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Blitztod auf dem Feld

Kambodscha Blitztod auf dem Feld

95 Kambodschanern wurden vergangenes Jahr durch Blitzschlag getötet – so viele wie nie zuvor. Viele Menschen sehen übernatürliche Kräfte am Werk – und der Volksglaube kennt mehrere Rituale, die die Opfer wieder ins Leben zurückholen sollen.

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Viele Menschen fürchten sich vor dem Blitztod auf dem Reisfeld.

Quelle: afp/Sothy

Es nieselte, als Pang Nop mit seinem Fahrrad nach Hause fuhr. Er hielt kurz an, um Kiesel für seine Steinschleuder zu sammeln, dann traf ihn der Blitz und zeichnete einen großen Fleck auf seinen Nacken. Der Junge fiel zu Boden - tot. „Plötzlich sahen wir ihn da liegen“, erzählt der Onkel des 14-Jährigen, Uy Saroeurn, der gerade auf einem nahegelegen Reisfeld arbeitete.

Pang Nop ist einer von 95 Kambodschanern, die vergangenes Jahr durch Blitzschlag getötet wurden - so viele Blitztote wie nie zuvor. 2007 waren 45 Menschen in dem südostasiatischen Land vom Blitz erschlagen worden. „Die meisten Toten waren Bauern, die während eines Gewitters weiter auf ihren Reisfeldern arbeiteten oder ihre Herden hüteten“, sagt der Wetterexperte Long Saravuth vom kambodschanischen Ministerium für Wasser und Meteorologe. „Diese Leute sollten besonders auf der Hut sein, aber sie suchen sich keinen Unterstand, wenn es regnet.“

In dem tropischen Land mit seinen vielen Flüssen und Seen bilden sich besonders häufig spezielle Wolkenformationen, die zu heftigen Gewittern mit Blitzen führen, wie Long Saravuth erklärt. Oft schweben diese dicken Wolken nur 50 Meter über der Erde.
Als sich die letzte Regenzeit ihrem Ende näherte, berichteten die Lokalzeitungen fast täglich von neuen Blitzopfern: Bauern, Fischer und auch Fußballer wurden getroffen. Viele Kambodschaner betrachten die Toten nicht als Opfer eines Wetterphänomens, sondern sehen übernatürliche Kräfte am Werk. „Noch nie zuvor hat es so viele Blitze gegeben wie im vergangenen Jahr. Ich habe Angst, dass ich das nächste Opfer sein könnte“, sagt Cheng Chenda, eine Hausfrau aus Phnom Penh. „Aber ich glaube, wenn wir Gutes tun, können wir verhindern, dass uns der Blitz trifft.“

Miech Ponn beschäftigt sich im Buddhistischen Institut der Hauptstadt mit Sitten und Gebräuchen. Viele Kambodschaner glaubten, dass Menschen mit Muttermalen auf den Waden oder jene, die Versprechen gebrochen haben, besonders vom Blitzschlag gefährdet seien, erklärt er. Der Volksglaube kennt mehrere Rituale, die die Opfer wieder ins Leben zurückholen sollen.

„Um jemanden wiederzubeleben, verhüllen Dorfbewohner den Körper des Opfers mit weißem Stoff oder springen drei Mal darüber. Oder sie legen den Getroffenen in ein Bett, unter dem sie ein Feuer entzünden“, sagt Miech Ponn und ist selbst überzeugt davon, dass diese Rituale wirken können. Auch Pang Nops Mutter wickelte den leblosen Körper ihres Sohnes in ein weißes Tuch, in der Hoffnung, ihn ins Leben zurückholen zu können, vergeblich.

Der oberste Astrologe des kambodschanischen Königshauses, Kang Ken, hatte vorausgesagt, dass 2008 viele Menschen durch Blitze sterben würden. „Grund für die gestiegene Zahl von Blitztoten ist die Zerstörung der Natur und die religiöse Prophezeiung, dass es ein Jahr des Unglücks werden sollte“, sagt Miech Ponn.

Wissenschaftler liefern eine etwas andere Erklärung: In den vergangenen zwei Jahren sei die Regenzeit von Mai bis November aufgrund des Klimawandels besonders stark ausgefallen, sagt der Meteorologe Long Saravuth. „Naturphänomene wie Blitzschlag kann man weder vorhersagen noch kontrollieren.“

Anthony Del Genio von der US- Raumfahrtbehörde NASA widerspricht: Schuld an den vielen Blitztoten sei nicht der Klimawandel, für eine solche Aussage sei der Zeitraum zu kurz. Vielmehr habe das sehr heiße und trockene Wetter zu Beginn des vergangenen Jahres die Voraussetzungen für die Blitzgewitter geschaffen.

2009 rechnen die Kambodschaner mit einem Jahr des Glücks. Wenn das Wetter mitspielt, könnten sie Recht behalten.

afp

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©dpa