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Regional Zustimmung vom Göttinger Obermeister der Fliesenleger
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00:30 19.04.2018
Fliesenlegerobermeister Bernhard Daniel befürwortet die Wiedereinführung der Meisterpflicht in den freigegebenen Gewerken. Quelle: Pförtner
Göttingen

„Endlich bewegt sich etwas“, freut sich Bernhard Daniel, der Obermeister der Fliesenleger-Innung Südniedersachsen. Ein Kollege aus Oldenburg, Stefan Bohlken, mache mit der Petition #HoltunsdenMeisterzurück Druck. Er selbst, so Daniel, spreche seit Jahren die Probleme an, die die Novellierung der Handwerksordnung 2004 nach sich gezogen habe. Seither könne sich bei 53 Gewerken jeder – ohne Befähigungsnachweis – selbstständig machen.

Ausbildungsabbrecher machen sich selbstständig

„Teilweise brechen Auszubildende die Lehre ab, um dann einen eigenen Betrieb zu gründen“, berichtet Daniel. Die Folge sei, dass Kollegen deutlich weniger ausbildeten. „Warum sollten sie sich unliebsame Konkurrenz heranzüchten?“, fragt Andreas Gliem, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen. „Die Gesellenausbildung ist bei den Fliesenlegern eingebrochen, die Zahl der Meister gesunken“ bestätigt Volkswirt Proeger, Geschäftsführer des Instituts an der Göttinger Universität.

Zulassungsfreie Gewerke

Folgende 53 Gewerke dürfen seit 2004 ohne jeden Befähigungsnachweis ausgeübt werden: Behälter- und Apparatebauer, Betonstein- und Terrazzohersteller, Böttcher, Bogenmacher, Brauer und Mälzer, Buchbinder, Drechsler (Elfenbeinschnitzer) und Holzspielzeugmacher, Drucker, Edelsteinschleifer und -graveure, Estrichleger, Feinoptiker, Flexografen, Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, Fotografen, Galvaniseure, Gebäudereiniger, Geigenbauer, Glas- und Porzellanmaler, Glasveredler, Gold- und Silberschmiede, Graveure, Handzug, Holzbildhauer, Holzblas- und Metallblas-Instrumentenmacher, Keramiker, Klavier- und Cembalo- sowie Orgel- und Hamoniumbauer, Korb- und Flechtwerkgestalter, Kürschner, Maßschneider, Metallbildner, Metall- und Glockengießer, Modellbauer, Modisten, Müller, Parkettleger, Raumausstatter, Rollladen- und Sonnenschutztechniker, Sattler und Feintäschner, Schilder- und Lichtreklamehersteller, Schneidwerkzeugmechaniker, Schuhmacher, Segelmacher, Siebdrucker, Textilgestalter (Sticker, Weber, Klöppler, Posamentierer, Stricker), Textilreiniger, Uhrmacher, Vergolder, Wachszieher, Weinküfer, Zupfinstrumentenmacher. mic

„Damit sinkt die Qualität der erbrachten Leistung“, warnt Obermeister Daniel. Die Unwissenheit der neuen Fliesenleger sei teilweise erschreckend. Sie müssten sich im Baustoffhandel erklären lassen, wie was verarbeitet werde. Reklamationen nähmen zu, wisse er aus seiner Tätigkeit als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger. 20 bis 30 solcher Schadensgutachten schreibe er im Jahr. Für die Kunden, die 10 000 bis 20 000 Euro in ein neues Bad investiert hätten und dann Rechtsstreitigkeiten führen müssten, sei das bitter.

Geringe Lebensdauer der Neugründungen

„Bei vielen der Neugründungen ist nichts zu holen“, gibt der Obermeister zu bedenken. Oft handele es sich um Ein-Mann-Betriebe. Eine Minimalausstattung koste 2500 Euro, eine etwas bessere mit vernünftigem Werkzeug und einem kleinen Bus bis zu 15 000 Euro. Kaum einer dieser Betriebe bestehe länger als fünf Jahre. „Wenn es zu Reklamationen kommt, ist niemand mehr da, der nachbessern kann“, sagt Gliem von der Kreishandwerkerschaft.

