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15:35 03.08.2018
CAM-Handwerksfamilien neidel christian Quelle: Sg
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Göttingen

Wer kennt sie nicht, die Lehrerdynastien, die Ingenieursfamilien, die Handwerksbetriebe, die seit Generationen an die Nachkommen weitergegeben werden? Dass es die Familien gibt, in denen Großeltern-, Eltern- und Kindergenerationen jeweils dieselben Tätigkeiten ausüben, gab Prof. Berthold Vogel vom SOFI die Idee für ein neues Forschungsprojekt.

„Wir stellen fest, dass die Debatte um die Mittelschicht ziemlich negativ ist“, so Vogel. „Man sagt, sie verschwindet, schrumpft, ihre Bildungsqualifikationen geben nicht mehr so viel Sicherheit.“ Das SOFI dreht nun die Frage um: Wie schaffen es Angehörige klassischer Mittelschichtsberufe wie Ingenieure, Handwerksbetriebe oder Angestellte im öffentlichen Dienst, ihre eigene soziale und berufliche Position über Generationen hinweg zu vererben. „Wir suchen nach dem, was die Mittelschicht stabil hält und welche Rolle dabei Familien und die Generationenbeziehungen spielen.“

Umgesetzt werden soll das Projekt mit einem offenen Gesprächsansatz. „Wir suchen zwei, besser noch drei Generationen, mit denen wir zusammen am Küchentisch sitzen und über ihre Motivation sprechen, warum man den jeweiligen Beruf ergriffen hat“, so Vogel. „Ich würde vermuten, dass die Familie dafür eine zentrale Rolle spielt. Familiäre Einflüsse laufen oft ja auch unbewusst ab.“ Das kann über Vorbilder funktionieren oder Erwartungshaltungen.

Ein Beispiel ist das Göttinger Heizungs- und Sanitärunternehmen Neidel & Christian. Die fast 160-jährige Firmengeschichte begann 1859 mit dem Kupferschmiedemeister Friedrich Keitel. 1954 übernahm Wilhelm Washausen mit seinem Partner August Nause den Betrieb, 1982 übernahm Günter Washausen den Betrieb. Seit 2009 führt dessen Ehefrau Ingrid Washausen das rund 50 Mitarbeiter starke Unternehmen, und 2017 stieg ihr Sohn Daniel Washausen in die Unternehmensleitung ein.

Drei Generationen, deren Werdegänge sehr unterschiedlich verliefen. Wilhelm begann als Lehrling und stieg zur Unternehmensleitung auf. Sein Sohn Günter wurde von ihm nachgerade dazu verpflichtet, in das Unternehmen einzusteigen. „Mein Mann kam in die Firma, weil sein Vater das so entschieden hatte“, berichtet Ingrid Washausen. „Er hat gesagt: Du machst das. Das war damals so. Dann hat er ihn vom Gymnasium genommen und ihn eine Lehre im eigenen Betrieb machen lassen.“ Den eigenen Kindern hingegen überließen Günter und Ingrid die Wahl selbst.

„Ich war mit 17 überhaupt das erste Mal in der Firma meines Vaters, um mir in den Ferien Geld zu verdienen. Ich habe dort erlebt, was er für eine Stellung hat, wie er eigentlich sein Geld verdient“, sagt Daniel Washausen. Allerdings verstarb der Vater nur eine Woche später plötzlich. „Ich habe dann sofort aus dem Bauch heraus gesagt, dass ich versuchen will, den Betrieb weiterzuführen, ohne zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Ich bin ja bis dahin nie im Handwerk unterwegs gewesen.“

Daniel Washausen blieb dabei: Nach der Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär- Heizung und Klimatechnik besuchte er die Meisterschule und absolvierte im Anschluss noch ein Betriebswirtschaftsstudium. „Im Studium ist mir immer klarer geworden, was für Möglichkeiten mir der Betrieb eigentlich bringt. Dass ich mich frei verwirklichen kann.“ So kehrte er nach dem Examen zurück in den elterlichen Betrieb. Auch sein jüngerer Bruder Julian hat bereits die Ausbildung zum Anlagenmechaniker SHK abgeschlossen und besucht nun die Meisterschule, um später in den Betrieb einzusteigen. „Es erfüllt mich mit Stolz, dass meine Söhne den Betrieb weiterführen wollen“, sagt Ingrid Washausen. „Sie hätten ja auch alles mögliche andere machen können.“ Doch die Entscheidung habe sich fast von selbst ergeben, so Daniel Washausen. „Egal welchen Weg man geht, man spürt eine Familientradition.“

Von Sven Grünewald

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