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Weltweit Wie stabil ist der Standort Hannover, Herr Arnold?
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00:31 14.04.2018
Jörg Arnold, Chf von Swiss Life Deutschland. Quelle: Samantha Franson
Hannover

 Viele junge Leute legen fürs Alters nichts zurück,  weil das wegen der Minizinsen „sowieso nichts bringt“.  Jörg Arnold, Deutschland-Chef von Swiss Life, erklärt im HAZ-Interview, warum er das für eine Fehleinschätzung hält. 

Herr Arnold, Sie stehen seit einem dreiviertel Jahr an der Spitze von Swiss Life Deutschland. Zuvor waren Sie in der AXA Zentrale in Paris. Der Wechsel dürfte ein ziemlicher Kontrast gewesen sein? 

Das stimmt. Die vier Jahre in Paris waren sehr inspirierend, und meine Frau und ich waren schon etwas traurig, dort wegzugehen. Ich habe den Wechsel dennoch keine Minute bereut. Ich hatte den Wunsch, wieder stärker operativ tätig zu sein, was nun bei Swiss Life möglich ist. m

 Wie haben sich die Geschäfte Ihrer Tochter in Hannover vergangenes Jahr entwickelt? 

Sehr erfreulich. Unsere Finanzvertriebe Swiss Life Select, tecis, Horbach und Proventus haben die Provisionseinnahmen um 4 Prozent auf 350 Millionen Euro gesteigert. Der Gewinn ist sogar um gut ein Viertel gestiegen. 

 Wie stabil ist der Standort Hannover

Der Standort ist für uns noch wichtiger geworden. Wir haben den gesamten Service für die Vertriebe hier zusammengefasst. Heute haben wir hier etwa 700 Mitarbeiter. Ich blicke sehr positiv in die Zukunft. 

 Die Rekrutierung von neuen Beratern gilt in der Branche als ziemlich schwierig. Wie sieht dies bei Swiss Life aus? 

In den vergangenen Jahren ist es gelungen, viele junge Menschen für uns zu begeistern. Die Zahl der lizensierten Berater unserer Marken Swiss Life Select, tecis, Horbach und Proventus ist letztes Jahr um 8 Prozent auf rund 3600 gestiegen. Ich bin auch für die nächsten Jahre optimistisch. 

 Warum? 

Der Markt der Finanzvermittler schrumpft. 2011 gab es in Deutschland noch 263 000, heute sind es noch etwa 220 000. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Die Kunden haben also immer weniger Ansprechpartner. Wir können dadurch Marktanteile gewinnen. 

 Zum Jahresbeginn sind die Regeln für den Versicherungsverkauf verschärft worden. Was halten Sie davon? 

Wir sind dankbar, dass die Beratungsqualität einen höheren Stellenwert bekommen hat. Dies ist im Sinne der Kunden. 

 Was sind aus Kundensicht die wichtigsten Änderungen? 

Vor allem gibt es mehr Transparenz. Der Kunde wird über die Kosten und Renditen der einzelnen Produkte informiert. Der Vermittler muss angeben, in welchem Namen er tätig ist, und er muss die Kriterien für seine jeweiligen Empfehlungen offenlegen. Der Beratungsprozess wird insgesamt transparenter und das Interesse des Kunden wird künftig noch mehr in den Mittelpunkt gestellt. 

 Ihr Kerngeschäft ist die Altersvorsorge. Allerdings hört man, dass viele Menschen sehr verunsichert sind und deshalb keine entsprechenden Verträge abschließen. Spüren Sie das? 

Ja, und dafür gibt es mehrere Gründe. Eine wichtige Rolle spielt das Zinstief. Viele Kunden sagen: Ich bekomme ja nichts für mein Geld, das bringt doch alles nichts. Dabei ist das Gegenteil richtig: Weil die Zinsen so niedrig sind, muss man eher mehr zur Seite legen. 

