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Weltweit Was den Näherinnen in Bangladesch wirklich hilft
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00:15 03.02.2018
„Immens monoton und unglaublich verdichtet“: Näher in einer Textilfabrik in Dhaka (Bangladesch). Quelle: Foto: dpa
Hannover

Frau Müller-Hellmann, Sie sind nach China, Bangladesch und Vietnam geflogen, haben dort an die Türen von Textilfabriken geklopft und ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben. Wie kamen Sie auf die Idee? 

Wir tragen unsere Kleidung jahrelang. Da steckt Arbeit von Menschen drin. Doch wir wissen nicht, wie es diesen Menschen geht, was sie bewegt. Darüber habe ich nachgedacht. Irgendwann kam ich auf die Idee, einfach mit meinen persönlichen Lieblingskleidungsstücken anzufangen. Ich habe also Anfragen an diese Marken geschickt. Daraufhin bekam ich die ersten Antworten – und zack, war ich mittendrin im Buchprojekt. 

Wie lange haben Sie recherchiert und geschrieben? 

Knapp drei Jahre. Allerdings nicht Vollzeit, denn ich lebe nicht vom Schreiben. Ich habe mir für die Reisen und das Schreiben viele Monate unbezahlten Urlaub genommen. 

Welche Eindrücke haben Sie am stärksten überrascht? 

Wie wenig Ahnung ich hatte. Wir alle tragen Textilien, aber wissen kaum etwas über die Produktion, denn die ist ausgelagert in den Rest der Welt. Ich nehme den Leser mit und zeige, wie sich diese gigantische Industrie vor mir aufblättert. Allein in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, gibt es mindestens 3000 Textilfabriken. 

Mich hat beim Lesen überrascht, dass die Arbeiter sich Ihnen gegenüber nicht über die Arbeitsbedingungen beklagt haben. Woran liegt das ihrer Meinung nach? 

Ich denke, es hat mehrere Gründe. Fast jeder will stolz sein auf die Arbeit, die er tut. Man muss eine innerliche Hürde überwinden, Veränderungen zu verlangen. Und die Bedingungen sind zum Großteil so prekär, dass es unglaublich schwierig ist, sich mit anderen dagegen zu organisieren. Die Arbeiterinnen haben Angst, ihre Jobs zu verlieren, wenn sie streiken. Außerdem haben mir natürlich nur Fabriken die Tür aufgemacht, die sich trauen, jemanden aus Europa hereinzulassen, der darüber schreibt. 

Im Buch lassen Sie alle Seiten zu Wort kommen: Marken, Zulieferer, Arbeiter, Gewerkschaften. Sie selbst halten sich aber mit ihrer Meinung zurück. Glauben Sie nicht, dass die Industrie sich ändern muss? 

Ich habe ein literarisches Sachbuch geschrieben. Da predigt man nicht. Ich schildere stattdessen zum Beispiel, wie zwei Chinesinnen, die für eine deutsche Marke nähen, 300 Boxershorts pro Stunde schaffen und auf Pausen verzichten, weil sie pro Stück bezahlt werden. Darauf sind sie sogar stolz. Das ist bedrückend. Mit anderen Worten: Die Arbeit ist immens monoton und unglaublich verdichtet. Solche Bedingungen gehören abgeschafft. 

Was folgt daraus für den Verbraucher? Sollte man Kleidung aus Asien boykottieren? 

Ich glaube, das ist keine Lösung. 80 Prozent der Ausfuhren aus Bangladesch sind Textilien. Die Menschen sind von der Branche abhängig. Man muss sich gezielt anschauen, welche Marken sich wirklich kümmern. 

Wie geht das? 

Ich zeige in meinem Buch die drei vertrauenswürdigsten Siegel, die von der Fair Wear Foundation, IVN Best und GOTS. Man sollte die Marken stärken, die sich zertifizieren lassen. Aber auch beim Einkaufen nachfragen. Marken achten ganz genau darauf, wofür die Kunden sich interessieren. 

Bislang sind nur wenige Marken mit diesen Siegeln ausgezeichnet. Kann man auch aus den Produktionsländern etwas ableiten? 

Ja und nein. Verallgemeinerungen sind schwierig. Aber in Vietnam sind die Bedingungen in der Regel besser als in Bangladesch, und in China noch einmal besser als in Vietnam. Ich hatte komplett falsche Vorstellungen von China. Das ist ein ganz anderer Schnack als früher, da gibt es immer weniger Billigproduktion. Einzelne Fabriken in Bangladesch sind aber trotzdem weitaus besser. Man muss sich das genau ansehen.

Seit einem Fabrikeinsturz in Bangladesch mit über 1000 Toten im Jahr 2013 versprechen auch viele große Marken, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Nehmen Sie denen das Versprechen ab? 

Ich nehme zum Beispiel H&M schon ab, dass sie versuchen, Verbesserungen umzusetzen. Aber die Produktion soll weiterhin schnell gehen und günstig sein. Dieser Widerspruch bleibt bestehen. An den muss man ran. 

H&M hatte versprochen, dass 850.000 Arbeiter in der Lieferkette ab 2018 mehr als die lokalen Mindestlöhne erhalten. Inzwischen hat H&M das Ziel aufgeweicht. Warum geht es so langsam voran? 

Wir dürfen nicht vergessen: Wir in Europa stehen auf den Schultern von über 100 Jahren Arbeiterbewegung, die den Acht-Stunden-Tag erkämpft hat. Letzten Endes sind es Verteilungskämpfe. Wer prekär lebt, kann die nicht führen. Wer also wird diese Kämpfe für bessere  Arbeitsbedingungen führen? Selbst bei uns kriegt man noch das Schlackern, wenn man einfache Löhne mit Managergehältern vergleicht.

Von Christian Wölbert

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