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00:28 03.03.2018
Christian Wulff, Bundespräsident a. D., spricht beim 14. Business Breakfast der Privaten Hochschule Göttingen PFH Quelle: Foto: Mischke
Göttingen

Die Zeit im Entree der PFH Private Hochschule Göttingen an der Weender Landstraße verging dabei wie im Flug. Um gegen die extremen Minustemperaturen gewappnet zu sein, hatten die Organisatoren der PFH mobile gasbetriebene Heizpilze aufgestellt. Interessiert, ja teilweise gebannt verfolgten die Zuhörer Wulff, der sich mit Wortwitz und starken Themen als unterhaltsamer „Speaker“ präsentierte.

In sechs Kapiteln hatte Wulff seinen gut 30-minütigen Vortrag unterteilt. Der 58-Jährige sprach zum Thema „Blick auf Deutschland und Europa in bewegten Zeiten“. Es war ein optimistischer und mutmachender Ausblick, in dem Wulff allerdings auch betonte, dass sich Bürger aktiv an den demokratischen Prozessen beteiligen müssen. Jede Generation müsse sich die Verhältnisse erhalten oder erarbeiten, unter denen sie leben möchte, so der gebürtige Osnabrücker.

Herausforderungen Terror, Globalisierung und Digitalisierung

In den Kapiteln eins bis drei führte Wulff die Herausforderungen Terror, Globalisierung und Digitalisierung auf. Die Abschnitte vier bis sechs überschrieb er als Bekenntnisse zu Vielfalt, Europa und Heimat. Seinen mitunter enorm gesellschafts- und politikkritischen Exkurs eröffnete Wulff, indem er Laurence „Larry“ Fink zitierte. Der Blackrock-Chef hatte von Großinvestoren mehr gesellschaftliches Engagement gefordert. Eine ungewöhnliche Aktion, immerhin ist Blackrock der größte Finanzinvestor weltweit. „Fink hatte betont, dass Konzerne einem sozialen Zweck dienen, also einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten müssen“, sagte Wulff.

Christian Wulff, Bundespräsident a. D., spricht beim 14. Business Breakfast der Privaten Hochschule Göttingen PFH

Als potenziell Gesellschaft zersetzend schätzt er den Terror ein. Er erinnerte dabei an das Breivik-Attentat, als 2011 auf der norwegischen Insel Utoya 77 jugendliche Sozialdemokraten von dem Rechtsextremisten getötet wurden. Aus Terror entstünde neben Angst auch Hass, Fundamentalismus und Radikalisierung. „Terror kann schleichend eine große Wirkung erzielen, doch wir dürfen uns das Miteinander und den Respekt nicht zerstören lassen“, sagte Wulff.

Wesentliche Probleme der Globalisierung nicht gelöst

Große Herausforderungen seien Globalisierung und Digitalisierung. Nach der Bankenkrise 2007 seien wesentliche Probleme der Globalisierung nicht gelöst, Wirtschaft und Politik hätten einen enormen Vertrauensverlust erfahren. Als potenziell demokratiegefährdend sieht er Fehlentwicklungen in Bezug auf die Digitalisierung. „Jeder Volltrottel kann heute seine Thesen in Echtzeit in die Welt senden. Früher blieb das am Stammtisch. Die Gefahr durch Social Media nur in seiner Filterblase zu leben ist enorm. Wir werden uns wundern, was da noch kommt“, kritisierte Wulff.

Wie eine Antwort auf die Gefahren Terror, Globalisierung, Digitalisierung aussehen kann, skizzierte Wulff detailliert. Es brauche ein „Bekenntnis zu Offenheit und Vielfalt“. Bestes Beispiel sei die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, so der Ex-Ministerpräsident Niedersachsens. „Mit einer Auswahl Bio-Deutscher in der dritten Generation hätten wir wohl keine Chance auf eine WM-Teilnahme. Wir sind auch Boateng, Özil und Khedira“, betonte Wulff. Deutschland sei seit dem 17. Jahrhundert ein Einwandererland.

Absage gegen Abschottungstendenzen

Und Wulff ist bekennender Europäer, nannte Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron „einen Glücksfall für Europa“. Abschottungstendenzen erteilte er eine Absage, besonders Deutschland habe viel zu verlieren. Nicht hoch genug zu schätzen sei der gelebte Frieden in der EU, doch jedem müsse immer bewusst sein, dass der europäische Boden aufgrund zahlreicher Kriege untereinander blutgetränkt sei.

Und Wulff sprach den Deutschen Selbstbewusstsein für ihre Heimat zu. Trotz BER-Desaster, Deutscher Bank und Diesel-Gate, wie er in der abschließenden kurzen Diskussion schmunzelnd zugestand. Deutschland habe vieles, um das es beneidet werde. So gebe es zum Beispiel Tipps auf Arabisch zu deutschen Werten, um die Integration zu erleichtern. Wulff betont: „Wir müssen unsere Qualitätsmerkmale verteidigen und anderen als Vorbild kredenzen. Wenn wir weltoffen leben und Menschen sich an unser Recht und Ordnung halten, wird es gelingen“, schloss Wulff und bekam langanhaltenden Applaus.

Von Mark Bambey

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