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Weltweit „Gentechnik? Ein hervorragendes Mittel!“
Nachrichten Wirtschaft Weltweit „Gentechnik? Ein hervorragendes Mittel!“
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19:28 21.01.2019
„Wir sind anders als Monsanto“: KWS-Chef Hagen Duenbostel im Interview mit der HAZ. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover, „Wir sind anders als Monsanto“, sagt KWS-Chef Hagen Duenbostel im Interview mit der HAZ

Herr Duenbostel, Bayer hat Ihren Konkurrenten Monsanto für 66 Milliarden US-Dollar gekauft, dann folgte das spektakuläre Glyphosat-Urteil, und die Bayer-Aktie brach ein. Wie groß ist Ihre Schadenfreude?

Die liegt bei null. Ich würde mich nie über einen Misserfolg von Monsanto oder Bayer freuen. Wir sind zwar Wettbewerber - aber in vielen Bereichen auch Kooperationspartner. Wir lizensieren, wie viele Züchter, einige Gene von Monsanto, die Pflanzen resistent machen. In unserer Branche rudern wir alle dasselbe Boot.

In einem Boot mit Monsanto? Haben Sie keine Angst, dass das schlechte Image auf Sie abfärbt?

Wir sind anders als Monsanto. Unser Ansatz ist: Wir liefern ausschließlich bestes Saatgut. Und der Landwirt entscheidet, welche Pflanzenschutzmittel und Arbeitsmethoden für ihn bestmöglich dazu passen. Anders als andere Unternehmen stellt KWS keine Pflanzenschutzmittel her. Die großen Konzerne liefern dagegen Komplettpakete.

Alles aus einer Hand, was soll daran schlecht sein?

Es ist unwahrscheinlich, dass in einem Paket jedes Einzelteil das jeweils Beste ist. Und die Pakete reduzieren die Freiheit der Landwirte bei ihren Entscheidungen..

Monsanto steht vor allem wegen Glyphosat und Gentechnik am Pranger. Wie sehen Sie das?

Das ist ungerechtfertigt. Grundsätzlich müssen wir den Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft reduzieren, das stimmt. Aber Glyphosat ist derzeit mit Abstand die verträglichste Variante. Die Alternative wäre, zig Unkräuter mit zig Unkrautmitteln zu bekämpfen. Außerdem hat Glyphosat nur chlorophyllhaltige Zellen, also Pflanzen, zum Ziel, es hat bei korrektem Gebrauch keine gesundheitsschädlichen Auswirkungen auf Tier und Mensch.

Und Gentechnik?

Auch hier ist die Skepsis unbegründet. Wir betreiben seit Langem Gentechnik. Sie ist ein hervorragendes Mittel, um weniger Chemie gezielter einsetzen zu können. Und sie ist gefragt. In den USA kann man zum Beispiel kaum Maissorten verkaufen, die nicht gentechnisch verändert sind.

In Deutschland ist das Gegenteil der Fall, hier dürfen keine Gentechnik-Pflanzen angebaut werden.

Ja, es besteht ein nationales Anbauverbot für die einzige Maissorte, die eine europaweite Anbauzulassung hat. Das war eine rein politische Entscheidung, weil die Bevölkerung Bedenken hat. Diese Empfindlichkeit wiegt hierzulande schwerer als die wissenschaftliche Expertise.

Die Verbraucher wollen auf Nummer Sicher gehen, auch wenn die Forschung keine Warnhinweise liefert. Ist das nicht nachvollziehbar?

Die Menschen spüren bei der Gentechnik vielfach keinen direkten Nutzen, also wollen sie jedes theoretische Risiko ausschließen. Smartphones haben Risiken durch elektromagnetische Strahlung, doch wir alle nutzen sie, weil wir dadurch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen – ihr Nutzen für uns ist hoch. Trotzdem ist die deutsche Haltung unlogisch.

Warum?

Wir importieren Gentechnik-Soja aus Brasilien, füttern unsere Schweine damit und kaufen dann im Supermarkt als gentechnikfrei gekennzeichnete Koteletts. Denn der Stoffwechsel des Schweins zerstört das Genmaterial der Pflanze. Doch wenn der Mensch mithilfe von Gentechnik hergestellte Lebensmittel verstoffwechselt, soll es plötzlich ein Problem sein. Das ist unlogisch.

Wie Saatgut gezüchtet wird

Firmen wie KWS beliefern Landwirte mit Saatgut. In der Entwicklung setzen sie zahlreiche Methoden ein:

Klassische Züchtung: Dabei werden Elternpflanzen mit besonderen Eigenschaften miteinander gekreuzt – etwa um ,möglichst ertragreichen Weizen zu gewinnen.

