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Weltweit Susanne Treptow:„e.on gibt es in zehn Jahren nicht mehr“
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Susanne Treptow:„e.on gibt es in zehn Jahren nicht mehr“
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00:15 21.04.2013
„Die großen Konzerne mit ihren Riesenkraftwerken braucht niemand mehr – die Zukunft liegt in der dezentralen Erzeugung in kleineren Einheiten“, so Treptow. Quelle: Pollock
Hannover/Hameln

Frau Treptow, e.on will Gaskraftwerke stilllegen, weil sie angeblich nicht mehr rentabel sind – die Stadtwerke Hameln hingegen bringen bald mit Partnern so ein Kraftwerk ans Netz: Wer kann da nicht rechnen?

Gute Frage. Es ist leider richtig, dass Gaskraftwerke zurzeit kein Geld verdienen. Aber das ändert nichts daran, dass wir sie brauchen: Wegen ihrer Flexibilität sind Gaskraftwerke die ideale Ergänzung zum Ausbau der erneuerbaren Energien, den wir ja alle wollen. Das Problem ist nur: Früher rechneten sich Gaskraftwerke bei teuren Leistungsspitzen, insbesondere am Mittag. Diese Spitzen werden durch den Ausbau der Photovoltaik zunehmend kompensiert – folglich werden die Gaskraftwerke zu Spitzenzeiten weniger benötigt. Die Politik muss daher die Rahmenbedingungen ändern.

Wenn Versorger kein Geld verdienen, wird schnell der Ruf nach dem Gesetzgeber laut. Ist das nicht ein bisschen billig?

Das könnte man meinen – aber hier hilft ein Blick auf die Fakten. Weil die Sonne nicht dauernd scheint und der Wind nicht immer weht, ist ein Mix aus erneuerbaren Quellen und konventionellen Kraftwerken nötig, um die Sicherheit der Versorgung zu gewährleisten. Diesen Mix muss man austarieren. Zurzeit haben wir einen Wildwuchs, der niemandem nützt.

Niemandem? Die Betreiber von Wind- und Solaranlagen profitieren von der Vorfahrt für Ökostrom, die Braunkohlemeiler brummen, weil die Preise für die Luftverschmutzungszertifikate verfallen ...

Ja, aber es kann ja wohl nicht sein, dass die größten Dreckschleudern und die teuerste Energieform die Profiteure der Energiewende sind! Wir müssen uns fragen, was wir uns leisten wollen und dann ein neues Design für den Markt entwickeln.

Das klingt nach neuen Vorschriften ...

Ich glaube, dass wir an einem Quotenmodell nicht vorbeikommen: Der Staat sollte einen fixen Anteil erneuerbarer Energien und eine maximale CO2-Belastung im jeweiligen Vertriebsportfolio festschreiben – diese Mengenvorgabe müssen die Lieferanten verbindlich erfüllen. Damit schaffen wir die Voraussetzung dafür, dass emissionsarme Kraftwerke rentabel laufen können.

Auch die Stadtwerke Hameln wollten sich einmal an einem Windpark auf dem Meer beteiligen, davon ist heute keine Rede mehr ...

Im Offshore-Bereich haben sich viele eine blutige Nase geholt, weil die Risiken aufgrund der großen Wassertiefen und weiten Entfernungen zur Küste zu hoch sind. Das gilt im Übrigen auch für die Kosten: Eine auf dem Meer produzierte Kilowattstunde Strom wird mit 19 Cent vergütet, an Land sind es 9 Cent. Die Stromerzeugung auf See erscheint mir zu teuer.

Offenbar nicht nur Ihnen: Immer mehr Unternehmen flüchteten sich wegen der steigenden Kosten für die Energiewende in die Eigenerzeugung, heißt es.

Das kann ich keinem verdenken. Wer sich ein mit Gas betriebenes Blockheizkraftwerk auf den Hof stellt, spart die Stromsteuer, die Netzentgelte, die Konzessionsabgabe sowie die Umlagen für das Erneuerbare-Energien-Gesetz, die Kraft-Wärme-Kopplung, die § 19 Abs. 2 Strom-NEV und die Umlage für die Haftung für die Anbindung der Offshore-Parks – alles in allem rund 12 Cent pro Kilowattstunde.

Konzerne wie e.on reagieren auf Kundenverluste, indem sie sich aus der Fläche zurückziehen und ihre Regionalversorger verkaufen. Sie hingegen haben im Weserbergland gleich drei neue Stadtwerke mit aus der Taufe gehoben. Wie passt das zusammen?

Sehr gut. Die großen Konzerne mit ihren Riesenkraftwerken braucht niemand mehr – die Zukunft liegt in der dezentralen Erzeugung in kleineren Einheiten. Unternehmen wie e.on haben einseitig auf die Atomkraft gesetzt und die Energiewende verschlafen. Nun werden sie vom Willen der Bevölkerung überrollt. Außerdem haben die Konzerne ihre Kunden vernachlässigt und nur Interessen ihrer Aktionäre im Blick. Hohe Preise und schlechter Service haben nun einmal Konsequenzen.

Aber Geld verdienen wollen die Stadtwerke doch auch.

Natürlich. Die Frage ist nur, wo das Geld am Ende bleibt. Wenn ein Konzern wie e.on viele Aufgaben zentralisiert und sich aus der Fläche zurückzieht, haben die Gemeinden nichts davon: keine Arbeitsplätze und keine Aufträge für die Unternehmen vor Ort – dafür landen die Bürger im Callcenter und persönliche Ansprechpartner fehlen. Das kommt früher oder später auch bei den Bürgermeistern an, die über die Vergabe von Konzessionsverträgen nachdenken.

Offenbar muss man sich um e.on & Co. Sorgen machen: Energiewende verschlafen, ein Kraftwerkspark, der sich nicht rechnet, immer mehr Konzessionsverträge futsch ...

Ich gehe davon aus, dass es e.on in zehn Jahren nicht mehr geben wird.
 

Interview: Jens Heitmann

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