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Regional Stellwerk-Mitglieder über die Situation in Südniedersachsen
Nachrichten Wirtschaft Regional Stellwerk-Mitglieder über die Situation in Südniedersachsen
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00:27 02.05.2018
Der Stellwerk-Vorsitzende Ulrich Drees spricht für etwa 70 Mitglieder des Kreativen-Netzwerks. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

„Ich arbeite in der Regel nicht in Göttingen“, erzählt die Grafikerin Tanja Wehr. Mit einem Unternehmen, das in Form von Sketch-Notes komplexe Unternehmensprozesse unter anderem für interne Schulungen grafisch zusammenfasst, hat sich die Gleichenerin vor einigen Jahren selbstständig gemacht. Mittlerweile arbeite sie für zahlreiche Großkonzerne in ganz Deutschland. „Ich will hier wohnen bleiben“, sagt Wehr trotzdem über den erwählten Lebensmittelpunkt in Südniedersachsen.

Branchengrößen auch in Göttingen

Allein ist sie damit nicht: Autoren, Filmemacher, Musiker und Künstler sowie Mediengestalter und Softwareentwickler machen der Arbeitsagentur zufolge etwa vier Prozent der Arbeitsplätze im Bezirk Südniedersachsen aus. Trotzdem spiele die Branche bisher eine untergeordnete Rolle, glaubt Ulrich Drees, Vorsitzender des Göttinger Kreativen-Netzwerks „Stellwerk“. Dort haben sich ihm zufolge mittlerweile etwa 70 Akteure, überwiegend Kleinunternehmen und Solo-Selbstständige, zusammengeschlossen.

Fritz Güntzler empfiehlt Einrichtung einer Stabsstelle

Sowohl die Göttinger Stadtverwaltung als auch Wirtschafts- und Beschäftigungsförderer bieten bereits eine Vielzahl an Unterstützungsprogrammen und Fortbildungen für Kreative an. Beispielsweise verweist die Wirtschaftsförderung GWG auf Anfrage auf zahlreiche Projekte für Gründer auch aus dem Kreativbereich sowie die von der GWG betriebenen Spielstätten Stadthalle und Lokhalle als „wichtige Bausteine der hiesigen Kulturwirtschaft“. Auch halte die GWG Kontakt über das Stellwerk Kontakt zur Kreativszene.

Eine Bündelung der Kräfte fehle jedoch, hat der Göttinger Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler (CDU) nach einer von ihm jüngst organisierten Diskussionsveranstaltung konstatiert. Unter Verweis darauf, dass die Kreativwirtschaft mit Unterstützung der Politik andernorts deutlich wachse und Beschäftigung schaffe, empfiehlt Güntzler in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) die Einrichtung eines „Beauftragten für die Kultur- und Kreativszene“ in Göttingen. „Es darf dafür aber nicht das Geld für Kulturförderung genutzt werden“, betont er zugleich.

Während die Kultur- und Kreativwirtschaft in anderen Städten an Bedeutung gewinnt, hält sie Drees zufolge in Göttingen nur den Status Quo. Zwar gibt es eine Kreativwirtschaft, die nicht zuletzt im Verlagswesen einige Branchengrößen aufweise. Doch andernorts unterstützten Städte und Wirtschaftsförderer die Branche massiv. „Wenn sich Göttingen auf seinen Stärken ausruht, dann sieht das hier in zehn Jahren anders aus“, befürchtet Drees deshalb.

Keine „Künstler im Dachstübchen“

Dass hier die Unterstützung für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Südniedersachsen vergleichsweise gering ausfällt, hat ihm zufolge mehrere Ursachen. Zentral sei allerdings, dass die Kreativen immer wieder für „Künstlern im Dachstübchen“ gehalten würden. Er hält das für grundfalsch, denn ihm zufolge verstehen sich die Kreativen weniger als Kulturschaffende, die der Öffentlichkeit dienen wollen. „Das sind Leute, die Geld verdienen wollen“, sagt Drees über die Branche.

Das Bewusstsein dafür fehlt ihm zufolge allerdings sowohl bei der hiesigen Wirtschaft, als auch bei den örtlichen Verwaltungen und Wirtschaftsförderern. Letztere würden bei Anfragen beispielsweise an die Kulturförderung verweisen - die aufgrund des gewerblichen Charakters wiederum zurück an die Wirtschaftsförderer verweise. Feste Ansprechpartner für die Branche fehlen nach seinen Angaben hingegen.

„Jeder stirbt für sich allein“

Ansprechpartner sind aus Sicht der Stellwerker noch aus einem anderem Grund wichtig: „Jeder stirbt für sich allein“, fasst Erik Neumann die gängige Attitüde unter den Kreativen zusammen. Der Mediengestalter hat sich dem Stellwerk wegen des Austauschs mit anderen Kreativen angeschlossen. Doch Drees und die anderen Aktiven geben zu, dass sie als Selbstständige nicht immer die notwendige Zeit für die Netzwerk-Arbeit aufbringen können. Fortbildungen und gemeinsame Events gebe es zwar regelmäßig - doch um eine echte kreative Grundstimmung mit regem Austausch zu schaffen, reichten die Kapazitäten nicht, sagt Drees.

Er ist davon überzeugt, dass sowohl die Region als auch die hiesige Wirtschaft von den Kreativen profitieren würde. Einerseits übten einen positiven Einfluss auf die Stadtentwicklung aus. Andererseits sei die Branche auch für Großunternehmen interessant. „Da schicken Konzerne ihre Mitarbeiter hin, um sich von der Arbeitsweise inspirieren zu lassen“, sagt Drees über kreative Hotspots in Zentren der Kreativwirtschaft wie Mannheim.

Davon, dass die Region um Göttingen Potenzial für die Kreativwirtschaft bietet, ist Drees überzeugt: Allein unter den etwa 30 000 Studierenden der Universität gebe es erhebliches kreatives Potenzial, das er immer wieder bei einzelnen Aktionen entdecke. Ähnlich sieht es auch Wehr, die aber zugleich betont, dass es trotz der Hindernisse derzeit eine regelrechte Aufbruchstimmung in der Kreativwirtschaft gebe.

Von Christoph Höland

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