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Weltweit In Lehrte entsteht der erste Megahub
Nachrichten Wirtschaft Weltweit In Lehrte entsteht der erste Megahub
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00:37 26.05.2018
Vor dem eigentlichen Bau des Megahub muss in Lehrte viel Erde bewegt werden. Quelle: dpa
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Lehrte

Zauneidechsen lieben Trockenheit und Sonne, Sand, Gras und Steine. Deshalb fühlen sie sich offensichtlich an den Bahndämmen des früheren Rangierbahnhofs zwischen Ahlten und Lehrte ziemlich wohl, dort leben jedenfalls bislang ziemlich viele Exemplare dieser geschützten Spezies. Mit dem Baubeginn für den Megahub in Lehrte sind die ruhigen Zeiten für die kleinen Reptilien jedoch vorbei. Zwar hat die Bahn ihre Planungen für den supermodernen Container-Umschlagplatz eigens noch für diese Tiere geändert. Alte Sandhügel und Dämme blieben bestehen, zudem wurden Ausgleichsflächen hergerichtet. Dennoch müssen die flinken Vierfüßler in nächster Zeit jede Menge Staub und Lärm aushalten. Vor wenigen Tagen versammelte sich dort allerhand Prominenz einschließlich Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann zum ersten Spatenstich für das Großprojekt.

Eigentlich sollte Deutschlands modernste Container-Umschlaganlage heute schon in Betrieb sein, aber wie üblich bei solchen Vorhaben hat sich die Sache wegen Einsprüchen und Planänderungen verzögert. Der Baubeginn war ursprünglich für 2012 geplant, doch die ersten Überlegungen reichen viel weiter zurück, bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

So lange ist der Megahub in Lehrte schon ein Thema. Die Vorbereitungsarbeiten auf dem Gelände des einstigen Güterbahnhofs Lehrte sind ebenfalls seit Jahren im Gang, aber erst jetzt haben unübersehbar die Bauarbeiten begonnen. Zunächst stehen vor allem Erdbewegungen auf dem Terminplan. Bagger, Schaufellader und Kipplaster sind im Einsatz, mächtige Sand- und Erdhügel zeigen, dass auf dem mehr als zehn Hektar großen Baugelände Großes im Gang ist.

Ende 2019 soll die Anlage fertig sein. Dann sollen zunächst drei, später bis zu sechs riesige Portalkräne über den sechs 700 Meter langen Gleisen Container anheben und absenken. Züge, die zum Beispiel von den Seehäfen in Hamburg, Bremerhaven oder Wilhelmshaven kommen, werden auf diese Weise je nach Zielort der Ladung neu bepackt, das zeitfressende, Krach und Abgas erzeugende Rangieren ist nicht mehr nötig. Außerdem werden dann in Lehrte auch Container vom Lkw auf Züge verfrachtet – und umgekehrt. Damit soll die neue Container-Sortieranlage den alten Umschlagbahnhof in Hannover-Linden ersetzen.

Der Clou der neuen Anlage liegt allerdings in der modernen Technik, in Deutschland bislang einzigartig. Zu der vollautomatischen Sortieranlage gehören fahrerlose, batteriebetriebene Transportfahrzeuge. Sie bringen die vom Kran abgesetzten Container auf den Betonplattformen zwischen den Gleisen zum Zielwagen, wo diese wieder von einem Kran aufgenommen und auf den Zug gesetzt werden.

Projektleiter Andreas Witzel von der DB Netz AG preist die Vorzüge der Anlage. Der Megahub sei „megaschnell, megaökonomisch und megaleise“. Wegen der technischen Besonderheiten sei das Projekt aber „schon eine Herausforderung“ , sagt der gelernte Bauingenieur. Als Hauptvorteil nennt er den schnellen Umschlag, zudem ließen sich damit die Güterzüge besser auslasten. Der Schwerpunkt des Betriebes werde in der Nacht liegen. 25 Zügen dürften täglich umgeladen werden, zwei Drittel davon nachts. Später sollen auch andere Containerbahnhöfe in Deutschland nach dem Lehrter Vorbild modernisiert werden, aber zunächst will die Bahn die Erfahrungen mit dem Megahub auswerten.