Gentechnik: Gene anderer Arten – etwa von Bakterien – werden in das Erbgut der Pflanze eingebaut, um sie zum Beispiel unempfindlich gegenüber Pflanzenschutzmitteln zu machen. Zahlreiche Länder bauen gentechnische veränderte Pflanzen an, zum Beispiel die USA und Brasilien. In der EU ist nur eine Sorte zugelassen, in Deutschland ist der Anbau zurzeit untersagt – Forschung und Züchtung aber erlaubt.­­­­­ Präzisionszüchtung: Bei dieser neuen Technik erzeugen Forscher Mutationen an vordefinierten Stellen der Pflanzen-DNA, zum Beispiel mit der „Genschere“ CRISPR. Bestimmte gewünschte Eigenschaften einer Pflanze können so verstärkt oder abgeschwächt werden, ohne dass fremde Gene in die Pflanze übertragen werden.

Seit dem Sommer haben Sie noch ein weiteres Problem: Der Europäische Gerichtshof hat die Präzisionszüchtung mithilfe der Genschere CRISPR der Gentechnik gleichgestellt.

Das ist eine Unglaublichkeit. In der Natur verändert zum Beispiel das Sonnenlicht die Gene von Pflanzen auf dem Feld zufällig. Wenn wir diesen Veränderungsprozess mit der Genschere gezielt und sehr präzise steuern, ist das laut Gericht der Gentechnik gleichgestellt. Weil wir den natürlichen Prozess mithilfe der Genschere imitieren, enthalten die daraus entstehenden Pflanzen aber weiterhin nur die arteigenen Gene. Man kann sie von konventionell gezüchteten Pflanzen gar nicht unterscheiden. Wir fordern deshalb von der Bundesregierung eine Initiative zur Änderung der Rechtsgrundlagen durch die EU.

Dringen Sie damit durch bei Ernährungsministerin Julia Klöckner?

Ministerin Klöckner versteht das Bedürfnis für eine Lösung, aber sie hat sich noch nicht mit dem Umweltministerium verständigt, es gibt also noch keine abgestimmte Position der Bundesregierung. Das muss aber jetzt passieren. Bei der Grünen Woche wird es darüber sicher intensive Gespräche geben.

Weil Sie sonst von den Amerikanern abgehängt werden?

Wir bleiben so oder so voll auf dem Gas bei der Präzisionszüchtung. Forschen dürfen wir ja, nur die Produktentwicklung für die EU ist eingeschränkt. Es gibt aber noch einen weiteren Punkt: Die Supermärkte haben inzwischen das Segment ’gentechnikfrei’ geschaffen. Doch wenn Präzisionszüchtung gleich Gentechnik ist, können sie gar nicht garantieren, dass dieses Label stimmt. Schließlich ist Weizen aus Präzisionszüchtung nicht unterscheidbar von konventionellem Weizen. Vor allem aber verschenken wir ein Riesenpotenzial genetischer Variabilität, wenn wir die Technik in der Praxis nicht einsetzen.

Präzisionszüchtung rettet also die Welternährung?

Es ist nicht so, dass Gentechnik oder Präzisionszüchtung allein die Welt ernähren könnten. Wir brauchen alle konventionellen und neuen Methoden. Je größer der Raum von Möglichkeiten, desto besser wird die Nahrungsmittelversorgung.

Der Monsanto-Kauf durch Bayer ist nur ein Beispiel. Auch andere große Wettbewerber haben sich zusammengeschlossen. Können Sie mit dem Innovationstempo dieser Giganten noch mithalten?

Da haben wir keine Sorge. Wir sind weitgehend immun, weil wir führend sind in kleinen Premium-Kulturarten wie Roggen oder Zuckerrüben. Die Branche konsolidiert sich ja schon seit 20 Jahren. Und wir sind währenddessen trotzdem schneller gewachsen als der Markt.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr stagnierte Ihr Umsatz allerdings.

Das lag daran, dass wir in den USA und Brasilien noch stark auf lizensiertes Saatgut angewiesen waren. Jetzt machen wir einen Riesensatz hin zu eigenen Sorten und neuer Technologie. Umsatz und Ergebnis werden dadurch deutlich steigen.

Wir reagieren aber auch strategisch. Wir ändern gerade unsere Rechtsform zu einer Kommanditgesellschaft auf Aktien. Dadurch können wir mehr Aktien ausgeben, um frisches Geld aufzunehmen – die Führung bleibt aber bei unseren Eigentümerfamilien. Dadurch können wir auch Zukäufe im Wert von einer Milliarde Euro oder mehr stemmen.

Was wollen Sie zukaufen?

Wir haben uns entschieden, ins Gemüsegeschäft einzusteigen. Dafür brauchen wir einen langen Atem. Aber davor schrecken wir nicht zurück. Wir haben 1955 mit Mais angefangen, und es hat 30 Jahre gedauert, bis wir da vorne dabei waren.

Zur Person

Hagen Duenbostel (48) ist seit 2015 Chef des Einbecker Saatgutherstellers KWS Saat SE. Der promovierte Betriebswirt stammt aus Hannover und begann dort auch seine Karriere, als Wirtschaftsprüfer bei PricewaterhouseCoopers. Im Jahr 1998 wechselte er zu KWS, seit 2003 sitzt er im Vorstand des Unternehmens, das rund 5000 Mitarbeiter beschäftigt und in 70 Ländern aktiv ist.

Von Christian Wölbert

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