Handwerksbetrieb gearbeitet haben. Im Wesentlichen handelt es sich nämlich um Mitarbeiter der Meisterbetriebe, die den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt, aber weder Arbeits- geschweige denn Ausbildungsplätze in wahrnehmbarem Umfang geschaffen haben. Damit haben sich letztlich nur die Marktverhältnisse verschoben. Es gibt mehr Selbstständige, weniger Arbeitnehmer und noch viel weniger Auszubildende in den genannten Berufen.

Ein klares Votum also für den Bestand des Meisterbriefes?
Thiele-Hann: Ein deutliches: Ja. Es ist im Übrigen auch überhaupt nicht nachvollziehbar, weshalb ein erfolgreiches System, um das uns andere Länder auf der ganzen Welt beneiden, abgeschafft werden soll. Natürlich ist eine Überreglementierung für Unternehmer beziehungsweise die, die es werden wollen, grundsätzlich kontraproduktiv. Als Berufszulassungsvoraussetzung hat sich der Meisterbrief jedoch bewährt.

Warum treffen diese Aufweichungen nur das Handwerk?
Gliem: Gute Frage. Nehmen wir zur Abwechselung mal den akademischen Bereich. Warum sollte sich jemand nur als Arzt verdingen dürfen, wenn er drei Staatsexamen abgelegt hat? Genau so gut könnte man es dem Verbraucher, in diesem Fall dem Patienten, überlassen zu entscheiden, in wessen Hände er sich begibt. Solange er weiß, dass eine bestimmte Qualifikation, im konkreten Fall nicht nachgewiesen werden kann, wäre es seine eigene Entscheidung, worauf er sich einlässt. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland derzeit viel zu wenige Ärzte haben, die hier arbeiten wollen. Also wäre es doch nur konsequent, den Markt freizugeben und auch anderen eine Chance zur Betätigung, aber auch zur Selbstständigkeit zu eröffnen. Natürlich ist das nicht wirklich ernst gemeint. Eine solche Argumentation soll aber aufzeigen, wie irrsinnig die Diskussion verlaufen kann.

Sind die Argumente für Außenstehende überhaupt nachvollziehbar?
Gliem: Ich denke schon. Stellen Sie sich vor, ein Dachdecker ohne Meisterprüfung macht bei der Instandsetzung des Daches einen folgenschweren fachlichen Fehler. Das Dach stürzt ein und begräbt tödlich die gesamte Familie. Der Aufschrei in der Bevölkerung wäre groß. Die Forderung nach qualifizierter Handwerksarbeit und deren Nachweis würde schnell gestellt.

Wird hier für das Handwerk ein eigenes Süppchen gekocht?
Thiele-Hann: Nein. Wir leben in Deutschland in einem Rechtsstaat. Gesetzliche Normen sind für uns eine Selbstverständlichkeit, die wir auch in vielen anderen Bereichen richtigerweise akzeptieren. Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, die Abschaffung der Straßenverkehrsordnung, des Bürgerlichen- oder gar des Strafgesetzbuches zu verlangen, getreu dem Motto: Jeder, wie er mag. Niemand vernünftiges zweifelt daran, dass Rechtsanwälte, Architekten, Verkehrsunternehmer oder Lehrer Qualifikationsnachweise zu erbringen haben, bevor wir sie dem Markt „überlassen“. Wir fordern daher nichts Unverhältnismäßiges.

Wie sehen Ihre nächsten Aktionen gegen Schwarzarbeit aus?
Thiele-Hann: Über unsere Spitzenorganisationen werden wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten dafür einsetzen, dass gesetzliche Regelungen geschaffen werden, die Schwarzarbeit verhindern. Darüber hinaus wollen wir in den nächsten Wochen die Verbraucher verstärkt und werbewirksam nochmals darauf aufmerksam machen, dass man im Falle der Beauftragung legaler Handwerksarbeit bis zu 1200 Euro Steuern im Jahr sparen kann. Eine sehr sinnvolle gesetzliche Regelung, die den Betrieben wirklich nützt und ausgebaut werden sollte.

Ziehen bei der Kampagne alle Innungen mit?
Thiele-Hann: Wir bekommen breite Rückendeckung aus allen Bereichen. Unsere Innungen stehen hinter uns und sie unterstützen diese Kampagne nach Kräften ideell, aber auch finanziell.

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