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Die ganze Welt in Göttingen Porträt: „Weender Nähstube“ von Xuan Hong Luu in Göttingen
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18:54 27.09.2013
Von Saigon über die DDR nach Göttingen: Xuan Hong Luu in ihrer „Weender Nähstube“. Quelle: Pförtner
Göttingen

Der Kunde benötigt einen neuen Reißverschluss für seine Jeans. Xuan Hong Luu muss seinen Namen nicht aufschreiben, sie kennt ihn. Der Mann ist Stammkunde, so wie die meisten, die ihre Sachen in die „Weender Nähstube“ bringen. Bevor der Kunde wieder geht, halten die beiden noch ein Schwätzchen.

Während sie mit flinken Fingern den Reißverschluss aus der Hose trennt, erzählt die 52-Jährige, wie sie 1987 aus ihrer Heimatstadt Saigon nach Deutschland kam. Die DDR suchte Gastarbeiter. Luus Schwester war Verwaltungsangestellte in Vietnam, konnte an vielen Rädchen drehen und für die damals 26-Jährige eines der begehrten Ausreisevisa ergattern.

Luu arbeitete in den Neustadt/Orla-Werken, einer Weberei, die unter anderem Decken für die Nationale Volksarmee produzierte.

1990 „machte sie rüber“ in den Westen. Noch gab es die DDR, und „wenn man mich geschnappt hätte, wäre ich sofort der vietnamesischen Botschaft überstellt, nach Vietnam ausgeflogen und dort wahrscheinlich ins Gefängnis gesteckt worden“, berichtet Luu.

„Ich habe viel erlebt“

Aber sie wurde nicht entdeckt, schaffte es per Zug nach Nürnberg und bestieg ein Taxi, das sie nach Stadthagen bringen sollte, wo ein viele Jahre zuvor ausgewanderter Freund ihres Vaters lebte. Am Ziel angekommen, fand der Fahrer die Adresse nicht. Kein Wunder, denn sie waren in der Stadt Hagen gelandet, nicht in Stadthagen. Am Ende gelangte Luu dann doch noch wohlbehalten an ihren Bestimmungsort.

Nach einer Zwischenstation im Asylbewerberheim, wo sie ihren Mann Dominik, ebenfalls Vietnamese, kennenlernte, kam sie nach Göttingen, arbeitete in verschiedenen Jobs – als Zimmermädchen im Freizeit In, in der Nähabteilung von Schneeweiß (heute Steritex), als Dolmetscherin bei der Polizei.

Als ihre inzwischen geborenen Kinder alt genug waren, lernte sie Näherin und machte sich selbstständig. Luu übernahm einen Raum im Übersetzungsbüro ihres Mannes. „Ich habe viel erlebt“, sinniert sie auch über die Kriegszeit. „Kämpfe habe ich nie gesehen, aber rauchende Trümmer und viele, viele Soldaten“.

Über die  Zeit in der DDR sagt sie: „Wir Vietnamesen waren Fremde und wurden dementsprechend behandelt.“ Auch die erste Zeit in der Bundesrepublik sei nicht leicht gewesen. Man habe sich in der fremden Welt zurechtzufinden müssen.

Zwischen Hölle und Erde

Heute ist Luu angekommen, vollständig integriert, in mancherlei Hinsicht deutscher als viele Einheimische. Tugenden wie Disziplin, Ordnung und Sauberkeit mag sie, ihren Urlaub verbringt sie auf Norderney und einen großen Teil ihrer Freizeit im Schrebergarten. Dort baut sie Kartoffeln, Gemüse und Obst an und grillt mit den Nachbarn: „Sie lieben meine selbstgemacht Soßen.“

Der Unterschied zwischen Vietnam und der DDR sei ihr vorgekommen wie der zwischen Hölle und Erde, der Unterschied zwischen DDR und Bundesrepublik wie der zwischen Erde und Paradies.

Zum 1. November zieht Luu mit ihrer Näherei in die Hannoverschen Straße 139. Der Grund: die bessere Parkplatzsituation. „Als ich meinen Umzug bekannt gab, dachten einige meiner Kunden, ich würde zumachen und kamen ganz aufgeregt vorbei oder riefen an“, erzählt Luu. „An ihrer Reaktion habe ich deutlich gemerkt, dass ihnen etwas an mir liegt. Das macht mich sehr glücklich.“

Wenn es nach ihrem Sohn Daniel geht, würde seine Mutter mit ihm zusammen einen zweiten Betrieb eröffnen, einen vietnamesischen Imbiss. Ihre Frühlingsrollen und ihr Pho (Nudelsuppe) seien legendär. Luu überlegt noch, „aber vielleicht ist das eine gute Idee.“

Von Hauke Rudolph

Die „Weender Nähstube“ befindet sich ab 1. November in der Hannoverschen Straße 139. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 13 sowie 14 bis 18 Uhr, Donnerstagnachmittag geschlossen, Sonnabend nach Vereinbarung. Info: 0551/378952.

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