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20:00 07.02.2018
Trotz aller Warnhinweise: In Deutschland raucht nach wie vor ein Viertel aller Erwachsenen – eine hohe Zahl im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Quelle: gpt
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Hannover

Rauchen ist tödlich, das steht unmissverständlich auf der Zigarettenschachtel. Wie tödlich, zeigt die Statistik: Um die 120.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen des Rauchens. Und trotzdem raucht hierzulande immer noch gut ein Viertel der Erwachsenen, 30 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen sind Raucher. „Das ist eine hohe Zahl, auch im Vergleich mit anderen europäischen Ländern“, sagt Heino Stöver, Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS). Nur bei Jugendlichen geht der Anteil der Raucher deutlich zurück.

Warum aber konsumieren immer noch so viele Menschen Zigaretten, wohl wissend, wie schädlich das ist? Suchtforscher Stöver erklärt es so: „Rauchen befriedigt urmenschliche Grundbedürfnisse, nämlich, etwas im Mund und zwischen den Fingern zu haben.“ Der Lungenzug bewirke eine „Körpersensation“, Tabakrauch sei eine psychotrope (auf die Psyche wirkende) Substanz mit aufputschender Wirkung. „Zudem wird Rauchen immer noch als gesellig empfunden. All das macht es nach wie vor so attraktiv.“

Die Präventionsmaßnahmen sind nicht zeitgemäß

Hinzu käme, dass die gängigen Präventionsmaßnahmen nicht zeitgemäß seien. Wenn die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Raucherentwöhnungpakete mit Knetbällen verschicke (um die Hände beschäftigt zu halten), komme das „vergleichsweise altbacken daher“, kritisiert Stöver. Zudem ist das Rauchen bei Menschen mit schlechteren Bildungsabschlüssen stärker verbreitet – diese würden von Anti-Raucher-Infomaterialien bisher kaum angesprochen. „Bei der Aufklärung muss man andere Wege gehen. Klare Botschaften vermitteln und dabei neue soziale Medien miteinbeziehen. Wie man erfolgreich Kampagnen gestaltet, das kann man sich bei der Tabakindustrie abschauen“, sagt Stöver. „Und man müsste stärker als bisher endlich auch Tabus thematisieren, wie zum Beispiel das Rauchen in der Schwangerschaft.“

Schockfotos auf Zigarettenschachteln scheinen nicht genug abzuschrecken. Quelle: dpa

Die klassische Zigarette wir verdrängt

Stöver glaubt zwar, dass die klassische Zigarette, ähnlich wie das Auto mit Verbrennungsmotor, in einigen Jahren ohnehin ausgedient haben wird. Sie werde durch die E-Zigarette verdrängt, die nach heutigem Stand der Wissenschaft weniger schädlich ist. Solange könne man aber nicht warten. Und am besten gelinge der Ausstieg aus der Sucht ohnehin mit der „Schlussstrichmethode“, sagt der Experte: Fast drei Viertel der Raucher, die erfolgreich aufhören, haben ihren Zigarettenkonsum von einem Tag auf den anderen eingestellt – ohne Ersatzprodukte zu nutzen.

Friedrich Wiebel ist Bundesvorsitzender des ärztlichen Arbeitskreises Rauchen und Gesundheit. Er glaubt, dass vielen Rauchern die Risiken nicht zur Genüge bewusst sind. „Es wird immer so getan, als ob die Öffentlichkeit ausreichend informiert wäre, das ist aber nicht so.“

Rauchen steigert das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken

Zigaretten zu rauchen sei im Grunde das Gleiche wie „seinen Mund an einen Auspuff zu halten“, sagt Wiebel. Thematisiert werde immer der Lungenkrebs, der ja auch für 30 Prozent der Todesfälle durch das Rauchen verantwortlich ist: „Raucher haben ein 20-mal höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, als andere.“ Weitere 30 Prozent werden aber durch die chronisch obstruktive Bronchitis (COPD) verursacht, eine qualvolle Krankheit, bei der die Patienten nach langem Leiden praktisch ersticken. An dritter Stelle stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die durch das Rauchen ausgelöst oder begünstigt werden. Dazu kommt das erhöhte Krebsrisiko entlang der „Rauchstraße“ im Körper, in Schlund, Rachen und Mundhöhle und ferner zum Beispiel auch ein erhöhtes Risiko für Bauchspeicheldrüsen- oder Gebärmutterhalskrebs.

