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Regional Auf Bedenken „wurde nicht eingegangen“
Nachrichten Wirtschaft Regional Auf Bedenken „wurde nicht eingegangen“
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21:37 16.12.2016
Quelle: Archiv
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Göttingen

Mit Ablauf des Jahres 2015 gelang es dem Einbecker Bürgerspital, nach drei Jahren Sanierung aus der Insolvenz zu kommen. Gerettet wurde das kleine Krankenhaus mit seinen 103 Betten und rund 340 Beschäftigten durch Kapitalgeber aus dem Einbecker Bürgertum, vor allem aber durch das Personal, das bislang auf mehrere Millionen Euro Gehalt verzichtete.

Von diesem Engagement ist jedoch nicht mehr viel übrig. Das zeigte sich beim letzten Tag der offenen Tür. „Es war schwierig, genug Personal für einen reibungslosen Ablauf zu bekommen. Früher war das eine Selbstverständlichkeit, mitzumachen“, so ein Beschäftigter, der wie andere Gesprächspartner anonym bleiben möchte. Bereits auf einer Mitarbeiterversammlung im Sommer sei den Mitarbeitern gesagt worden, dass man überlegen müsse, ob sie noch zum Haus passten, wenn sie einem weiteren Gehaltsverzicht nicht zustimmten.

Die Geschäftsführung des EBS verweist jedoch darauf, dass rund 50 Prozent der Mitarbeiter inzwischen eine – rechtlich nicht bindende – Verzichtserklärung unterschrieben hätten und sieht eine überwiegende Zustimmung zum eigenen Kurs, den sie Ende Oktober in einer Mitarbeiterversammlung präsentiert hatte.

Es gebe jedoch auch regelmäßig Drohungen, dass alle nicht ärztlichen Bereiche outgesourct werden könnten, es herrsche eine breite Verunsicherung. In Einzelfällen seien Mitarbeiter auch „strafversetzt, bespitzelt und so unter Druck gesetzt worden“, dass sie freiwillig gingen. „Es ist kein Umgang auf Augenhöhe. Das war früher bedeutend anders.“

Insbesondere seit Mitte August durch den medizinischen Leiter Olaf Städtler zunächst die Anteile der übrigen acht Einbecker Gesellschafterfamilien eingezogen und diese damit aus der Mitgestaltung des EBS gedrängt wurden, habe der Umgang mit den Mitarbeitern „Formen angenommen, die nicht mehr hinnehmbar sind“. Das Wort „Gutsherrenart“ fällt in diesem Zusammenhang häufiger. Das allgemeine Misstrauen gehe inzwischen so weit, bestätigen verschiedene Mitarbeiter, dass man sich nicht einmal mehr ungezwungen auf dem Flur unterhalten könne, „weil man nicht weiß, was bei der Geschäftsführung landet“.

Gemeint sind Olaf Städtler sowie der Vorsitzende des die EBS-Aufsicht führenden Beirates, Jochen Beyes. „Es ist eindeutig, dass beide dem Haus nicht guttun“, sagt einer der Beschäftigten – und ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Denn außer dem zwischenmenschlichen Umgang nimmt auch die Kritik an ihren fachlichen Entscheidungen zu. Das fängt bei der Kommunikation an.

Es würden intern etwa „keine ehrlichen Zahlen“ herausgegeben; was mit Spendengeldern geschehe, sei nicht klar. Für die Trennung von den beiden letzten kaufmännischen Geschäftsführern seien keine nachvollziehbaren Gründe genannt worden. Diese Erfahrung machte auch Michael Ghadimi, Professor an der Universitätsmedizin Göttingen und bis Mitte November im Beirat des EBS. In seinem Rücktrittsschreiben kritisierte er: „Der Grund für die Entlassung einiger verdienter Beiratsmitglieder bleibt ungeklärt.“ Auch die Entlassung des kaufmännischen Geschäftsführers Hauke Heißmeyer „wirft Fragen auf“. Auf diese habe er „keine echte Antwort erhalten“.

Auch auf Ghadimis Bedenken „bezüglich der geplanten inhaltlichen medizinischen Entwicklung des EBS (…) wurde nicht eingegangen“. In den drei Jahren der Insolvenz seien kein vernünftiges Konzept entwickelt und keine Weichen gestellt worden, sagen mehrere Mitarbeiter. „Die kompetenten Geschäftsführer, die den Finger auf die wunden Punkte legten, wurden schnell kaltgestellt.“

In Städtlers eigener Abteilung, der Inneren Medizin, fehle es beispielsweise an wichtigen Spezialisierungen. Es seien in den letzten Jahren teure Geräte angeschafft worden, ohne das notwendige Personal aufzubauen. Stattdessen werden personelle Engpässe durch Honorarärzte abgedeckt. Der derzeitige Aufbau eines Herzkatheterlabors – vom EBS als neues Standbein gedacht – sei zudem wirtschaftlich nicht zu betreiben, zumal es regional starke Konkurrenz gebe.

Die Arbeit am EBS sei geprägt von viel Teamgeist, dem hohen Einsatz und die Gestaltungsmöglichkeiten, doch „die menschliche Führung ist eine Katastrophe“, so ein Mitarbeiter. Die Situation verschlechtere sich zunehmend. Viele hofften, dass „Städtler merkt, dass er keinen Rückhalt hat“ und daraus die Konsequenzen ziehe, sprich sich aus der Klinikumsleitung zurückzieht.

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