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Interview

Falschangaben: „So enttäuscht über den Vorgang“

Die Affäre um den Forschungsskandal an der Universität Göttingen hat inzwischen eine öffentliche Diskussion über strukturelle Schwachstellen des Wissenschaftsbetriebes in Deutschland ausgelöst. Über Einzelheiten des Falles und daraus zu ziehende Konsequenzen sprach Heidi Niemann mit dem Präsidenten der Hochschule, Prof.Kurt von Figura.

Fordert andere Kultur der Begutachtung: Kurt von Figura.

© CR
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Tageblatt: Wie hoch ist die Zahl der Publikationen des betroffenen DFG-Sonderforschungsbereichs 552, und wie viele Falschangaben wurden gemacht?

Figura: Ich kann das nicht für die gesamten neun Jahre sagen, aber wir haben das für die dritte Förderperiode geprüft. In den drei Jahren sind insgesamt 231 Publikationen in Journalen und Monographien mit Begutachtungsverfahren veröffentlicht worden, die auch alle vorliegen. Es sind in dem Förderantrag dann noch weitere 63 Manuskripte aufgeführt worden, die diesen Angaben zufolge zur Veröffentlichung bei Journalen eingereicht waren, sich aber noch in deren Begutachtungsprozess befanden. Dies ist eine ungewöhnlich hohe Zahl. 

Hat die hohe Zahl jemanden misstrauisch werden lassen?

Das ist damals auch unserer Forschungskommission aufgefallen, die auch den damaligen Sprecher des Sonderforschungsbereichs auf diesen kritischen Punkt hingewiesen hat. Der Antrag wurde dann aber trotzdem so eingereicht. Den Gutachtern der Deutschen Forschungsgemeinschaft fiel dies ebenfalls auf. Sie stellten dann fest, dass drei der 63 angeführten Manuskripte überhaupt nicht vorhanden und vier noch nicht eingereicht waren. In einigen anderen Fällen waren die Manuskripte später eingereicht worden, als im Antrag angegeben war.

Hätte der Förderantrag ohne diese teilweise erfundenen Manuskripte nur eine geringe oder gar keine Bewilligungschance gehabt?

Nein, denn der Sonderforschungsbereich hat in seiner gesamten Laufzeit sehr, sehr gute wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht. Auch was in der dritten Förderperiode vorgelegt wurde, war exzellent. Weil die Gutachter diese hervorragenden Vorleistungen kannten, waren sie ja auch so enttäuscht über den Vorgang.

Befürchten Sie, dass der Fall auch Auswirkungen auf den Exzellenzstatus der Universität haben könnte?

Es ist ganz klar, dass wir einen enormen Rufschaden erlitten haben. In der deutschen Wissenschaft wird darüber breit diskutiert, und da setzt sich was in den Köpfen fest. Göttingen wird assoziiert mit einem auffälligen Fall von wissenschaftlichem Fehlverhalten. Dabei geht es nicht um das Fälschen von publizierten Daten, sondern um einen Punkt, bei dem wir uns bislang alle vertraut haben, nämlich dass Angaben zu Publikationen und Manuskripten korrekt sind.

Nun spielen Publikationen eine entscheidende Rolle bei der Einwerbung von Drittmitteln. Die Universität Göttingen wäre in der Exzellenzinitiative fast gescheitert, weil sie zu wenig Drittmittel vorzuweisen hatte. Stehen die Wissenschaftler wegen des Wettbewerbs um Drittmittel unter zu starkem Publikationsdruck?

Wir haben hier unsere Anstrengungen deutlich verstärkt. Unsere eingeworbenen Drittmittel sind seit 2006, dem Referenzjahr der Exzellenzinitiative, um 31 Prozent angestiegen. Das ist ein Riesenerfolg. Es ist dabei in der Tat so, dass ein erheblicher Druck auf den Wissenschaftlern lastet. Ich glaube, dass wir zu einer anderen Kultur der Begutachtung kommen müssen. 

Bei vielen Begutachtungsprozessen spielt die Quantität eine zu große Rolle. Warum? 

Es ist einfacher, die Quantität zu messen als die Qualität. Es sollte aber nicht die Zahl der Publikationen im Vordergrund stehen, sondern die inhaltliche Qualität. Wissenschaftler sollten die Vorgabe erhalten, in ihren Förderanträgen die wichtigsten Publikationen zu benennen, an denen sie gemessen werden wollen. Das kann weniger als eine Handvoll sein. Von den Gutachtern muss man dann erwarten können, dass sie diese Publikationen inhaltlich sorgfältig prüfen. An der Universität Göttingen gehen wir diesen Weg bereits. Bewerber für Professuren werden aufgefordert, ihre wichtigsten Publikationen anzugeben, die dann von der Berufungskommission geprüft werden.

Drittmittelanträge erfordern einen großen Zeit- und Arbeitsaufwand. Bleibt den Wissenschaftlern überhaupt genügend Zeit für gründliche Forschung?

Genau dies ist ein wichtiger Bestandteil unseres Zukunftskonzepts: Wir haben einen Forschungsservice eingerichtet, der die Wissenschaftler bei der Antragstellung unterstützt und ihnen administrative Tätigkeiten abnimmt. Damit wollen wir sie entlasten für ihre produktive Tätigkeit.

Wie lässt sich der Imageschaden für die Universität jetzt begrenzen? 

Die Universität kann aus diesem Fall auch lernen. Wir sind sofort aktiv geworden und haben inzwischen eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die der Prävention dienen. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Wir sind damit aber bereits auf eine sehr positive Resonanz gestoßen, auch bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft.


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