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Weltweit Von der Bastelbude zur Erfolgsfirma
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00:18 10.04.2018
Das Lager von Notebooksbilliger.de in Laatzen. Quelle: Philipp Von Ditfurth
Hannover

 Manchmal wundert sich Arnd von Wedemeyer, wie die Start-up-Welt sich verändert hat. Heutige Unternehmensgründer werden im Fernsehen gecastet, von der Politik gefördert, von Mentoren beraten und von Investoren finanziert. 

Erzählt er von seiner Gründerzeit um die Jahrtausendwende, geht es um andere Themen: Um die Matratze in seinem Laden, auf der er schlief, um Miete zu sparen. Um einen Einbruch in sein Lager, der ihn beinahe in die Insolvenz trieb. Um seine Bank, die ihn wochenlang täglich anrief, weil sein privater Dispo ausgereizt war. Um die Risiken, die er allein trug. Und um den Spaß, den er trotz allem hatte. 

Heute muss der 45-Jährige nicht mehr auf einer Matratze in seiner Firma schlafen. Er hat aus seiner hannoversche Computerbastelbude innerhalb von 15 Jahren den viertgrößten deutschen Online-Händler gemacht. Seine Notebooksbilliger.de AG mit Hauptsitz in Sarstedt machte 2016 über 740 Millionen Euro Umsatz und hat über 800 Mitarbeiter.

Das heißt aber nicht, dass der Gründer sich in einen klassischen Chef verwandelt hat. „Ich hatte nie Spaß daran, Menschen zu führen. Ich treibe lieber in kleinen Teams auf Augenhöhe die Dinge voran“, sagt er. „Ich bin oft ungeduldig und sprunghaft.“ Den CEO-Posten hat er abgegeben. Er kümmert sich lieber um „die eine oder andere strategische Schweinerei“. Arbeit muss Spaß machen, da bleibt er sich treu. 

Es begann Ende der 80er Jahre in seinem Kinderzimmer in Wülfrath bei Wuppertal. Seine Eltern kauften ihm einen PC, und er fing aus Neugier an, zu programmieren. Bald verkaufte er seine Software: „Ich habe aus Interesse an Technik rumgefrickelt. Dann kam jemand vorbei und sagte: ‚Mach das auch mal für mich’“. Einige Kunden wollten Soft- und Hardware aus einer Hand – also fing er an, PCs zusammenzuschrauben. Bald „dealte“ er, wie er es nennt, auch mit Komponenten wie Prozessoren. 

Nach dem Abi versprach er seinen Eltern, eine Lehre zu machen oder zu studieren. Er zog nach Eldagsen bei Hannover, weil er dort auf einem Bauernhof der Familie wohnen konnte. Die Ausbildung bei der Deutschen Bank brach er aber ab: Die Aussicht auf „ein paar Jahre Schalterdienst“ fand er nicht verlockend. Außerdem eckte er ständig in der Bank an, weil er nebenbei – über sein klobiges C-Netz-Handy – weiterhin mit Computerteilen handelte. 

Auch das BWL-Studium schmiss er schnell wieder. Hartnäckig mit Lieferanten zu verhandeln, das machte ihm mehr Spaß. Seine erste PC-Manufaktur in Hannover warf zwar anfangs kaum etwas ab und er pennte auf einer Matratze im Hinterzimmer, aber langsam ging es aufwärts. Bald hatte er eine Handvoll Angestellte, belieferte Firmen und rutschte ins Beratungsgeschäft: Seine Kunden wollten Rechner, Software und Konzepte aus einer Hand.

Dabei entstand ziemlich zufällig Notebooksbilliger. Eine Firma bat ihn um eine Analyse zur Frage, wann sich Online-Handel lohnt. Er kam zu dem Schluss: Nur bei großen absoluten Preisvorteilen, also nur bei teuren Produkten. Anfang der 2000er war das Shoppen im Netz etwas für Mutige. Die Bezahlmethoden waren unsicher, die Anbieter unbekannt. Nur der Schnäppchentrieb konnte Leute bewegen, das Wagnis einzugehen.

Von Wedemeyers Kunde hatte keine hochpreisigen Produkte. Aber beim Bier mit seinen Mitarbeitern fiel ihm ein, dass er selbst welche auf Lager hatte – edle Sony-Notebooks. „Lasst uns das Ganze selbst verproben“, sagte er. „In dieser bierseligen Nacht entstand auch der Name notebooksbilliger.de. Schließlich war das Ziel, ein teures Produkt billiger anzubieten.“ 

Also alles nur Zufall? Eine gute Idee zur richtigen Zeit? Mitnichten: Es gab damals schon viele andere Online-Shops für Technikkram. Fragt man von Wedemeyer, warum er sich durchgesetzt hat, verweist er auf Lehren aus seiner Gründerzeit. Nach einem Einbruch in sein Lager stand er vor dem Aus – nur mit Disziplin und ordentlichen, schlanken Prozessen konnte er überleben. 

Außerdem betont er immer wieder sein „Mantra der Transparenz“. Er habe irgendwann gemerkt, dass den Laptop-Herstellern ziemlich egal war, welche „Ballerbude“ am billigsten verkaufte. Wenn er bessere Einkaufspreise wollte als andere, musste er Kunden wie Herstellern einen Mehrwert bieten: die beste Beratung, dadurch sinnvolle Kaufentscheidungen, weniger Retouren, mehr Markentreue. 

Seitdem baut er seinen Shop mit einer hauseigenen Redaktion zu einer Info-Plattform aus: Wo Konkurrenten nur dürre Datenblätter zeigen, stehen seitenlange Testberichte, außerdem Foren, Bewertungen und ausgeklügelte Suchfilter. Das hilft Kunden, herauszufinden, was sie eigentlich wollen. Vorteile würden herausgestellt, aber auch Nachteile erwähnt, erklärt von Wedemeyer. Tauge ein Laptop nicht für Spiele, stehe das klipp und klar auf der Seite.

Die umfangreiche Kaufberatung sei „ein Alleinstellungsmerkmal gerade gegenüber Amazon“, sagt der Handelsexperte Christoph Langenberg vom EHI Retail Institute. Sorgfältig erstellte Inhalte seien nicht nur ein Beratungsinstrument, sie führten auch zu Top-Platzierungen bei der Suchmaschine Google.

Von Wedemeyer spricht nicht viel über Wettbewerber wie Amazon. Aber er macht deutlich, dass er es liebend gern mit dem Giganten aufnimmt: Er wolle die „Weltherrschaft in Deutschland im Bereich Consumer Eletronics“, sagt er.

Das Unternehmen

Arnd von Wedemeyer ist Gründer und Mehrheitseigentümer der Notebooksbilliger.de AG mit Sitz in Sarstedt. Anders als der Name vermuten lässt, verkauft der Händler vom Smartphone bis zum Kühlschrank beinahe alles, was einen Stecker hat. Gemessen am Umsatz steht er auf Rang vier in Deutschland, hinter Zalando, Otto und Amazon. Viel beachtet wurde die Eröffnung von Läden in Laatzen, München, Düsseldorf und Hamburg – ein untypischer Schritt für Versender. Die Shops seien erfolgreich, weitere Standorte würden geprüft, sagt von Wedemeyer. Er bleibe aber „Online-Fan“.

Von Christian Wölbert

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