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Weltweit Skandal-Möbelriese Steinhoff lädt zur Krisensitzung
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Skandal-Möbelriese Steinhoff lädt zur Krisensitzung
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12:38 20.04.2018
Quelle: dpa
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Amsterdam/Kapstadt

Steuerfahndung, Kündigungen und ein rekordverdächtiges Börsentief: Der Möbelriese Steinhoff steckt seit Ende 2017 in einem Dilemma. Die Bilanzkrise, der den Großkonzern überschattet, gipfelt am Freitag (20.4.) in einer Hauptversammlung in Amsterdam. Und die Nerven der Investoren liegen blank, denn die anhaltende Ungewissheit über das wahre Ausmaß des Bilanzskandals ist bislang unklar. „Es wird turbulent werden“, sagt der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Jürgen Kurz, „denn es geht ja auch um die Frage, wer wann was wusste und ob es rechtliche Ansprüche gibt, um den Kursverlust von fast 97 Prozent abzufedern.“

Aktien im Cent-Bereich

Nach Berechnungen der DSW war Steinhoff 2017 der größte Kapitalvernichter unter Deutschlands Aktiengesellschaften. Die Aktien der Poco-Mutter - mit niederländischer Rechtsform und operativem Sitz in Südafrika - werden seit Monaten nur noch im Cent-Bereich gehandelt, seit nach der starken Expansion der vergangenen Jahre mit diversen Übernahmen zuletzt Zweifel an den Werten der übernommenen Firmen aufkamen.

Als Steinhoff im Jahr 2015 an die Börse ging, sah alles noch vielversprechend aus – der ehemalige Vorstandschef hatte den Konzern durch Investitionen weltweit angesiedelt. Am Ende gehörten mehr als 40 verschiedene Handelsketten mit circa 10.000 Läden zu Steinhoff, darunter beispielsweise der französische Möbelhändler Conforama, die britische Billigkette Poundland und der Matratzenhersteller Mattress Firm aus den USA.

Schwer durchschaubare Unternehmensstruktur

Die weltweite Expansion wurde Steinhoff allerdings zum Verhängnis. Die Konzernstruktur ist schwer durchschaubar. Ein operatives Hauptquartier im südafrikanischen Johannesburg, Rechtssitz in Amsterdam, Europazentrale in Deutschland. Börsennotierungen in Johannesburg und Frankfurt – das stellt die Wirtschaftsprüfer vor eine Herausforderung, die Aktionäre bleiben über die Finanzwege großteils im Unklaren. Nachdem der Verdacht auf Insiderhandel und Bilanzfälschung sich gegen Ende 2017 verschärfte, mussten viele Manager das Unternehmen verlassen, darunter auch der ehemalige Vorstandschef Jooste.

Eine Sondereinheit der Zentralen Kriminalinspektion Oldenburg ist mittlerweile mit den Ermittlungen bedacht, wann diese abgeschlossen sein werden, ist bislang unklar. Der Konzernaufbau und die Bilanzmeldungen, die vielfach auf Englisch verfasst sind, erschweren die Arbeit, wie boerse-online berichtet. Die Jahresabschlüsse für die Jahre 2015 und 2016 hat die Steinhoff-Gruppe bereits offiziell zurückgezogen, nachdem sich die Hinweise auf Verfälschung verdichteten. Unklar ist nun, ob auch frühere Bilanzen überprüft werden müssen - auch hier liegen erste Hinweise auf Manipulationen vor.

Afrikanische Finanzaufsicht fordert Transparenz

Nicht nur die Aktionäre sind aufgebracht, in Südafrika wie auch Deutschland beschäftigt der Konzern bereits seit längerem die Behörden. Die Finanzaufsicht Bafin etwa droht der kriselnden Muttergesellschaft mit einem Zwangsgeld in Millionenhöhe, wenn es nicht die Finanzberichterstattungspflichten einhält. Das heißt konkret: Der Abschluss fürs Geschäftsjahr 2016 muss neu erstellt werden, der für die zwölf Monate bis Ende September 2017 wurde gar nicht erst veröffentlicht, was nachgeholt werden soll.

Grüne wollen Klarheit über betroffene Banken

In Niedersachsen, wo der Konzern seine Wurzeln hat, werfen die oppositionellen Grünen im Landesparlament ebenfalls Fragen nach den Hintergründen der möglichen Bilanzfälschungen auf. Der Grünen-Abgeordnete Stefan Wenzel möchte etwa in seinem Fragenkatalog wissen, welche Unternehmensteile die Steinhoff Familienstiftung in Westerstede oder die Steinhoff Familienholding GmbH Oldenburg halten, welche Institutionen ermitteln und welche Banken in welchem Ausmaß betroffen sein könnten. Von Westerstede aus würden auch heute noch Teile des Geschäfts der an den Börsen in Frankfurt und Johannesburg (Südafrika) gelisteten Gruppe gesteuert, so Wenzel. Er wirft die Frage auf: „Welche Wirtschaftsprüfer haben die etwa 700 Tochterunternehmen des Konzerns in den letzten 10 Jahren geprüft?“

Das Unternehmen sitzt zudem auf Schulden in Milliardenhöhe und hatte sich in jüngster Zeit von Unternehmensteilen getrennt, um wieder Geld in die Kassen zu spielen. „Hauptfrage der Versammlung wird sicherlich auch sein, wie es weitergeht: Ist man jetzt hoffnungslos überschuldet oder gibt es noch Perspektiven für das Geschäftsmodell?“, sagt Aktionärsvertreter Kurz. Er beklagt: „Wir haben ja nach wie vor eine Situation, in der wir keine Zahlen haben.“

Aufsichtsrat wird ausgewechselt

Die von Firmengründer und Namensgeber Bruno Steinhoff aus dem niedersächsischen Westerstede aufgebaute Gruppe gilt als Europas zweitgrößter Möbelkonzern hinter Ikea. Bei dem Aktionärstreffen sollen die wichtigsten Fragen zur aktuellen Situation des Konzerns geklärt werden, außerdem soll der Aufsichtsrat teilweise ausgewechselt werden. Die Hauptversammlung findet in Amsterdam statt und wird Live nach Kapstadt übertragen, wo eine weitere Firmenzentrale liegt.

Von RND/dpa/lf

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