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Weltweit Zu gut für die Tonne: Wie Freiwillige Lebensmittel „retten“ können
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Zu gut für die Tonne: Wie Freiwillige Lebensmittel „retten“ können
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19:30 10.04.2019
Kann weg, aber nicht in den Müll: Backshop-Inhaber Karsten Pümpel-Schwarze übergibt Essen an Foodsaver. Quelle: Franson
Hannover

Um kurz vor 19 Uhr stehen Kimberly Rahn und Anna Kückelmann vor dem Backshop am Steintor in Hannover, die 23 und 24 Jahre alten Frauen werden schon erwartet. Die eine studiert Architektur an der Leibniz-Uni, die andere Bau- und Umweltingenieurwesen. Anna und Kimberly zeigen Karsten Pümpel-Schwarze laminierte Kärtchen mit Foto, die sie als sogenannte Foodsaver (Lebensmittelretter) ausweisen, dann stülpen die Frauen Einweghandschuhe über, gehen hinter den Tresen und räumen die Auslage aus. Croissants, Schnitzel auf Brötchen, Wraps und allerhand anderes Backwerk landet in den Beuteln der Studentinnen – was eben kurz vor Ladenschluss im Back-Werk in der Langen Laube noch übrig ist. Was Karsten Pümpel-Schwarze sonst entsorgt hätte.

Früher. Dass der Unternehmer mit Backshops in Hannover und Stuttgart noch gut genießbare Lebensmittel in den Müll wirft, kommt so gut wie nicht mehr vor, seitdem er mit der Organisation Foodsharing zusammenarbeitet, sagt er. „Ich gebe hier am Steintor jeden Abend Waren im Verkaufswert von 90 bis 180 Euro weg“, denn so gut wie jeden Abend kommen hier zwei Foodsaver der Organisation Foodsharing rein, „es sind fast immer andere.“

Die Begrüßung ist herzlich

Die Begrüßung ist herzlich, man scherzt ein wenig und ist sich bald einig, dass die Ausbeute der beiden Studentinnen an diesem Abend wieder einmal ganz gut ist. Nach wenigen Minuten ist die Theke leer, und Pümpel-Schwarze kann bald zuschließen.

„Es ist ein Geben und Nehmen“, erklärt Alexander Mihatsch, der 25 Jahre alte Architekturstudent ist sogenannter Botschafter der Foodsharer. „Viele von uns möchten möglichst umweltbewusst und nachhaltig leben, dabei verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen. Foodsharing ist ein relativ einfacher Weg, das zu tun.“

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Die Bewegung wächst noch. Sie hat in Hannover laut Mihatsch derzeit 420 ehrenamtliche Mitglieder, die über das Internet miteinander verbunden sind und in Sozialen Netzwerken wie Facebook Nahrung untereinander tauschen. Einige der Foodsharer holen als sogenannte Foodsaver bei 20 eingetragenen Betrieben wie dem Back-Werk Lebensmittel ab, um sie mit anderen im Netzwerk zu teilen und gleichzeitig vor der Mülltonne zu bewahren. Rechnerisch etwa 60 Tonnen Lebensmittel haben die hannoverschen Foodsharer seit ihrer Gründung vor drei Jahren „gerettet“.

Auch in Hannover wird in privaten Haushalten, in Restaurants, Kantinen und Supermärkten jeden Tag eine riesige Menge noch genießbarer Lebensmittel entsorgt. Allein die Hannöversche Tafel sammelt nach Angaben ihres Leiters Horst Gora täglich gut eine Tonne Spenden ein, die sie an Bedürftige verteilt, im Jahr sind es etwa 300 Tonnen. Der größte Teil der Spenden stammt aus Supermärkten und Discountern – und trotzdem wandern haufenweise Lebensmittel aus den Regalen des Handels direkt in den Müll.

Die Tafel sammelt in Hannover fast eine Tonne Lebensmittel ein – pro Tag. Quelle: Katrin Kutter

Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe werden in Deutschland 90 Prozent der nicht verkauften Lebensmittel entsorgt – trotz Tafeln, Bewegungen wie Foodsharing oder Apps auf dem Smartphone wie To good to go. Nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung werfen Privathaushalte jedes Jahr 4,4 Millionen Tonnen noch Essbares weg. Die Bundesregierung geht davon aus, dass in Deutschland jedes Jahr insgesamt 11 Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet werden und will die Verschwendung bis 2030 um die Hälfte reduzieren.

