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Weltweit „Wir produzieren ein wertvolles Lebensmittel“
Nachrichten Wirtschaft Weltweit „Wir produzieren ein wertvolles Lebensmittel“
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19:16 09.09.2018
Nordzucker-Chef Lars Gorissen. Quelle: Nils Hendrik Mueller
Hannover

Zucker kommt in Verruf. Zu Unrecht, sagt Nordzucker-Chef Lars Gorissen.

Lebensmittelhersteller wie Nestlé, Danone oder Dr. Oetker wollen den Zuckergehalt ihrer Produkte senken. Das dürfte Ihnen als zweitgrößter deutscher Zuckerhersteller nicht gefallen, Herr Gorissen?

Wir halten diese Strategie nicht für zielführend. Wer sich gesund ernähren will, muss sich ausgewogen ernähren. Wer sein Gewicht reduzieren will, muss die Aufnahme von Kalorien reduzieren. Häufig ersetzen Hersteller in ihren Produkten Zucker durch Stärkeprodukte oder sogar durch Fett – damit ist für die Verbraucher nichts gewonnen, sie nehmen gleichviel Kalorien oder sogar mehr auf. Wir müssen uns vielmehr über einen ausgewogenen Lebensstil Gedanken machen, dabei kommt es aber auf die Kalorienbilanz insgesamt an.

Gleichwohl wird die Zunahme von Übergewicht und Diabetes vor allem dem Konsum von Zucker angelastet – manchen gilt Zucker als das neue Nikotin.

Diese Vorwürfe machen uns betroffen. Zucker ist ein Lebensmittel, das zu einer ganz normalen Ernährung dazugehört. Wenn Zuckerproduzenten und Lebensmittelhersteller – wie jüngst geschehen – in einen Zusammenhang mit Drogenherstellern gerückt werden, dann haben unsere Rübenanbauer und Mitarbeiter das nicht verdient. Wir produzieren ein wertvolles Lebensmittel.

Wenn sich das Image erst einmal dreht, bleibt das meist nicht ohne Einfluss auf die Nachfrage. Spüren Sie das bereits?

Nein. Weltweit steigt der Verbrauch von Zucker weiter, in Europa wird er bestenfalls auf dem heutigen Niveau bleiben, allenfalls leicht sinken. Aber das ist keine neue Entwicklung. Aus gutem Grund ist Zucker Bestandteil vieler Lebensmittel – Zucker hat viele positive Eigenschaften.

Bauern und Produzenten haben nach dem Auslaufen der EU-Zuckermarktordnung die Anbaufläche für Rüben deutlich ausgeweitet. Haben Sie aus dem Verfall der Milchpreise nach dem Ende der Milchquote nichts gelernt?

Für mich ist das eine ganz normale Reaktion, wenn eine Regulierung entfällt. Auch in anderen Branchen wie der Telekommunikation oder der Energie ist die Konkurrenz nach der Marktöffnung größer geworden – das hat die Preise unter Druck gesetzt. Dass die Zuckerpreise in der EU derzeit auf einem historischen Tiefstand liegen, haben wir aber in dieser Größenordnung nicht erwartet.

Wenn alle mehr produzieren, als in Europa verbraucht wird, bleibt als Hoffnungsträger nur der Export...

Wir haben unsere Flächen kaum erweitert. Aber viele Wettbewerber haben in der Tat vor allem auf den Export gesetzt. Doch dieses Ventil steht derzeit nicht zur Verfügung – weil Indien im vergangenen Wirtschaftsjahr seine Produktion um ein Drittel auf 30 Millionen Tonnen Zucker gesteigert hat. Auch in Ländern wie Thailand, Pakistan und Brasilien wird die Produktion über Subventionen angeregt. Das verzerrt den Wettbewerb enorm.

Milchviehhalter sind nicht in der Lage, mal eben auf Geflügelmast umzustellen – Rübenbauern hingegen können auch Raps anpflanzen. Ist das eine Gefahr für Hersteller wie Nordzucker?