Auf das überwiegend aus Steuermitteln finanzierte Projekt vor den Toren Hannovers ist auch schon der Bundesrechnungshof aufmerksam geworden. „Es ist bisher nicht nachgewiesen, dass solche Anlagen wirksam und wirtschaftlich sind“, kritisierte er in seinem Jahresbericht 2016. Außerdem baue die Bahn parallel eine zweite Anlage dieses Typs in Duisburg. Mit ihr lasse sich wesentlich schneller und kostengünstiger erproben, ob Megahubs ihren Zweck erfüllen könne, meint der Rechnungshof. Allerdings unterscheidet sich der im Duisburger Hafen geplante neue Umschlagterminal deutlich von der Anlage in Lehrte.

Es war kein Zufall, dass die Bahn die Stadt in Niedersachsen für das 170-Millionen-Pilotprojekt ausgewählt hat. So gibt es hier bereits ein Güterverkehrszentrum, in dem sich etwa der Deutsche Paketdienst (DPD) angesiedelt hat. Zudem liegt die Stadt am Schnittpunkt wichtiger Bahnlinien und ist gut an das Autobahnnetz angebunden. Wohl am wichtigsten ist indessen ein anderer Pluspunkt: Die Bahn braucht kaum neue Flächen kaufen, weil sie das Gelände des früheren Rangierbahnhofs Lehrte nutzen kann.

Solche „Schnellumschlag-Anlagen mit Drehscheibenfunktion“ sollen den sogenannten kombinierten Verkehr voranbringen – also den Gütertransport mit der Bahn attraktiver machen und damit die Autobahnen zu entlasten. In der Logistikbranche kommt das Projekt gut an. „Wir begrüßen grundsätzlich alles, was uns hilft, den Verkehr besser zu gestalten“ sagt Uwe Garbe, Geschäftsführer der Fachvereinigung Spedition und Logistik im Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen. Der Megahub könne mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene bringen, weil er das „Umsteigen“ zwischen beiden Verkehrswegen erleichtere. Das Transportgewerbe sei froh über jede zusätzliche Alternative - „schauen Sie sich die Autobahnen an“. Zudem leide die Branche unter einem „eklatanten Fahrermangel“, auch das erhöhe den Druck, mehr Güter aufs Gleis zu bringen. Allerdings müssten auch die Flaschenhälse beseitigt werden, die den Schienenverkehr behindern, fordert Garbe und verweist auf unzureichende Streckenkapazitäten im Bahnverkehr.

Der gerade entstehende Megahub hat in Lehrte jedoch nicht nur Freunde. Die Stadt ist zwar überhaupt erst durch die Eisenbahn im 19. Jahrhundert entstanden – und wegen der wichtigen sich dort kreuzenden Bahnstrecken gehört dort das Dröhnen, Rumpeln und Rattern der Güterzüge beinahe zum Lokalkolorit. Allerdings reicht es jetzt vielen Bürgern, die sich deshalb in der Initiative Megaleise zusammengeschlossen haben. Sie wohnen vor allem in einem Ahltener Einfamilienhausgebiet, das etwa 800 Meter von der Umschlaganlage entfernt ist, und fürchten den zusätzlichen Lärm durch die neue Anlage. „Wir sind nicht gegen Logistik. Wir sind nicht gegen die Bahn“, beteuert der Verein, der derzeit Geld für eine Klage sammelt. Dabei gehe es nicht darum, den Megahub noch zu verhindern – das wäre wohl auch aussichtslos. Vielmehr gehe es um den „zukunftssichersten, menschenwürdigsten Schutz vor den unerwünschten Nebenwirkungen der Logistik“ .

Von Albrecht Scheuermann

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