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Elektromobilität Gegen den Strom

Der Aachener Professor Günther Schuh mischt die Autoindustrie auf. Erst düpiert er mit seinem selbst entwickelten Streetscooter für die Post die großen Hersteller. Jetzt will er mit einem neuartigen Kleinwagen Elektromobilität massentauglich machen. Was treibt ihn an? Und warum gelingt ihm, was die Konzerne nicht schaffen?

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„Ein bisschen was vom 911er steckt ja auch drin“: Günther Schuh von der RTWH Aachen präsentiert sein neues E-Auto e.GO Life.

Quelle: Arndt

Aachen. In einer kleinen Fabrikhalle auf dem Campus der RWTH Aachen, nur ein paar Wiesen und Weiden entfernt von der Grenze nach Holland und Belgien, beugt sich ein hochgewachsener Mann im Anzug zu einem silbernen Kleinwagen hinunter, streichelt über den Kotflügel und sagt: „Ein bisschen was vom 911er steckt ja auch drin.“ In seinem Blick liegt Zufriedenheit. Es ist die Zufriedenheit mit dem eigenen Kind.

Das Auto mit dem internen Spitznamen Tom, benannt nach der TV-Serie „Tom und Jerry“, ist der Prototyp eines Modells, mit dem dieser Mann in den kommenden Jahren den deutschen Markt für Elektroautos aufmischen will. Mindestens 10 000 Exemplare seines e.GO Life will der Aachener Professor Günther Schuh jedes Jahr in einem Werk im Aachener Stadtteil Rothe Erde bauen lassen. Ein ehrgeiziges Projekt – mit der Zahl wäre ihm derzeit ein Spitzenplatz in den Verkaufsstatistiken der Elektroautos in Deutschland gewiss.

Nur steckt in dem Lob des Professors für sein Kind natürlich auch etwas Zwiespältiges. Ja, mit etwas gutem Willen erinnert die geschwungene Haube hinter den Scheinwerfern tatsächlich an den Porsche-Klassiker. Und, mag sein: „An der Ampel lassen Sie damit sogar jeden Porsche stehen“, schwärmt Schuh. „Jedenfalls auf den ersten drei Metern.“ Ansonsten aber steckt ziemlich genau gar nichts von einem Porsche in diesem Kleinwagen. Und die große Frage ist natürlich, wie viel Porsche-Faktor die Deutschen denn brauchen, um sich für ein Elektroauto zu begeistern. Wie viel Luxus, Stil und PS-Wucht denn wohl nötig sind, damit sie sich in ein Elektromobil verlieben? Was muss passieren, damit E-Autos in Deutschland massentauglich werden? Ist der kleine Tom da Teil der Lösung?

Der Grund dafür, dass man dem Aachener Professor Günther Schuh eine Menge kluger Antworten auf diese Fragen zutraut, liegt an seinem großen Coup, mit dem er 2014 die gesamte europäische Automobilbranche bloßstellte.

Damals suchte die Deutsche Post einen Elektrotransporter, um Pakete auszuliefern. Ein prestigeträchtiger, lukrativer Auftrag, für die Post sind 70 000 Fahrzeuge unterwegs. Doch der Zuschlag ging nicht an VW, nicht an Daimler, auch nicht an Renault. Sondern an ihn, den Aachener Professor Günther Schuh, und seinen Kollegen Achim Kampker, die sich zusammen den Streetscooter ausgedacht hatten. „Können Sie das auch in größer?“, fragten die Post-Leute Schuh. Der Professor konnte.

Mittlerweile hat die Post ihnen die Firma abgekauft – und Schuh ist ein noch gefragterer Mann. Gerade erst ist der 58-Jährige aus China zurückgekommen, wo sich der chinesische Wirtschaftsminister mit ihm über Industrie 4.0 unterhalten wollte. „Ein für chinesische Verhältnisse ziemlich junger Mann“, sagt Schuh, das Treffen hat ihm offenbar gefallen. Die Medien bitten ohnehin um Interviews. Und immer geht es um die ähnlichen Fragen: Warum gelingt ihm hier in Aachen, was die mächtigen Autokonzerne nur so zögerlich zuwege bringen? Woran hakt es bei der Elektromobilität in Deutschland? Und macht es eigentlich Spaß, die Großen dieser Branche mal ganz gepflegt ein bisschen zu ärgern?

Dabei klang es in den vergangenen Monaten, nach dem Post-Triumph, dann gern mal so, als sei der Professor aus Aachen ein Außenseiter, der am äußersten westlichen Zipfel der Republik einen Überraschungstreffer landete. Doch das ist nicht ganz richtig.