Nein. Die Rübe ist und bleibt eine wichtige Frucht auf den Betrieben. Und die Rübe trägt auch unter den aktuellen Rahmenbedingungen zum Betriebseinkommen bei – und hat weiteres Ertragspotenzial. Darüber hinaus sind Landwirte Marktzyklen gewohnt und können damit umgehen. Sie werden sich in der Fruchtfolge an die Preisentwicklung anpassen, ohne eine Frucht ganz herauszunehmen. Unsere Probleme liegen woanders.

Und zwar?

In der Gesetzgebung: Im Pflanzenbau werden in der EU bereits im nächsten Jahr Insektizide verboten, die für den Rübenanbau von zentraler Bedeutung sind. Ab 2020 droht dann auch ein Verbot von wichtigen Herbiziden. Zu diesen Mitteln gibt es aber noch keine wirkungsvollen Alternativen – am Ende bleibt dann die Handarbeit wie vor 40, 50 Jahren. Das kann und will längst nicht jeder Anbauer leisten. Zumal auch die Arbeitskräfte dafür fehlen.

Die sogenannten Neonicotinoide werden verboten, um die Bienen zu schützen. Ohne Bienen keine Landwirtschaft.

Die Gründe für das Verbot sind für uns nachvollziehbar. Aber: Rüben sind keine Blühpflanzen, die für Bienen attraktiv sind. Deshalb appellieren wir an die Politik, für die Zuckerrüben Ausnahmen zu schaffen, zumal eine extreme Verzerrung des Wettbewerbs droht. Andere EU-Länder wie Tschechien oder Ungarn haben für ihre Bauern bereits Ausnahmeregelungen oder längere Übergangsfristen für die Insektizide beschlossen.

Auf der Hauptversammlung haben Sie Ihre Anbauer, die auch Ihre Aktionäre sind, auf „schwere Jahre“ eingestimmt. Wie viele werden es werden?

Das hängt von der Entwicklung der Weltmarktpreise und der Kostensteigerungen beim Rübenanbau ab. Die Flächen und Mengen werden wieder schrumpfen, dann können die Preise wieder steigen.

Auch wenn das zynisch klingt: Hat die Dürre dieses Sommers so gesehen auch etwas Gutes?

Das kann man so wirklich nicht sagen. Wir erwarten eine unterdurchschnittliche Ernte, für konkrete Prognosen ist es noch zu früh. Proberodungen zeigen extrem unterschiedliche Bilder: Standorte in der Mitte Niedersachsens mit guten Böden und ausreichender Wasserversorgung sind sehr gut durch den Sommer gekommen, andere Gebiete – etwa in Sachsen-Anhalt – haben hohe Ausfälle. Ob ein möglicher Preisanstieg für die Bauern die geringere Erntemenge kompensieren kann, glaube ich aufgrund der Marktsituation nicht.

Die Hersteller stehen noch von anderer Seite unter Druck: Zahlreiche Kunden klagen auf Schadensersatz, weil sie sich wegen früherer Kartellabsprachen übervorteilt fühlen. Es steht eine Summe von 500 Millionen Euro im Raum.

Das ist aus unserer Sicht nicht realistisch. Der Markt war während der Zuckermarktordnung reguliert – das galt für die Menge, für Rüben- wie für Zuckerpreise. Wir sind überzeugt, dass kein Schaden entstanden ist.

Dennoch haben Sie Ihre Vorsorge für die laufenden Prozesse zuletzt von 28 auf 75 Millionen Euro erhöht.

Unsere Rückstellungen umfassen Risiken aus verschiedenen laufenden Rechtsstreitigkeiten. Die von Ihnen angesprochenen Verfahren werden viele Jahre laufen und Kosten verursachen. Dafür müssen wir uns wappnen. Wir haben uns aber bereits mit vielen Kunden außergerichtlich und einvernehmlich geeinigt.

Von Jens Heitmann

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