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Porträt: Dr. Mohammad Abdel-Rahman aus Kuwait

Trabant statt Mercedes Porträt: Dr. Mohammad Abdel-Rahman aus Kuwait

Mehr als 25 Prozent aller Unternehmensgründungen in Niedersachsen fallen auf ausländische Mitbürger. Auch in Göttingen und in der Region wächst die Zahl der Betriebe von Gründern mit internationalen Wurzeln. Das Tageblatt stellt einige Firmen in der Serie „Die ganze Welt in Göttingen“ vor. Heute: Mohammad Abdel-Rahman aus Kuwait.

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In seiner nuklearmedizinischen Gemeinschaftspraxis: der Mediziner Mohammad Abdel-Rahman aus Kuwait.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. „Meine vier Kinder haben es einfacher als ich“, sinniert Mohammad Abdel-Rahman. „Ihre Heimat ist hier. In meiner Brust dagegen schlagen zwei Herzen: wenn ich in Göttingen bin, sehne ich mich nach Kuwait. Und wenn ich schließlich dort bin, möchte ich so schnell wie möglich nach Deutschland zurück.“

1968 geboren, ging Abdel-Rahman („Diener des Begnadigers“) 1987 nach Leipzig, um Medizin zu studieren. Als sogenannter Kommerz-Student, dessen Familie rund 4000 Dollar Studiengebühren pro Semester zahlte. „Als ich in Leipzig ankam, traf mich ein Schock“, erinnert sich der Nuklearmediziner. „Ich erwartete, ins Land von BMW und Mercedes zu kommen, und sah nur Trabbis und Wartburgs.“

Nach einer Weile realisierte der junge Mann, dass seine Einkäufe im Intershop Neid hervorriefen: „Ich hörte auf, Marlboro zu rauchen, und stellte mich, wie jeder andere auch, vorm Konsum in die Schlange.“

1990 war das Jahr, dessen Ereignisse Abdel-Rahmans Lebensplanung beinahe zerschlagen hätten. Im August marschierte der Irak unter Saddam Hussein in Kuwait ein, und Abdel-Rahmans Vater, bis dahin stellvertretender Direktor eines großen Militär-Krankenhauses, musste sich durch Flucht der Verhaftung entziehen.

Erst wohlhabend, dann mittellos

Innerhalb kürzester Zeit war die ehemals wohlhabende Familie mittellos. Und die deutsche Wiedervereinigung bedeutete nicht nur das Ende der DDR, sondern auch von Abdel-Rahmans Studienberechtigung.

„Es war eine schreckliche Zeit“, erinnert sich der 46-Jährige. Selbst als Kuwait im Februar 1991 wieder befreit wurde, hatte seine Familie zu leiden: „Meine Großeltern waren Ende der 40er Jahre von Palästina über Jordanien nach Kuwait ausgewandert. Und weil die PLO unter Jassir Arafat während des Golfkriegs den Irak unterstützt hatte, waren Palästinensisch-Stämmige nach Ende des Krieges Diskriminierungen ausgesetzt.“

Diskriminierungen, die Abdel-Rahmans Vater nicht überlebte: „Er ist aufgrund der psychischen Belastung wenig später gestorben.“

Fortführung seines Studiums

Währenddessen kämpfte in Deutschland der junge Kuwaiter verzweifelt um die Fortführung seines Studiums. Nach einem nervenaufreibenden Hin und Her konnte er sich schließlich wieder einschreiben, machte sein Examen, ging nach Bonn, wo er seine Facharztausbildung absolvierte.

Danach sah er sich in Kuwait und Jordanien nach einer Möglichkeit um, zu praktizieren. Mit dem Ergebnis, dass er einsah, nicht mehr im Nahen Osten leben zu können: „Ich war zu eingedeutscht.“ Also ließ er sich in Bad Honnef in einer Gemeinschaftspraxis nieder und ging ein paar Jahre später nach Heiligenstadt, „um meine eigenen Ideen umzusetzen.“

Heute ist Abdel-Rahman einer von fünf Gesellschaftern einer radiologischen und nuklearmedizinischen Praxis mit Niederlassungen in Heiligenstadt, Göttingen und Reifenstein.

Kinder sprechen Arbabisch und Deutsch

Abdel-Rahman ist für den Bereich Nuklearmedizin zuständig. Er stellt Diagnosen für Patienten mit Tumoren, Metastasen, Arthrose, Rheumaerkrankungen und Schilddrüsenproblemen. „Als einziger Arzt im Göttinger Raum biete ich Radiosynoviorthese an“, sagt er und erklärt die Therapiemethode für Gelenkschmerzen. Knapp 50 Angestellte sind an den drei Standorten beschäftigt.

Abdel-Rahman ist mit einer Cousine dritten oder vierten Grades verheiratet. So genau weiß er das nicht: „In unserer Kultur ist es üblich, innerhalb der erweiterten Familie zu heiraten.“ Er hat vier Kinder im Alter zwischen elf und 17 Jahren, die alle das Max-Planck-Gymnasium besuchen.

Mit ihnen spricht er fast ausschließlich Arabisch: „Aber ihre erste Sprache ist Deutsch, das können sie besser.“ Er sei überzeugt, dass es in einer Familie eine Führungsperson geben müsse, in seiner ist es die Frau: „Ich bilde mir zwar manchmal ein, das Sagen zu haben. Aber wenn ich ehrlich bin, ist sie es, die die Hosen an hat.“

Im Nachbarschaftszentrum Grone hat er vor einiger Zeit eine Sprachgruppe gegründet, in der mittlerweile fast 40 Kinder Arabisch lernen. Eigentlich müsse er jeden Freitag die Moschee besuchen und fünfmal am Tag beten. Doch dafür fehle die Zeit.

Traurig über Terrorismus- und Fanatismusdebatten

Traurig macht es ihn, dass über den Islam stets in Verbindung mit etwas Negativem, beispielsweise Terrorismus und Fanatismus, gesprochen werde. Die Palästinenser seien unrechtmäßig aus ihrer Heimat vertrieben worden, sagt der Mediziner. Das Existenzrecht Israels sei dennoch eine absolute Selbstverständlichkeit.

Er hofft, dass die Israelis den Palästinensern eines Tages die vollständige Integration ermöglichen, glaubt allerdings nicht daran. Überhaupt sehe er die Zukunft der Region nicht gerade rosig: „Sie wird nicht zur Ruhe kommen, es wird chaotisch bleiben.“

Kuwait, das er alle zwei bis drei Jahre besucht, ist ein sehr reiches Land. Seine Bürger zahlen keine Steuern, die sprudelnden Ölquellen machen das möglich. In Göttingen vermisst er den ewigen Sonnenschein seiner Heimat, sagt der passionierte Billardspieler und BG-Fan.

Aber wenn er dort ist, sehne er sich nach der deutschen Mentalität zurück: „In Kuwait herrscht das Motto ´komm ich heut nicht, komm ich morgen´, in der Bundesrepublik ist alles strukturierter.“

Von Hauke Rudolph

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