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15:42 08.11.2018
Start einer SpaceX-Rakete in Vandenberg, Kalifornien, am 22. Mai: Mit acht Raketen wurden die neuen Iridium-Satelliten ins All geschossen. Quelle: Gene Blevins/Imago
Hannover

Wer nachts zum Himmel hinauf schaut, kann gelegentlich ein seltsames Phänomen beobachten: Plötzlich taucht aus dem Nichts ein schwach leuchtender Punkt auf, der sich zügig über das Firmament bewegt. Innerhalb weniger Sekunden wird er immer heller, manchmal leuchtet er viel stärker als Venus oder Jupiter – dann verliert er seine Strahlkraft und verschwindet wieder in der Dunkelheit. Meist ist der Spuk nach höchstens 30 Sekunden vorbei. Was aussieht wie ein Ufo oder eine Sternschnuppe in Zeitlupe, ist tatsächlich ein Iridium Flare: Die Reflexion von Sonnenstrahlen auf den Antennen von Kommunikationssatelliten. Mit dem hübschen Effekt ist es nun bald vorbei, ab Februar wird es keine Blitze („Flares“) mehr geben.

66 Satelliten schickte die US-Firma Iridium Communications in den 90er Jahren ins All. Der Name Iridium bezieht sich auf die Ordnungszahl des Elements Iridium im Periodensystem: Ursprünglich waren 77 Satelliten geplant, am Ende reichten 66. Die Geschäftsidee: Mit entsprechenden Satellitentelefonen kann jeder Kunde von jedem Ort der Erde aus telefonieren.

Iridium 13 im Sternbild Cassiopeia – auf einer Langzeitaufnahme sieht der Satellit wie ein Strich aus, der in der Mitte leuchtet. Quelle: A. Möller

Interessant war das etwa für Expeditionen in entlegene Gebiete des Planeten, für vielreisende Geschäftsleute oder Schiffsbesatzungen. Die Geräte waren anfangs klobig, die Gebühren hoch, das Geschäft lief schleppend: Statt der erwarteten Millionen gab es nur um die 50.000 Kunden. Inzwischen zählt das Unternehmen rund 1,1 Millionen Abonnenten – der wichtigste ist das US-Militär, das großen Wert darauf legt, dass ihre Soldaten überall auf der Welt unabhängig von gewöhnlichen Mobilfunknetzen erreichbar sind.

Iridium-Flares lassen sich sekundengenau berechnen

Die Flares haben mit all dem eigentlich nichts zu tun, sie entstanden aus Versehen: Niemand dachte an Reflexionseffekte, als man die etwa haustürgroßen Antennen der Satelliten mit grau-silberner Farbe strich. Doch jetzt treffen vor allem in den Stunden nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang die Strahlen unseres Zentralgestirns auf die Antennen, die das Licht für wenige Sekunden zur Erde reflektieren. Weil die Bahn der Satelliten bekannt ist, lässt sich dieses Ereignis exakt vorhersagen: Apps wie „Sky Guide“ oder Internetseiten wie www.calsky.com geben die genauen Positionen und Zeiten an.

Iridium Flare über Hannover parallel zu einer Flugzeugspur. Um ein Iridium Flare ohne besondere Ausrüstung (etwa eine Nachführung zum Ausgleich der Erdrotation) zu fotografieren, muss man mit einer Systemkamera auf einem Stativ mindestens 30 Sekunden lang belichten. Alternativ kann man kürzer belichtete Intervallaufnahmen machen und diese anschließend mit einer Bildbearbeitungssoftware zusammensetzen. Das ist zwar nicht ganz einfach, hat aber einen Vorteil: Falls Sterne auf dem Bild sind, erscheinen diese bei kurzer Belichtungszeit punktförmig, nicht als kurze Striche. Für das Objektiv empfiehlt sich eine eher kleine Brennweite. Quelle: Udo Harms

Manche Himmelsfotografen legen sich gezielt auf die Lauer, um die Satelliten abzulichten. Wer dagegen Galaxien oder andere komplexe Objekte im All fotografieren will, ärgert sich oft über die lästigen Flares, die die Aufnahmen stören können. Deshalb sind sie auch bei Astronomen nicht besonders populär – da die Erscheinungen wissenschaftlich wertlos sind, gelten sie bei den Profis eher als Teil der Lichtverschmutzung.

Doch das Ende ist nah. Iridium Communications ist dabei, alle alten Satelliten auszutauschen, die neuen Iridium-Next-Satelliten haben keine reflektierenden Flächen mehr. Am 30. Dezember morgens um 8.38 Uhr Ortszeit wird von der Vandenberg Air Force Basis in Kalifornien eine Rakete des privaten Raumfahrtunternehmens SpaceX abheben und die letzten von 75 Next-Satelliten in einen erdnahen Orbit (in rund 800 Kilometern Höhe) befördern.

Iridium-Abschiedsfeier in den sozialen Medien

Aus der ersten Generation sind derzeit nur noch ein paar Satelliten im Einsatz – deshalb gibt es schon jetzt nur noch wenige Flares zu sehen. Bisher waren es drei bis vier pro Nacht, jetzt oft gar keine. Etwa vier Wochen nach dem Start sollen alle alten Satelliten abgeschaltet sein, erklärt Jordan Hassin, Sprecher von Iridium Communications: „Das gibt uns die Zeit, um die neuen Satelliten gründlich zu prüfen.“

Die abgeschalteten Satelliten sinken auf eine niedrige Umlaufbahn – und verglühen beim Eintritt in die Erdatmosphäre. Da sie klein und nur etwa 600 Kilogramm schwer sind, dürften keine Bruchstücke auf die Erde fallen. Allerdings gibt es offenbar Ausnahmen: So soll Mitte Oktober der Tank von Iridium 70 in der Nähe der Stadt Hanford in Kalifornien auf dem Boden aufgeschlagen sein, berichtete der Sender FoxNews. Laut Hassin war dies das bisher einzige Mal, dass ein Teil eines Iridium-Satelliten nicht in der Atmosphäre verglüht ist.

Iridium Communications will traurigen Himmelsguckern das Ende erleichtern: Unter dem Hashtag #Flarewell nehme man Abschied, sagt Hassin. Jeder Nutzer könne seine Fotos von Iridium Flares bei Twitter oder in anderen sozialen Medien teilen. Dort, sowie unter #Catchtheiridium und auf der privaten Website catchtheiridium.com, gibt es auch laufend Meldungen, wenn erneut ein Satellit verglüht ist.

Von Udo Harms/RND

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