„Die ersten Hybridantriebe der Welt waren in Aachen unterwegs“

Schon in den Achtzigerjahren, als wissenschaftliche Hilfskraft, baut er mit Kommilitonen den ersten Hybridmotor, setzt ihn in einen VW Bulli und fährt damit durch Aachen. Das Modell hatte ein paar Kinderkrankheiten. Zum Beispiel, erinnert sich Schuh, durften sie mit dem Wagen nicht gleichzeitig bremsen und eine Rechtskurve fahren – da drohte der Bulli umzukippen. Ein Schönheitsfehler. „Damals waren die ersten Hybridantriebe der Welt in Aachen unterwegs“, sagt Schuh. „Da wussten die Nissans noch gar nicht, wie man Hybrid schreibt.“

Günther Schuh erzählt die Geschichte, im leicht singenden kölschen Tonfall, um zu zeigen: Die deutsche Forschung und Industrie waren bei umweltfreundlichen Antrieben immer vorn. Nur entschied man sich damals dafür, am Diesel – den Schuh im Gespräch den „guten Diesel“ nennt – festzuhalten, weil er günstiger und effizienter war. Wir hätten gekonnt, soll das heißen. Wir wollten nur nicht. Zur Erinnerung steht bei Schuh ein Modell-Bulli auf dem Besprechungstisch.

Wir hätten gekonntProfessor Günther Schuh an seinem Arbeitsplatz

Wir hätten gekonnt:Professor Günther Schuh an seinem Arbeitsplatz.

Quelle: Arndt

Schuh will mit solchen Geschichten die deutsche Autoindustrie in Schutz nehmen. Zu Unrecht, findet er, bezog sie Prügel, weil sie die Entwicklung verschlafen habe. Umso mehr musste es ihn treffen, dass ihn genau diese Industrie nicht ernst nahm, als er ihr seine Ideen zeigte.

Die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt im Jahr 2011. Schuh und sein Kollege Kampker, damals einer der jüngsten Professoren der Republik, zeigen ihren Streetscooter, einen Elektro-transporter, wie ihn bislang kein Hersteller im Angebot hat. Die Bundeskanzlerin kommt auf ihrem Rundgang vorbei und setzt sich kurz hinein. „Gut, weiter so“, sagt Angela Merkel, bevor sie ihren Rundgang fortsetzt. Gut, weiter so: Euphorie klingt anders. Schuh jedoch beteuert, dass sie diesen Satz als Motivation begriffen hätten. „Seitdem machen wir ‚gut, weiter so‘.“

„Können Sie das auch in größer“

„Können Sie das auch in größer?“: Die Post ist von dem Streetscooter des Professors Günther Schuh überzeugt – heute fährt er auf den Straßen.

Quelle: dpa-Zentralbild

Beflügelt vom Kanzlerinnen-Wort klapperte Schuh die großen Hersteller ab. Er hat keine Mühe, Termine zu bekommen, viele Ingenieure und Entwicklungschefs waren seine Studenten oder Kommilitonen. Und dann? „Passierte etwas, das ich nicht gewohnt war.“ Die Leute hörten zu. Lächelten. Und ignorierten ihn. „Die hielten uns für eine Abteilung von Jugend forscht“, sagt Schuh. „ Da war ich, ehrlich gesagt, auch ein wenig beleidigt.“

Das Beleidigtsein war dann möglicherweise auch eine noch stärkere Motivation als das Kanzlerinnenurteil. Jedenfalls bauten Schuh und Kampker ihren Streetscooter dann selbst. Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte. Aachen, das gallische Dorf der Elektromobilität, und Schuh als sein Anführer. Am Ende kaufte die Post ihnen den Streetscooter samt Fertigung ab. Für ein paar Milliönchen, wie Schuh sagt.

Anschließend, nach zähen Verhandlungen, ist Schuh erschöpft. Will erst mal eine Pause machen – und gründet dann doch, nach wenigen Wochen, e.Go Mobile, das Unternehmen, das Elektromobilität in Deutschland massentauglich machen soll. Ist es Trotz, der ihn antreibt? Der Wunsch, sich für eine Kränkung zu rächen? Der Wunsch, es all den Automobilmanagern zu beweisen, die jetzt im Wochentakt zu ihm nach Aachen kommen und sagen „Du, Günther, das kann gar nicht funktionieren“?

Ein Konkurrenzprodukt – zum Wohle der Industrie?

