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Weltweit Starke Männer, schwache Währungen
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Starke Männer, schwache Währungen
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12:07 12.04.2018
Die Präsidenten Erdogan (links) und Putin: Markige Worte, aber wirtschaftlich massive Probleme – im Verhältnis zum Euro sind die Währungen ihrer Länder massiv gefallen. Quelle: imago
Hannover

Für die russische Wirtschaft hat die Woche nicht gut begonnen. Schon am Montag brachen reihenweise die Aktienkurse ein, der Leitindex rutschte um mehr als 7 Prozent ab. Und der Rubel war am Ende des Tages plötzlich 4 Prozent weniger wert.

Was war das? Nur ein außergewöhnlich unruhiges Tagesgeschäft, wie es immer mal vorkommen kann an den Börsen?

Eine tiefer liegende Schwäche Russlands

Experten deuten auf etwas Ernsteres, sie sehen Anzeichen für eine tiefer liegende Schwäche Russlands. Denn dem schwarzen Montag folgte gestern prompt ein schwarzer Dienstag: Der Rubel sackte abermals weg, diesmal um 4,5 Prozent.

Inzwischen notiert die russische Währung auf dem schwächsten Stand seit der Krimkrise vor vier Jahren.

Schwache Lira macht ausländische Waren für Türken unerschwinglich

Ein ähnliches Bild bietet die Währung der Türkei. Zwar meldet das Land weiterhin verblüffend hohe Wachstumsraten, vielerorts drehen sich die Kräne. Doch wegen eines fortlaufenden Wertverlusts der Lira kommt von dem auf den offiziellen Charts der Regierung stetig wachsenden Wohlstand nichts beim türkischen Durchschnittsbürger an. Die Geldentwertung lässt schon für regionale Produkte die Preise unangenehm steigen – und sie macht Produkte aus dem Ausland erst recht unerschwinglich. Für einen Euro gibt es seit gestern 5 Lira – so schwach stand der Kurs der türkischen Währung noch nie.

Erdogans Trick mit den Kreditprogrammen

Immer wieder hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan das Wachstum in seinem Land durch Kreditprogramme angekurbelt. Anfangs geschah dies in einem seriösen Kontext: Für Infrastrukturprojekte, etwa Straßen und Brücken, flossen sehr große Summen, auch aus der Europäischen Investitionsbank (EIB).

Als jedoch in Brüssel und Berlin die Enttäuschung über Erdogans rechtsstaatswidrigen Kurs wuchs, senkte die EIB auch ihre finanzielle Unterstützung. Inzwischen zweifeln auch private Geldgeber an der Solidität der Türkei: Im Augenblick wolle Erdogan lediglich irgendein Strohfeuer entzünden, um seine Bevölkerung bei Laune zu halten.

Warnung vor Inflation in der Türkei

Michael Hüther, Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft, warnte schon im vorigen Jahr vor der im Rest der Welt wenig beachteten Inflation in der Türkei. Inzwischen blicken die Ökonomen dort auf eine Geldentwertung von mehr als 10 Prozent – seit mittlerweile acht Monaten in Folge.

Hier und da macht schon das hässliche Wort vom möglichen „meltdown“ der Türkei die Runde: Ein am Ende überhitzter Boom, durch immer mehr und immer wertloseres Geld befeuert, könnte übergangslos in einen Crash führen.

Alarmsignal Handelsbilanzdefizit

Zu den Alarmsignalen in der Türkei zählt neben der viel zu hohen Inflation auch das sprunghaft steigende Handelsbilanzdefizit. Es wuchs im März gegenüber dem Vorjahr plötzlich um fast 28 Prozent. Die Türkei produziert zu wenig, was auf dem Weltmarkt attraktiv wäre, aber sie importiert fröhlich weiter – das Land lebt über seine Verhältnisse. Kredite zu bekommen, dürfte aber für Erdogan immer schwerer werden. Die US-Ratingagentur Moody’s stufte jüngst türkische Staatsanleihen herab auf Ramschniveau. Erdogan grollte, Moody’s sei nicht so wichtig. Doch die Unsicherheiten blieben. Letzte Woche hieß es, Erdogan werde seinen für Wirtschaft zuständigen Vizepremier Mehmet Simsek entlassen – sofort rutschten die Kurse in den Keller, quer durch die Branchen.

Sanktionen wirken sich auf Russlands Wirtschaft aus

Aus Moskau wird derzeit über eine ähnliche Stimmung berichtet. Der Glaube an wirtschaftsfreundliche Reformen lässt nach – während die Währung verfällt. Schärfer als erwartet trafen die Russen zudem die jüngsten US-Sanktionen. Washington hatte Maßnahmen gegen 24 Einzelpersonen verkündet, darunter Konzernlenker wie Oleg Deripaska, Eigentümer des Aluminiumherstellers Rusal. Für ihn wurde ein Alptraum war: Erst musste er einräumen, dass die Sanktionen „negative Auswirkungen“ auf seine Firma haben könnten, dann verloren Anleger tatsächlich reihenweise ihr Vertrauen – und es folgte ein Absturz der Aktien um 47 Prozent. Milliardenwerte waren vernichtet.

Putin fokussierte sich zu sehr auf Militär und Medien

Neue Nervositäten dieser Art mischen sich in Russland mit der alten Klage, dass generell zu wenig vorangehe in Wladimir Putins Riesenreich. Nach wie vor fehlt eine investitionsfreudige Szenerie aus kleinen und mittleren Unternehmen, nach wie vor auch räumen Gesprächspartner hinter vorgehaltener Hand ein, Putin habe seine Modernisierungsanstrengungen allzu sehr auf Militär, Geheimdienste und das staatlich kontrollierte Fernsehen konzentriert.

Seit dem Jahr 2014 steigt wieder die – zuvor von Putin reduzierte – Zahl der Armen in Russland. Die Kaufkraft der Menschen lässt nach, quer durch die Schichten. Vor fünf Jahren ließen die Russen fast drei Millionen neue Autos zu, im vorigen Jahr nur noch 1,6 Millionen.

Putin hat, wie Erdogan, viele Anhänger hinter sich gebracht mit dem Versprechen von Aufstieg und Aufschwung. In Staaten, deren Währung verfällt, wird es aber auf Dauer unmöglich, real den Wohlstand zu mehren. Schon die bloße Simulation eines Booms, sagen Experten, könnte in der Türkei ebenso wie in Russland künftig misslingen.

Von Matthias Koch/RND

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