Gewerke mit Meisterpflicht

Um sich in folgenden 41 Gewerken selbstständig zu machen, ist nach wie vor der Meisterbrief Voraussetzung: Augenoptiker, Bäcker, Boots- und Schiffbauer, Brunnenbauer, Büchsenmacher, Chirurgiemechaniker, Dachdecker, Elektromaschinenbauer, Elektrotechniker, Feinwerkmechaniker, Fleischer, Friseure, Gerüstbauer, Glasbläser und Glasapparatebauer, Glaser, Hörakustiker, Informationstechniker, Installateur und Heizungsbauer, Kälteanlagenbauer, Karosserie- und Fahrzeugbauer, Klempner, Konditoren, Kraftfahrzeugtechniker, Landmaschinenmechaniker, Maurer und Betonbauer, Mechaniker für Reifen- und Vulkanisationstechnik, Maler und Lackierer, Metallbauer, Ofen- und Luftheizungsbauer, Orthopädieschuhmacher, Orthopädietechniker, Schornsteinfeger, Seiler, Steinmetzen und Steinbildhauer, Straßenbauer, Stukkateure, Tischler, Wärme-, Kälte- und Schallschutzisolierer, Zahntechniker, Zimmerer und Zweiradmechaniker. mic

„Die Fliesenleger sind das von der Novellierung 2004 am stärksten betroffene Gewerk“, betont Pröger. „Auch die Raumausstatter haben zu kämpfen“, berichtet Fliesenleger Daniel. „Mir setzen eher Maurer- und Tischlermeister zu, die die Raumgestaltung – mit Ausnahme der Gardinen – gleich mitanbieten“, berichtet Andreas Dockenfuß, der die Dransfelder Firma Rudolf Herbort Raumausstattung leitet. Dass er nicht mehr ausbilde, habe nicht mit der Novellierung zu tun. Niemand wolle den Beruf mehr lernen. Manchmal fragten junge Frauen an, die Raumausstattung allerdings mit dem Dekorieren von Zimmern verwechselten.

Bei den von der Novellierung betroffenen Gebäudereinigern gibt es in Göttingen nur noch einen Innungsbetrieb. Meisterin Waltraud Zehne hat das väterliche Unternehmen, in dem sie heute zwei Mitarbeiter und einige Aushilfen beschäftigt, 1947 (!) mit 16 Jahren übernommen. Für Wettbewerb, so Zehne, sorgten vor allem überregionale Anbieter. Den Beruf lernen wollten wenige. Die meisten dächten: „Putzen kann jeder.“

Wettbewerb durch „Hobbyfotografen“

„Die Wiedereinführung der Meisterpflicht wäre nicht schlecht, ich würde dann auch den Meister machen“, meint Anna-Lena Heinze aus Bovenden. Die gelernte Fotografin hat 2014 den Betrieb des ehemaligen Obermeister der Fotografen-Innung Niedersachsen-Mitte übernommen. Der Wettbewerb durch „Hobbyfotografen“ sei groß, Spiegelreflexkameras immer günstiger, berichtet Heinze. Sie selbst arbeite viel im Bereich Produktfotografie, wo Kunden auf Qualität achteten.

Europäische Union will „Mobilitätshemmnis“ beseitigen

Volkswirt Proeger zeigt sich skeptisch, was die Wiedereinführung der Meisterpflicht anbelangt. Sie widerspreche dem Kurs der Europäischen Union, die die „hohen Ausbildungsstandards“ in Deutschland als „Mobilitätshemmnis“ wahrnehme. Der Meisterbrief hindere Handwerker aus anderen EU-Staaten an der Ausübung ihres Berufs in Deutschland.

Von Michael Caspar

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