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Studie in Kassel

Fühlbare Musiktöne für gehörlose Menschen

Musik verbindet Millionen, doch viele Menschen sind vom Musikgenuss weitgehend ausgeschlossen, weil sie hörbehindert sind. Forscher der Universität Kassel haben am Donnerstag Vorschläge vorgelegt, wie ein Museum Töne, Klänge und Harmonien auch für hörbehinderte Menschen erfahrbar machen könnte.

Präsentation im Kasseler Spohr-Museum: Künftig soll es Hörbehinderte besser informieren.

© EF
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Die Studie entstand im Auftrag des Kasseler Spohr Museums, das dem Leben und Werk des Dirigenten, Geigers und Komponisten Louis Spohr (1784-1859) gewidmet ist. Selbst nahezu gehörlose Menschen besitzen mitunter erstaunliche musikalische Fähigkeiten. Ludwig van Beethoven, Bedrich Smetana oder Gabriel Fauré brachten einen Großteil ihrer bedeutendsten Kompositionen im Stadium fortgeschrittener Hörbeeinträchtigung oder gar Taubheit hervor.

Prominente Beispiele der Gegenwart sind die schottische Perkussionistin Evelyn Glennie, der britische Organist Paul Witthaker oder die Musikerin und Tänzerin Sarah Neef. Diese leitete die Präsentation in Kassel mit einem Vortrag „Musik erleben als Gehörlose“ ein.

Nur ein Prozent der Menschen mit Hörbeeinträchtigungen können als vollständig gehörlos gelten. Da die meisten Hörschädigungen im Verlauf des Lebens erworben werden, hatten viele Gehörlose oder Schwerhörige durchaus die Chance, Musik im Lauf ihres Lebens kennen und lieben zu lernen. Somit verfügen auch die meisten Gehörlosen über die Fähigkeit, sich in Musik einzufühlen, wenn ihnen entsprechende Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden.

„Musik wird von Menschen ganzheitlich wahrgenommen, nicht nur mit den Ohren“, sagt Prof. Jan Hemming, Leiter des Instituts für Musik an der Uni Kassel und Autor der Studie: „So nimmt jeder Mensch Töne auch als Vibrationen mit dem ganzen Körper wahr.“
Ein guter Ansatz ist die im Spohr-Museum bereits vorhandene „Fühlstation“. Hier werden in tiefere Lagen versetzte Melodietöne einer Komposition Spohrs mit einem Lautsprecher auf eine Holzplatte übertragen, auf der die Museumsbesucher die Schwingungen der Musik dann mit der Hand erfühlen können. Besser geeignet sind jedoch Installationen, die Musik nicht auf das Wesentliche reduzieren, sondern ihre ästhetische Gesamtgestalt erhalten. Im einfachsten Fall kann das schon durch verschiedene Trommeln erreicht werden, deren Membranen unterschiedlich straff gespannt werden.

„So können sehr unterschiedliche Töne fühlbar gemacht werden, denn die verschiedenen Membranen beginnen bei ganz unterschiedlichen Tonhöhen zu schwingen“, erklärt Hemming. Auf diese Weise könnten auch komplexere Kompositionen und ihre Orchestrierung fühlbar werden.
Auch über die Augen kann Musik den Menschen nahe gebracht werden. So schlagen die Kasseler Forscher vor, in einem barrierefreien Musikmuseum Orchesteraufnahmen zu zeigen, bei denen nur Hände und Taktstock des Dirigenten zu sehen sind. Durch die oft dramatischen Gesten des Dirigenten könne der Klang der Musik verdeutlicht werden. Darüber hinaus schlagen die Kasseler Forscher vor, Becken und andere Gefäße aufzustellen, in denen die Schwingungen der Musik auf Wasser übertragen und so sichtbar gemacht werden.

Mit Hilfe der Technik lässt sich Musik auf vielfältige Weise visualisieren. So kann Stroboskoplicht das unterschiedlich starke Schwingen von Saiten sichtbar machen. Programme wie das beliebte Audiosurf setzen Töne in Farben und die Dramatik eines Computerspiels um. Im Idealfall sollten auch die Visualisierungen eigene ästhetische Ansprüche verfolgen und nicht nur Hilfsmittel sein. Als gelungene Beispiele empfehlen die Kasseler Forscher Klassik-Musikvideos von Zbigniew Rybczyski oder den barrierefreien Videoclip zum Song „Waiting“ der deutschen Band Breitenbach.

Schließlich muss sich auch eine Museumsführung auf die besonderen Bedürfnisse hörbehinderter Besucher einstellen. So sollte für Menschen mit Hörgeräten dafür gesorgt sein, dass das Museum über entsprechende Sendeschleifen im Boden oder einen Bluetooth-Sender verfügt. Die Ausleuchtung der Räume sollte so gut sein, dass die Besucher problemlos von den Lippen des Museumsführers ablesen können.

Da viele Menschen mit Hörschäden sich mit Vorliebe per SMS verständigen, sollte der Museumsmitarbeiter zudem zu Beginn einer Führung seine Handynummer mitteilen, empfehlen die Kasseler Musikforscher. So könnten Besucher während oder nach einer Führung Rückfragen an ihn per SMS richten.

eb/uk


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