„Wer nur wenige Zigaretten raucht, sollte sich nicht in Sicherheit wiegen“, sagt Wiebel. Zwar sinke dann das Krebsrisiko. „Auf das Gefäßsystem des Körpers können aber schon sehr kleine Dosen Rauch und selbst E-Zigaretten einen starken Effekt haben.“ Herz-Kreislauf-Krankheiten werden dadurch begünstigt.

Zigaretten müssten noch teurer sein

Wiebel weiß aber auch, wie schwer das Aufhören ist. „Die meisten fangen früh mit dem Rauchen an, und wer einmal abhängig ist, kommt nicht mehr davon los. Es ist wie eine harte Droge, die Sucht wird oft unterschätzt. Nur 2 bis 3 Prozent der Raucher, die es versuchen, gelingt die Entwöhnung.“ Er sieht Raucher daher vor allem als Opfer der Tabakindustrie: „Wer Produkte verkauft, von denen er weiß, dass sie tödlich sind, begeht eine fahrlässige Tötung. Und der Staat, der nicht entschieden genug dagegen vorgeht, gibt die Lizenz zum Töten. Man muss verhindern, dass Leute an etwas sterben, nur weil jemand damit Profit machen will.“ Zigaretten müssten noch teurer werden, der Nichtraucherschutz weiter ausgebaut, und die Werbung endlich komplett verboten werden. Selbst wenn alle irgendwann auf das „Dampfen“ von E-Zigaretten umsteigen, würde Wiebel sich weiterhin engagieren: „Weil die auch nicht unschädlich sind.“

Mit der E-Zigarette vom Tabak loskommen? Keine gute Idee, denn das Dampfen füttert das Suchtgedächtnis von Rauchern.- Quelle: dpa-tmn

Hilfe für ausstiegswillige Raucher

Die regionale Nichtraucherinitiative Wiesbaden ist mit über 400 Mitgliedern die größte ihrer Art in Deutschland. Bundesweit bekannt wurde sie, nachdem sie 2008 Helmut Schmidt angezeigt hatte. Kurz nach dem Inkrafttreten der Nichtraucherschutzgesetze hatte der ehemalige Bundeskanzler in einem Hamburger Theater geraucht.

Die Initiative bietet Beratungen für ausstiegswillige Raucher an, rauchfreie Stammtische und Kegelabende. „Die Mehrheit der Nichtraucher hat heute das Gefühl, dass für ihren Schutz schon alles getan sei“, sagt der Vorsitzende Horst Keiser. „Wir aber sagen, auch die Raucher selbst müssen geschützt werden. Und vor allem ihre Kinder, die es sich von den Eltern abschauen oder durch Passivrauchen geschädigt werden.“

Ein Rauchverbot in den eigenen vier Wänden, wenn sich dort Kinder aufhalten – wäre das tatsächlich denkbar? Warum nicht, fragt Keiser: „Eine Wohnung, in der Kinder leben, darf ja auch nicht verwahrlost sein, weil davon Gesundheitsgefahren ausgehen.“ Und Horst Keiser hat schließlich schon vieles geschafft: „Früher hieß es noch, ich würde es nie erreichen, dass am Arbeitsplatz nicht mehr geraucht wird.“

Mit dem Rauchen aufhören

Wer mit dem Rauchen aufhören möchte, sollte in den Tagen zuvor Tagebuch führen. Darin notiert der Raucher, wann und warum er zur Zigarette greift. So macht er sich klar, welche Situationen nach dem Aufhören schwierig werden könnten, erklärt Christina Rummel von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Diese Situationen gilt es in der ersten Zeit zu vermeiden.

Manches lässt sich allerdings nicht umgehen, die Mittagspause bei der Arbeit etwa oder das Warten auf den Bus. Es hilft eventuell, sich dafür vorher eine Ersatzhandlung zu überlegen. Wer zum Beispiel in der Pause mit einem Nichtraucher spazieren oder essen geht, verspürt das Verlangen idealerweise nicht ganz so stark. Dass es sich lohnt, komplett mit dem Rauchen aufzuhören, hat gerade eine neue Studie gezeigt. Demnach schadet schon eine Zigarette am Tag der Gesundheit.

Von Irene Habich/RND

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