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Frieder Glatzer ist Meister des Filzhandwerks

Mit Wolle, Seife und Kraft im Filzrausch


Ein bisschen Wolle, Wasser und Seife, hier ein wenig zupfen, klopfen, reiben – es sieht nicht wirklich schwer aus, was Frieder Glatzer macht. Der erste Eindruck jedoch täuscht. Filzen nämlich ist eine Wissenschaft für sich. Zunächst ist natürlich die Wahl der Wolle zu treffen. Der Filzkönig aus Niedersachsen setzt auf australische Merino-Wolle, das Feinste vom Feinen. Sie ist nicht nur kuschelig, sondern „schnellstfilzend“. Und darauf kommt es dann.

Vor den Vliesballen in 200 Farbvarianten: Frieder Glatzer mit seinem Lieblingshut Typ „Gaukler“ von 1995.

© Vetter

Dann das Wasser. Es darf nicht kälter als 40, nicht wärmer als 60 Grad sein. Ganz wichtig auch die Wahl der Seife, die die Oberflächenspannung der Wolle lösen soll. Glatzer nimmt Olivenseife, die er direkt aus Frankreich importiert. Tonnenweise. „Hautschonend“ sei das Produkt aus Marseille, schwärmt der 44-Jährige, und raspelt eine Handvoll ins wohltemperierte Wasser.
Noppenfolie oder Gummi
Es sieht ein bisschen so aus, als wollte der Filzfachmann einen Kuchen backen: Die Rührschüssel mit dem Wasser, die Vierkant-reibe für die Seife, der Schneebesen, mit dem die Lauge geschlagen wird. Der Eindruck täuscht: Hier wird gefilzt. Wir sind in der Werkstatt, nicht in der Küche. Glatzer demonstriert „das älteste Textilhandwerk der Welt“: Zunächst wird eine Schablone aus Noppenfolie oder Moosgummi geschnitten. Darauf und drumherum zupft Glatzer unterschiedlich gefärbte Wolle, die mit Lauge aus einer Filzbrause Marke Eigenbau benetzt wird. Dann beginnt der eigentliche Kraftakt. Filzen ist harte Arbeit. Unter ständigem Drücken, Walzen, Wenden, Befeuchten, Rollen und Kneten schrumpft das Vlies um gut 40 Prozent. Dass, was mir zu Hause die Tränen in die Augen treibt, der Anblick eines zu heiß gewaschenen Pullovers nämlich, ist hier Ziel der ganzen Mühe und ausdrücklich gewünscht: Die Wolle verfilzt.
Was nun ist der Vorteil des geschrumpften, verfilzten Materials? „Schmutzabweisend, robust, warm, individuell“, erklärt der Fachmann. „Es entstehen Farbmuster, die kann man nicht weben“, erklärt der gebürtige Lenglerner, während er die Schablone, die ohne Nadel und Faden inzwischen im Filzvlies verschwunden ist, mit Hilfe einer Wollschere entfernt. Jetzt wird noch die Seife mit lauwarmem Wasser ausgewaschen, „sonst geht die Wolle kaputt“. Ein Schuss Essig ins letzte Spülwasser. Perfekt.
Frieder Glatzer hat Spaß an der Arbeit. Selbst wenn es sich nur um eine kleine Demonstration wie diese handelt. Dabei ist es mehr als 15 Jahre her, dass er sein Geschäft „Filzrausch“ eröffnete. Damals war er Pädagogikstudent in Göttingen, kam über Weiterbildungsangebote für Jugendliche mit dem Thema Filzen in Berührung und fing Feuer. Aus dem Hobby wurde bald mehr. Ab 1994 bot er seine gefilzten, knallbunten Hüte auf dem Schwabinger Weihnachtsmarkt an. Sieben Jahre lang tummelte sich der Südniedersachse zwischen Ausstellern aus zehn Ländern, die alle ausschließlich selbstgefertigte Ware verkauften. Während der Vorbereitungen für den „besten Weihnachtsmarkt Deutschlands“ entstand auch der Firmenname. Nächtelang habe er mit Kollegin Christine Tischkau gefilzt, „da kommt man in Rausch“ – Filzrausch.
1996 ging der Wolllieferant pleite. Seitdem hat Glatzer die Warenbeschaffung selbst in die Hand genommen. Mit 20 Kilo fing alles an, heute handelt er mit zehn Tonnen im Jahr. Das Färben übernehmen Spezialbetriebe in Deutschland und Österreich, gekämmt wird die Wolle in Sebexen hinter Northeim.
Künstlerisch ambitioniert
Mit vier Wettbewerbern teilt sich Glatzer den deutschen Filzmarkt. Man stehe nicht in Konkurrenz, jeder habe sein eigenes Programm, ist dem Göttinger wichtig. Schwerpunkt seiner Firma: „Superfeine Filzwolle“. Im Atelierhaus der Musa im Hagenweg 2b ist der Sitz der Firma. Von hier aus werden alle Kunden beliefert, 10 000 sind in der Kartei.
50 Prozent seiner Kunden, so sagt er, sind künstlerisch ambitioniert. Aber auch Schulen und Kindergärten werden mit Wolle, Vlies und Werkzeugen versorgt. Das Gros des Geschäfts läuft über Internet. Einmal in der Woche, mittwochs von 14 bis 16.30 Uhr, ist das Geschäft für den Direktverkauf geöffnet. Dann wird auch über das Kursangebot informiert – für Anfänger und Fortgeschrittene, auch über Filz-Camps in der Altmark. Glatzer selbst, mit Nedde Wiesneth verheiratet und Vater von drei Kindern, hat sich eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt: Er will eine Jurte (fünf Meter Durchmesser) ganz aus Filz arbeiten. Das Foto zeigt einen Gargoyle, gefilzt von Filzrausch-Mitarbeiterin Kerstin Dierig.

Von Hanne-Dore Schumacher

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