Er selbst sieht seine Rolle jedenfalls anders. „Ich möchte unserer Autoindustrie mit unserem Projekt nicht schaden, ich möchte ihr durch die Kurve helfen“, sagt Schuh. Ihr zeigen, dass sie billiger, einfacher und schneller bauen muss, wenn sie den Menschen ein Auto andienen will, das in Sachen Reichweite und Aufladen erst mal noch ein paar Nachteile hat. „Ich wollte das eigentlich nicht“, beteuert der Professor. „Aber jetzt musste ich zum zweiten Mal Unternehmer werden.“ Zum Wohl der Industrie.

Es ist keine bescheidene Rolle, die sich der ansonsten sehr umgängliche und unprätentiöse Günther Schuh in diesem großen Veränderungsprozess zugedacht hat. Aber seine Startvoraussetzungen sind der Größe des Vorhabens auch durchaus angemessen. Der Campus der RWTH am Westrand von Aachen, hundert Fußballfelder groß, ist ein hochmoderner Treffpunkt der Wirtschaft mit den Wissenschaftlern einer der renommiertesten deutschen Ingenieurshochschulen. Mehr als 300 deutsche Unternehmen sind hier vertreten, von der Telekom bis Infineon. Es ist der „Kannste-mal-eben-Platz“, auf dem Schuh mit drei Telefonaten klärt, wozu die Entwicklungsabteilung eines Großkonzerns drei Monate braucht. Initiator des Campus war 2009 übrigens: Günther Schuh.

Neues Modell

Neues Modell: Der e.Go Life

Quelle: Arndt

Hier also hat er das kleine Auto entwickelt, das nun das nächste große Ding der Elektromobilität werden soll: Den e.GO Life, ein Stadtauto, optisch eine Mischung aus Mini und Smart, Reichweite in der Basisversion 130 Kilometer. Hergestellt mit Scheinwerfern, Rückleuchten und Armaturen, die er in den Regalen von ZF, Conti und Bosch fand, statt sie für viel Geld selbst zu entwickeln. Schuh ist von Haus aus Produktionsexperte. Sein Credo beim Life: „Das bisschen Entwicklung machen wir selbst.“ Für die Außenhaut nahm er Thermoplast, wie früher beim Trabi. So kam er auf das Entscheidende, den Preis: 15 900 Euro. Abzüglich der Umweltprämie zahlen Käufer also lediglich knapp 12 000 Euro. Zum Vergleich: Den Nissan Leaf gibt es inklusive Umweltbonus für gut 19 000 Euro, den VW e-Up für knapp 23 000 Euro. „Die Durchbrüche für neue Technologien“, sagt Schuh, „sind immer über deutliche Kostensenkungen gelungen.“

Wenig Luxus

Wenig Luxus: Der e.Go Life wurde auf dem RTWH-Campus in Aachen entwickelt.

Quelle: Arndt

Ist also alles nur eine Frage des Preises? Ferdinand Dudenhöffer, Professor in Duisburg, glaubt daran nicht. „Billige Kleinwagen waren noch nie ein Motor für die deutsche Autoindustrie“, sagt der Autoexperte. Beim Preis lägen die chinesischen Hersteller am Ende vorn, prophezeit er. Den Deutschen jedoch gehe es am Ende um Service, Reichweite, Garantieversprechen, Emotionen. Faktoren, für die im Moment Hersteller wie Tesla oder BMW stehen.

Und so stehen sich die Professorenmeinungen konträr gegenüber: Würde es den E-Autos helfen, wenn Verbrennungsmotoren ab 2030 verboten würden? Dudenhöffer sieht darin, genau wie in Quoten, „ein wichtiges Signal für eine neue Technologie“. Schuh, der 2012 als möglicher Wissenschaftsminister im Schattenkabinett des CDU-Kandidaten Norbert Röttgen stand, sieht in solchen Verboten nichts anderes als „ein Programm zur Belebung der Pferdezucht in Deutschland“.

Die ersten Zahlen jedenfalls nähren seinen Optimismus. Noch bevor überhaupt irgendjemand seinen Kleinwagen Probefahren konnte, gibt es schon 1700 Vorbestellungen. Gerade hat die Caritas angekündigt, ihre Pflegekräfte mit den Aachener E-Mobilen auszurüsten. Schuh selbst fährt übrigens einen Porsche, einen Hybrid-Panamera. Als Widerspruch empfindet er das nicht. Er habe eine Mission, sagt er. „Und die ist noch nicht beendet.“

Von Thorsten Fuchs

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