 Welche Gründe sehen Sie noch? 

Die Verunsicherung kommt auch daher, dass manche Akteure alles über einen Kamm scheren und die Altersvorsorge dadurch in Misskredit bringen. Zudem hat die breite Mehrheit eine sehr geringe Finanzbildung. Deshalb scheuen viele vor Entscheidungen zurück und schieben das Thema Altersvorsorge auf die lange Bank. Ich nenne das die Verschieberitis. 

 Was können Sie dagegen tun? 

Unsere Berater fungieren als Lotsen, die den Kunden bei diesen Entscheidungen zur Seite stehen. Dabei geht es zunächst nicht um den Verkauf von bestimmten Produkten, sondern um die Lösung komplexer Fragen. Letztlich geht es dabei immer um die Frage: Wie will ich überhaupt mein Leben führen? 

 Aber am Zinstief kommt doch keiner vorbei? 

Deshalb bieten wir Lösungen für den langfristigen Vermögensaufbau, die nicht nur auf Zinsprodukten fußen. Man muss auch andere Anlageformen zulassen wie Aktien, Immobilien oder Infrastruktur. Das müssen wir den Kunden näherbringen. Die Bedeutung der Altersvorsorge hat sich also nicht geändert, wir müssen heute nur sehr viel mehr erklären. 

 Finanzberater haben allerdings nicht den besten Ruf. Macht Ihnen das zu schaffen? 

Wir haben alle aus den beiden Finanzkrisen 2001/2002 und 2008 unsere Lehren gezogen. Heute liegt ein extremer Fokus auf der Qualitätsberatung. Schließlich stehen wir sofort am Pranger, wenn etwas schiefgeht. 

Was halten Sie von der Forderung, die Beratung gegen Provision zu verbieten und stattdessen nur noch auf Honorarberatung zu setzen? 

In Großbritannien gilt ein Provisionsverbot seit 2009. Die Erfahrungen zeigen, dass die Finanzberater sich dort nun vor allem um die Wohlhabenden kümmern und die große Mehrheit ohne Beratung bleibt. Das müssen wir in Deutschland verhindern, wir haben hier heute ein ganz vernünftiges Modell. Wenn Beratung für die Masse weiterhin möglich bleiben soll, müssen die Berater auf ihre Kosten kommen. 

  Zum Schluss noch eine ganz andere Frage: Sie haben nun Hannover schon etwas kennengelernt, wie finden Sie die Stadt? 

Mein Lebensmittelpunkt ist zwar weiterhin meine Heimatstadt Köln, und außerdem bin ich viel in München sowie in Zürich, aber inzwischen habe ich auch eine Wohnung im Zooviertel. Als Langstreckenläufer bin ich vor allem über die Eilenriede begeistert. Stadtparks gibt es überall, aber das ist ja ein richtiger Wald mitten in der Stadt. Nächstes Jahr möchte ich hier auch beim Hannover Marathon mitmachen.  

 Karriere im Axa-Konzern

Jörg Arnold, Jahrgang 1964, stammt aus Köln, wo er auch seine Berufslaufbahn nach dem Wirtschaftsstudium bei der damaligen Colonia Versicherung (heute Axa-Gruppe) begonnen hat. Sein Aufstieg innerhalb des Axa-Konzerns brachte ihn 2010 auf den Chefsessel bei der Axa-Tochter Deutsche Ärzteversicherung. 2014 wurde ihm die Verantwortung für das weltweite Altersvorsorge-Geschäft der Axa in der Zentrale in Paris übertragen. Seit dem 1. Juli 2017 ist Jörg Arnold Chief Executive Officer Deutschland und Mitglied der Konzernleitung der Swiss-Life-Gruppe. Damit führt er auch die Geschäft des Finanzvertriebs Swiss Life in Hannover, der aus dem einstigen AWD hervorgegangen ist. 

Von Albrecht Scheuermann

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