Ein fragiles Gebilde: Ausflug von Demenzkranken mit Ziel Seeburger See.
Ergotherapie mag funktional der richtige Begriff für das sein, was vom Caritasverband Göttingen in Duderstadt angeboten wird. In der Praxis geht es jedoch um nichts geringeres als die Wahrung der Würde der Betroffenen. Denn die Betreuung und Aktivierung von Demenzkranken erfordert mehr als pflegerische Fähigkeiten. „Die Sprache der Demenzkranken ist eine andere“, erklärt Lydia Ballhausen vom Caritasverband. Ihre Fähigkeiten zu erkennen, die es zu fördern gilt, an sie Forderungen zu stellen, die umgesetzt werden können, ihre Grenzen abzuschätzen, die zu respektieren sind, stellt Ballhausen und die ehrenamtlichen Helfer der Caritas vor eine schwierige Aufgabe.
Gelöst wird sie mit viel Engagement und Empathie von Seiten der Betreuer, mit einem festgelegten Ablauf der Nachmittage und vor allem Wertschätzung, „das ist die goldene Regel“, so Ballhausen.
In Beziehung treten
Ein hehrer Anspruch. In vielen kleinen Gesten zeigt sich, wie dem entsprochen wird: Ein Dienstagnachmittag, 15 Uhr, am Caritas-Centrum. Langsam bewegt sich eine Gruppe auf die offenen Türen eines Kleintransporters zu. In der Mitte ältere Menschen, zum Teil unsicheren Schrittes, links und rechts Helfer, die sie stützen. Sanft aber bestimmt lenkt Ballhausen die Gruppe, verteilt Aufgaben. Dann geht es los in Richtung Seeburger See. Schon im Bus wird gesungen, ein Begrüßungslied gehört um festen Ritual.
Am See angekommen findet sich die Gruppe am Rastplatz zusammen. Jeder wird von Ballhausen aufgefordert ein paar Sätze zu sagen. Die Dementen sollen den anderen bewusst machen und sich selbst bewusst werden, wer sie sind, in welcher Stimmung sie sich befinden, was sie sich heute wünschen. Auch der Reporter wird einbezogen, er ist heute Teil der Gruppe, sie hat ein Recht auch etwas über ihn zu erfahren.
Danach kommen Bewegungsübungen. Es geht um das Körperbewusstsein, auch Berührungen und in Beziehung treten. Die Kaffeerunde gehört ebenfalls um Ritual. „Miteinander essen und trinken ist wichtig“, erklärt Ballhausen. Der Punkt Kreatives im Programm bestreitet heute Ralf Brandenburg. Er ist einer der ehrenamtlichen Helfer und hat einen Vortrag über den Seeburger See ausgearbeitet. Da alle in der Gruppe aus der Region stammen, werden an vielen Stellen des Vortrages Erinnerungen wach, die sogleich erzählt werden. Brandenburg lässt es zu, greift die Beiträge auf, fordert sie heraus.
Für die Gruppe geht der Nachmittag weiter, mit einem Besuch in der Wallfahrtskapelle Germershausen („Das bedeutet einigen in der Gruppe viel“), dem gemeinsamen Essen im Caritas-Centrum und noch ein paar Liedern.
Von außen sieht das aus wie ein normaler Seniorenausflug. Näher betrachtet ist die Gruppe ein fragiles Gebilde. „Manche basteln gerne, andere wollen spielen. Da haben wir dann zwei, drei, die sich verweigern. Die kochen dafür gerne und freuen sich, wenn sie der Gruppe etwas präsentieren können. Ein andere wieder spielt gerne Klavier und sorgt für Kaffeehausstimmung.“ Was Ballhausen beschreibt ist nichts anderes als Therapie unter dem Primat der Wertschätzung. Jeder wird dort abgeholt, wo er sich befindet. Jeder trägt im Rahmen seiner Fähigkeiten zur Gruppe bei.
Mit Fingerspitzengefühl
Das erfordert Phantasie und Fingerspitzengefühl. „Es gibt Tage, an denen einer nur passiv in der Ecke sitzt. Das darf er auch, wir sprechen dann unter vier Augen darüber, was ihn bedrückt.“ Nicht selten sind es die Augenblicke, in denen den Dementen bewusst wird, was sie ihren Angehörigen zumuten, berichtet Ballhausen. Auch mit diesen spricht sie. „Zum Gesamtkonzept gehört der Gesprächskreis mit den pflegenden Angehörigen. Sonst wäre ich nur der Clown, der einen Zaubernachmittag macht.“ Ihre Aufgabe sieht sie aber darin, „den stärksten Pflegedienst, den wir haben – die Familie, zu stärken“.
Von Ulrich Lottmann