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Weltweit Auch Menschen wurden Abgastests ausgesetzt
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13:54 29.01.2018
An einem Institut des Universitätsklinikums Aachen seien 25 Personen untersucht worden, nachdem sie jeweils über mehrere Stunden Stickoxid (NO2) in unterschiedlichen Konzentrationen eingeatmet hätten. Quelle: dpa
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Wolfsburg/Berlin

Im Abgasskandal hat es Diesel-Schadstofftests nicht nur mit Affen, sondern auch mit Menschen gegeben. Das geht aus einem Bericht der Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) hervor. Die Initiative wurde von den führenden deutschen Autokonzernen VW, Daimler und BMW gegründet und finanziert.

Laut dem Report hat die EUGT auf Empfehlung des Forschungsbeirates eine „Kurzzeit-Inhalationsstudie mit Stickstoffdioxid bei gesunden Menschen gefördert“. Dabei wurden an einem Institut des Universitätsklinikums Aachen 25 gesunde Versuchspersonen untersucht, nachdem sie über mehrere Stunden Stickoxid (NO2) in unterschiedlichen Konzentrationen eingeatmet hatten. „Als höchste experimentelle Konzentration wurde dabei der dreifache Arbeitsplatzgrenzwert eingesetzt“, heißt es in dem Bericht. Insgesamt wurden mehr als 100 Parameter untersucht – darunter die Lungenfunktion, Entzündungswerte und Biomarker im Blut. Laut der 2017 aufgelösten EUGT wurde keine Wirkung festgestellt.

Namhafte Wissenschaftler im Forschungsbeirat

Der Forschungsbeirat, der die Studie empfohlen hat, bestand im Jahr 2015 aus namhaften Personen der deutschen Wissenschaft – darunter Helmut Greim, ehemaliger Direktor des Instituts für Toxikologie des damaligen GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg (heute Helmholtz-Zentrum München). Greim hat auch in Zusammenarbeit mit Monsanto Studien zum Pflanzenschutzmittel Glyphosat veröffentlicht – die bezüglich Krebsrisiken Entwarnung geben. Außerdem im Forschungsbeirat waren unter anderem Hermann M. Bolt, ehemaliger Direktor des Instituts für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund und David Groneberg, ehemaliger Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin der Charité in Berlin.

Gesundheitsgefahr durch Stickstoff

Stickstoffdioxid (NO2) ist der Schadstoff, dessen Messwerte von VW in den USA jahrelang manipuliert worden waren, um die gesetzlichen Grenzwerte für Dieselfahrzeuge offiziell einzuhalten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt in einem Bericht fest, dass es Zusammenhänge zwischen der Stickoxidbelastung und der Mortalität, Krankenhausbesuchen und Atemwegssymptomen gibt. Wissenschaftlern zufolge kann es zu Bronchienverengungen und Atemwegsentzündungen kommen – vor allem für Alte, Kranke und Asthmatiker ein Problem.

Der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen sagte, die Schadstoffversuche ständen in keinem Zusammenhang mit dem Abgasskandal. Die Studie von 2013 habe sich vielmehr mit dem Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz befasst. Die von den Konzernen VW, Daimler und BMW gegründete EUGT habe die Studie zwar gefördert, die Forscher jedoch „in keinster Weise“ beeinflusst. Außerdem habe die Ethikkommission die 2016 veröffentlichte Studie als vertretbar bewertet.

Zuvor hatten Tierversuche beim Test von Dieselabgasen breite Empörung ausgelöst. Sie wurden durch US-Ermittlungen zur VW-Abgasaffäre bekannt. Affen waren dabei gezielt Schadstoffen ausgesetzt worden.

Stephan Weil nennt Versuche „absurd und widerlich“

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der auch im Aufsichtsrat von VW sitzt, hat eine umfassende Aufklärung der Vorgänge gefordert. Geklärt werden müsse auch, ob es weitere Testreihen dieser Art und zu diesem Zweck an und mit Menschen gegeben habe, sagte der SPD-Politiker am Montag in Hannover. Bereits am Wochenende hatte Weil die Versuche als „absurd und widerlich“ bezeichnet – dies gelte erst recht, wenn es zu Versuchen an Menschen gekommen sein sollte. Die Vertreter des Landes Niedersachsens im Aufsichtsrat wollten „noch heute“ eine dringliche Aufforderung zur Aufklärung an den Volkswagen-Vorstand richten.

Lesen Sie hier, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Umweltministerin Barbara Hendricks auf den Skandal reagieren.

Von RND/ang/dpa

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