Bundesregierung setzt auf Freiwilligkeit

Dabei setzt sie vor allem auf Freiwilligkeit – von konkreten Gesetzesvorhaben, die wie in Frankreich etwa die Supermärkte bei Strafandrohung zwingen, nicht verkaufte Lebensmittel zu spenden, ist keine Rede. Auch kann es nach wie vor strafbar sein, wenn Menschen den Müll der Supermärkte nach Essbarem durchsuchen und mitnehmen. Erst in der vergangenen Woche waren zwei Männer vor dem Amtsgericht wegen gemeinschaftlichen Diebstahls angeklagt und wurden nur aus formalen Gründen freigesprochen.

Der Überfluss an Lebensmitteln in Hannover ist offensichtlich. Gleichzeitig kommen Hunderte Menschen zu den sieben Ausgabestellen der Tafel, wo sie sich – wenn sie ihre Bedürftigkeit durch einen Amtsbescheid nachweisen können – kostenlos mit Lebensmitteln eindecken können. Im Saal des Gemeindehauses der Kirchengemeinde Ledeburg-Stöcken stehen am Dienstag etwa 180 Menschen an, um sich mit Lebensmittelspenden zu versorgen – Obst, Gemüse, Backwaren, aber auch Frischkräuter und Blumen haben Ehrenamtliche herangekarrt, Freiwillige haben die Lebensmittel in einem Halbrund auf Tischen aufgebaut. Die Menschen warten geduldig, niemand drängelt, die Reihenfolge wird gelost.

Noch gut: unter anderem reichlich Milchprodukte sind bei der Tafel gelandet. Quelle: Katrin Kutter

Der 79 Jahre alte Rentner Otto K. aus Vinnhorst ist dabei. Er war früher Schneider, hat unter anderem beim Herrenausstatter Erdmann gearbeitet, jetzt ist die Rente „zu knapp“, wie er sagt. „Wäre es anders, würde ich nicht kommen.“ Und: „Es wird so viel weggeschmissen, gleichzeitig hungert ein Drittel der Menschen auf der Welt. Es ist eine Schande.“

Das erste Mal ist Sara Valenestro aus Stöcken im Ledeburger Gemeindehaus, die 37-jährige Alleinerziehende hat ihren Sohn Luca (3) mitgebracht. Dass sie gekommen ist, habe verschiedene Gründe, „Geld sparen“ gehört dazu. Sie will aber auch ein Vorbild sein: „Es wird viel zu viel weggeworfen. Das versuche ich, meinem Sohn beizubringen.“ Valenestro nimmt auch am Foodsharing teil. „Wenn etwas übrig ist, verteile ich es – zuletzt Weintrauben und Olivenöl. Es kommen immer Leute, die etwas abholen.“

Vom Backshop in den „Fairteiler“

Am Steintor will Kimberly, die Architekturstudentin, die von ihr geretteten Backwaren am folgenden Tag mit in die Uni nehmen und in der Fachschaft auslegen. „Das wird immer gerne gegessen und ist schnell weg.“ Anna, die angehende Ingenieurin, erklärt, sie verwerte die Lebensmitteln auf ganz unterschiedliche Art. „Ich bringe sie in meine WG mit, in die Uni oder auf eine Party. Oft bringe ich auch etwas in den Fairteiler.“ Das ist ein blauer Bauwagen im Innenhof des Hauses der Jugend in der Maschstraße am Aegi, darin finden sich Regale und vier Kühlschränke. Wer bei Foodsharing registriert ist, bekommt den Zahlencode für das Schloss und kann hier jederzeit etwas ablegen oder etwas mitnehmen.

Foodsharing funktioniert einfach gut. Es ist strukturiert und geht schnell“, findet. Backshop-Inhaber Karsten Pümpel-Schwarze. „Wenn ich überlege, was ich früher alles in die Tonne geworfen habe“, sagt er noch zum Abschied und bricht dann ab, als wolle er darüber lieber nicht nachdenken.

Von RND/Karl Doleke

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