Neues Terrain erkundet: Aufmerksamkeitsforscher Stefan Treue ist Leibniz-Preisträger.
Kreative Forscherpersönlichkeiten sollen den wichtigsten deutschen Förderpreis erhalten. 170 waren für 2010 vorgeschlagen. Der Göttinger Biologe Treue gehört zu den zehn Preisträgern in diesem Jahr. Damit gilt er nach Ansicht von DFG-Präsident Prof. Matthias Kleiner als eine „Persönlichkeit, die Wissenschaft und Forschung voranbringt, getrieben vom eigenen Erkenntnisinteresse, von der eigenen Neugier und vom eigenen Mut, neue Fragen zu stellen und neues Terrain zu erkunden.“
Aufmerksamkeitsforscher Treue machte sich während seiner Tätigkeit am Baylor College für Medizin in Houston (USA) daran, neues Terrain zu erkunden. „Alle waren sich einig, dass wir in Bereichen suchen, die mit Aufmerksamkeit nichts zu tun haben“, erinnert er sich. Damals sei man davon ausgegangen, dass Reize im Gehirn nur physikalische Eigenschaften haben. „Wir haben anders gedacht und ein Areal untersucht, das als reines Filtersystem galt“, sagt Treue und immer noch schwingt Verwunderung in seiner Stimme mit über die erste Untersuchung. Bereits sie ergab, dass Aufmerksamkeitsphänomene schon bei der Verarbeitung von Informationen in Gehirnarealen, von denen zuvor angenommen wurde, dass sie durch kognitive Prozesse nicht erreicht werden, eine wichtige Rolle spielen. „Dadurch hat sich die Szene enorm verändert“, sagt Treue rückblickend.
Bis heute befasst Treue sich mit den Prinzipien der Aufmerksamkeitssteuerung, die zu den Grundmerkmalen der höheren Hirnfunktionen zählen. „Die Versuchsreihen dauern Jahre und so spiegelt der Preis auch die Forschung in den vergangenen Jahren wider“, erklärt der 45-jährige Preisträger. Dessen Forschung hat nach Ansicht der DFG „starken Einfluss auf große Teile der Hirnforschung“. Sie mache klar, dass neuronale Aktivitäten auf den unterschiedlichsten Ebenen des visuellen Systems durch Aufmerksamkeit beeinflusst werden. Und so fanden Treues neurobiologische Untersuchungen und Befunde an Rhesusaffen und Menschen weltweite Beachtung.
Den hochdotierten Leibniz-Preis will Treue nutzen, um ein weiteres Gebiet der Aufmerksamkeitsforschung zu erforschen: „Bisher haben wir Wirkungsweise und Einflüsse untersucht, jetzt wollen wir wissen, wie wird das System kontrolliert.“ Dafür brauche er Geräte und Mitarbeiter.
Mit der Forschungsförderung aus dem Leibniz-Preis, bis zu 2,5 Millionen Euro, seien sowohl ergebnisoffene Risikoprojekte als auch solchen mit langer Laufzeit zu verwirklichen, so Treue. In der Regel haben Forschungsförderungen eine Laufzeit von drei Jahren und die Anträge müssen plausibel darstellen, welche Ergebnisse erreicht werden können. Leibniz-Preisträger haben diese Einschränkungen nicht.
Mit Göttingen verbindet Treue „einmalige Möglichkeiten“. Im Jahr 2001 kam er aus Tübingen und erhielt die „Chance, ein ganzes Institut zu leiten“ als Direktor des DPZ und dessen Leiter der Abteilung „Kognitive Neurowissenschaften“. Damals habe ihn der Ruf des DPZ bewogen, nach Göttingen zu kommen. 2003 übernahm er die von der Universität Göttingen und dem DPZ getragene Professur „Kognitive Neurowissenschaften und Biopsychologie“.
Dass er im vergangenen Dezember, als er als Leibniz-Preisträger 2010 bekanntgegeben wurde, den Preis auch als eine Auszeichnung für den Forschungsstandort Göttingen bezeichnete, sei eine Entwicklung der vergangenen Jahre, die inzwischen auch einmalige Möglichkeiten bietet. Treue hat daran mitgewirkt, vor allem auf dem Gebiet der Neurowissenschaften. Er ist aktiv im Göttingen Research Council (GRC), in dem universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten, und im Vorstand des Bernstein-Netzwerk Computational Neuroscience.
Und als Direktor des DPZ sieht er die besondere Verantwortung des Instituts gegenüber der Öffentlichkeit in Bezug auf die Tierschutz-Diskussion, die immer auch die Primatenforschung betreffe. Treue will mit Sachkenntnissen die Diskussion entschärfen. Denn die „Primaten bilden ein Tausendstel der Versuchstiere, sind aber von enormer Bedeutung und keineswegs verzichtbar“, erklärt der Biologe. Deshalb sei es ihm wichtig, dass das DPZ über diesen Aspekt seiner Tätigkeit informiere. Auch das sei eine der Aufgaben, die er nicht abgeben könne.
Wohl auch, weil Treue ein Forscher mit vielen Aufgaben ist weiß und betont er: „Diese Forschungsarbeit ist hundertprozentig ich, das kann in den Biowissenschaften niemand von sich sagen. Forschung ist Teamwork heutzutage“ – auch wenn der Preis an ihn gehe. Vielleicht ist das einer von den Gründen, warum das Team im DPZ auch gerne gemeinsam feiert – am Dienstag, 16. März, ist der Leibniz-Preis ein weiterer.
Von Angela Brünjes
Zum 25. Mal wird am Montag, 15. März, der Leibniz-Preis der Deutschen-Forschungsgemeinschaft verliehen. Deutschlands wichtigster und höchster Forschungsförderpreis geht seit 1986 an herausragende Forscherinnen und Forscher und soll deren Arbeitsbedingungen verbessern. Bis zu 2,5 Millionen kann jeder Preisträger erhalten und die Summe über einen Zeitraum von bis zu sieben Jahren verwenden. Verliehen wurden die Preise anfangs in Bonn, wo die DFG ihren Sitz hat, und seit 2002 überwiegend im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin-Mitte.
Für ihre Forschungsleistungen wurden seit 1986 insgesamt 303 Wissenschaftler mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet, 273 Wissenschaftler und 30 Wissenschaftlerinnen. Da der Preis und das Preisgeld in Ausnahmefällen auch geteilt werden können, ist die Zahl der Ausgezeichneten höher als die der Preise: Seit Beginn des Programms wurden 280 Preise vergeben, davon gingen 15 an Preisträger aus Göttingen. Auf die Fachgebiete verteilte sich der Leibniz-Preis folgendermaßen: 97 Naturwissenschaften, 79 Lebenswissenschaften, 61 Geistes- und Sozialwissenschaften und 43 Ingenieurwissenschaften.
Seit 2007 haben sich die Bedingungen für die Leibniz-Preisträger noch einmal deutlich verbessert: Sie erhalten in der Regel ein Preisgeld von 2,5 Millionen Euro (zuvor 1,55 Millionen), das sie über einen Zeitraum von bis zu sieben Jahren (zuvor fünf Jahre) nach eigenem Ermessen für Forschungsprojekte verwenden können. Diesen ungewöhnlich flexiblen Umgang mit dem Preisgeld bezeichnete der damalige DFG-Präsident Prof. Hubert Markl bei der ersten Preisverleihung als „märchenhafte Freiheit“, was seitdem praktisch zum Motto für den Leibniz-Preis geworden ist.jes