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Regional „Wir stehen vor einer ganz dramatischen Situation“
Nachrichten Wirtschaft Regional „Wir stehen vor einer ganz dramatischen Situation“
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00:21 20.04.2019
Ministerpräsident Weil besichtigt Solling und informiert sich über Sturmschäden. Quelle: nie/r
Fredelsloh

Strahlendblauer Himmel, Sonnenschein, angenehm warme Temperaturen: Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hätte sich am Mittwoch kein besseres Wetter für seinen Besuch im Solling wünschen können. Die Förster und Waldbesitzer geraten dagegen in Anbetracht des schönen Frühlingswetters in Alarmstimmung. „Wir brauchen dringend Regen, jeden Tag 20 Liter, und kühle Temperaturen“, meinte ein Förster. Anderenfalls drohe eine Katastrophe. Die Wälder in dem südniedersächsischen Mittelgebirge sind bereits enorm geschwächt: Erst richtete im Januar 2018 der Orkan „Friederike“ verheerende Schäden an, dann sorgte der Rekordsommer dafür, dass sich die Borkenkäfer vermehren konnten und die Bäume in Trockenstress gerieten. Anfang März warf Sturm „Eberhard“ jede Menge weiterer Fichten um, und nun droht eine Borkenkäfer-Massenvermehrung, wie sie selbst altgediente Förster noch nie erlebt haben.

Ministerpräsident Weil wollte sich selbst ein Bild machen von dem alarmierenden Zustand der Wälder. Das Thema ist ihm nicht nur deshalb wichtig, weil er selbst ein begeisterter Wanderer ist: „25 Prozent der Landesfläche sind Wald“, sagte Weil.

Wald als wichtiger Wirtschaftszweig

Der Wald hat nicht nur eine Schutz- und Erholungsfunktion, sondern ist auch ein wichtiger Wirtschaftszweig. Und dieser liegt derzeit ebenso am Boden wie die unzähligen Fichten, die den jüngsten Stürmen zum Opfer fielen. Die Waldbesitzer werden aufgrund des Überangebots ihr Holz nur noch zu deutlich geringeren Preisen oder gar nicht mehr los. „Die Holzmärkte sind völlig zusammengebrochen“, sagte der Präsident der Niedersächsischen Landesforsten, Klaus Merker. Allein in den südniedersächsischen Wäldern lagern mehrere hunderttausend Festmeter Holz, die nicht mehr absetzbar sind.

Einer, den es besonders stark getroffen hat, ist der Privatwaldbesitzer Henrik Schlemme. Erst vor kurzem hatte er die Waldfläche übernommen, die zuvor sein Vater bewirtschaftet hatte. Sein Großvater habe das Gebiet nach dem Krieg aufgeforstet, nachdem zuvor die Bäume für Reparationszahlungen hatten abgeholzt werden müssen. Jetzt steht Schlemme da, wo damals sein Großvater stand - vor dem Nichts. Orkan „Friederike“ hat nahezu den gesamten Fichtenbestand umgeworfen, nur Stümpfe ragen noch aus dem Boden. „Durch die enormen Sturmschäden sind die Holzvorräte von zwei Generationen abhandengekommen“, sagte der Präsident des Waldbesitzerbandes, Norbert Leben.

Förster und Waldbesitzer ähnlich wie Bäume unter Dauerstress

Die Förster und Waldbesitzer standen im vergangenen Jahr ähnlich wie die Bäume unter Dauerstress. Sie mussten das Sturmholz aus den Wäldern holen, allein in den Landesforsten waren durch Orkantief „Friederike“ 1,6 Millionen Kubikmeter Holz angefallen. Durch die langanhaltende Dürre und Hitze vertrockneten viele neu angepflanzte Bäume.

Die hohen Temperaturen und Trockenheit begünstigten zudem die Ausbreitung der Borkenkäfer, der milde Winter tat ein Übriges. „Wir stehen vor einer ganz dramatischen Situation“, sagte der Leiter des Forstamtes Dassel, Thomas Reulecke. Da die Bäume durch den extremen Sommer massiv geschwächt seien, drohe „eine Borkenkäfer-Kalamität, wie wir sie noch nicht erlebt haben.“

Nächste acht Wochen entscheidend

Für die Borkenkäfer-Bekämpfung sind die nächsten acht Wochen entscheidend. Wenn es nicht gelingt, die erste Generation einzudämmen, drohen eine Massenvermehrung und ein Massenbefall der noch vorhandenen Fichtenbestände. Um die Population zu reduzieren, haben die Mitarbeiter des Forstamts Dassel an zahlreichen Orten ein „TriNet“ installiert, eine dreibeinige Konstruktion, die als Pheromon-Falle dient. Die angelockten Borkenkäfer landen auf einem mit einem Insektizid beladenen Netz und sterben nach dem Kontakt ab. Auch Wanderer können bei der Bekämpfung helfen, indem sie die Augen offen halten und über eine „Borkenkäfer-App“ eine Meldung absetzen, wenn sie Schädlingsbefall entdeckt haben.

Ministerpräsident Weil nahm sich viel Zeit und setzte sich nach der Tour durch den Solling noch mit den Waldbesitzern und Förstern zusammen, um über mögliche Strategien zu beraten. „Die Gefahr ist noch lange nicht gebannt“, sagte er.

Von Heidi Niemann

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