„Das war wie ein Lottogewinn“, erinnern sich die Eheleute Süß. Als sie 1961 die Zusage für eine Wohnung bekamen, musste Vater einen Schnaps trinken, die Kinder bekamen Schokolade. Familie Süß gehörte zu den vielen Familien, die in den 50er/60er Jahren in Göttingen mit Kind und Kegel unter unzumutbaren Verhältnissen lebten und schließlich im Wilamowitzweg eine Wohnung bekamen.
Dort hatte die Städtische Wohnungsbau ihre ersten Häuser errichtet, die 1961 bezugsfertig waren. Familie Süß gehörte zu den Glücklichen ebenso wie Familie Weinhold, die zuvor in einer Gartenlaube gelebt hatte. Auch Familie Gremmel musste sich mit ihren Kindern nicht länger ein Zimmer teilen. Gisela Gremmel erinnerte sich: „Jeden Tag ging ich durch die Wohnung, schaltete das Licht an und aus und fragte mich, ob das wirklich wahr sein kann.“ Sie wohnt heute noch, nach 49 Jahren, im Wilamowitzweg. Dr. Sylvia Möhle hat die 50-jährige Geschichte der StWB zurückverfolgt und hat für die Jubiläums-Chronik die wichtigsten Fakten gesammelt. Die Historikerin erinnert in ihrem Aufsatz „Der Wohnungsnot energisch zu Leibe rücken“ an Baulandmangel und an Wohnungsbaugesetze, die aber den sozial schwachen Familien nicht helfen konnten.
350 Wohnungen wurden pro Jahr zwischen 1953 und 1955 gebaut, 860 jährlich hätten es sein müssen. Möhle zitiert das Göttinger Tageblatt, das im Februar 1956 schreibt: „Ein zugiger Bodenverschlag dient einem Ehepaar und ihrem eineinhalbjährigen Kind als Wohnung. Die Frau erwartet in Kürze ihr zweites Kind.“ Kein Einzelfall, wie Möhle bemerkt. Viele Familie lebten zusammengepfercht auf engstem Raum. Tausende warteten in Göttingen auf Wohnungen, das Wohnungsamt konnte jedoch über eine Mangelverwaltung kaum hinauskommen.
Notunterkünfte am Greitweg, an der Eiswiese, der Grätzelstraße und im Ebertal wurden errichtet. Allein im Ebertal/Himmelsbreite, so schreibt Möhle, wohnten in 80 Baracken rund 1000 Menschen. 1959 fehlten in Göttingen 5200 Wohnungen.
Oberstadtdirektor Erich Biederbeck (FDP) präsentierte am 22. Januar 1960 eine Wohnungsbau-Vorlage, die die Gründung einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft vorschlug. Am 1. April 1960 nahm der Rat der Stadt mit breiter Mehrheit aller Fraktionen die Ratsvorlage zur Gründung einer GmbH an. Die Stadt sollte an der Gesellschaft mindestens 75 Prozent des Stammkapitals halten. Am 15. Juli beschloss der Rat die Beteiligung der Stadt an der neu gegründeten Städtischen Wohnungsbaugesellschaft mbH mit einem Stammkapital von 637 500 DM. Die Niedersächsische Heimstätte (später Niedersächsische Gesellschaft für Landesentwicklung und Wohnungsbau mbH Nileg) brachte 112 500 DM an Stammkapital ein. Am 3. November erfolgte die Beurkundung der Gesellschaft. Geschäftsführer wurde Stadtrat Helmut Busse, Kaufmännischer Direktor Friedrich Bleibaum. Die Geschäftsräume befanden sich in der Pauliner Straße 14-16, der heutigen Stadtbücherei. Im Oktober 1963, so die Aufzeichnungen von Möhle, wurde die StWB unabhängige GmbH und Wolfgang Lühmann zunächst Prokurist, ab 1965 bis zu seinem Ruhestand 1998 Geschäftsführer. Sein Nachfolger wurde Rolf-Georg Köhler, der heute die StWB (34 Beschäftigte, 4490 Wohnungen, 14 528 Mieter, 16 163 Zimmer) leitet.
Unter Lühmanns Geschäftsführung wurden in den ersten 4,5 Jahren rund 2000 Wohnungen in Göttingen gebaut. Auf das Projekt am Leineberg mit 675 Wohnungen folgten Großprojekte am Königsstieg / Ernst-Abbe-Straße (164 Wohnungen), am Steinsgraben / Lönsweg (442), am Tegeler Weg (444). Größtes Bauvorhaben war der Holtenser Berg, auf dem die StWB nach 15 Jahren ihre 3000ste Mietwohnung fertigstellte. Das aktuell umfassendste Projekt ist der Windausweg. Hier baut die StWB 72 der insgesamt 210 Wohnungen. Zusammen investieren dort StWB, Volksheimstätte und Wohnungsgenossenschaft 35 Millionen Euro.
Die Chronik „50 Jahre Städtische Wohnungsbau GmbH Göttingen – Eine Erfolgsgeschichte“ kann kostenlos angefordert werden unter www. swb-goettingen.de
Von Hanne-Dore Schumacher
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